Es war einmal: der Bisam

Bisams waren früher in den Donau-Auen gewissermaßen an jeder Ecke zu beobachten. Das hat sich geändert. Warum, darüber wird spekuliert. Naturfotograf Kurt Kracher aus Groß-Enzersdorf erinnert sich, zuletzt 2009 in der Unteren Lobau einen Bisam gesehen zu haben. Der Veteran Norbert Sendor hat 2012 im Eberschüttwasser zum letzten Mal einen Bisam fotografiert. Noch Anfang der 1990er-Jahre waren sie praktisch an jedem Augewässer zu finden.

Eberschüttwasser, Foto: Norbert Sendor (2012)

Das Verschwinden der Bisams ist allerdings keine Katastrophe, denn es handelt sich um eine faunenfremde Tierart, die 1905 aus Amerika importiert und in der Nähe von Prag ausgesetzt wurde. Zu diesen Bisams gesellten sich bald andere, nämlich aus Pelzfarmen in Frankreich, Belgien und Polen entkommene Exemplare. 1922 wurden erstmals in Wien Bisams gesichtet, 1925 erstmals am Neusiedlersee. Ihre Vermehrungsrate war so hoch, dass sie bald überall im Land als Plage galten. Hauptproblem: Sie unterminieren Dämme.

Außerdem nehmen sie – im Gegensatz zum Biber – nicht nur pflanzliche, sondern auch tierische Nahrung zu sich: Krebse und vor allem Muscheln. Dichte Bisampopulationen können deshalb die Bestände der ohnehin gefährdeten, großen Süßwassermuscheln arg beeinträchtigen. Anmerkung: Bisams fällen keine Bäume.

Die wichtigsten anderen Unterschiede zum Biber: Bisams werden gute 1,5 Kilogramm schwer, Biber mehr als 25 Kilogramm. Bisams haben einen ovalen, seitlich zusammengedrückten Schwanz, Biber besitzen einen breiten, abgeplatteten Schwanz, die sogenannte Biberkelle.

Umgangssprachlich wird der Bisam auch Bisamratte genannt – obwohl er, was die Verwandtschaft betrifft, mit einer Ratte nur bedingt zu tun hat. Ratten und Bisams gehören zwar beide zur zoologischen Überfamilie der „Mäuseartigen“ – der Bisam jedoch zur Familie der „Wühlmäuse“ (mit dem Hamster verwandt), die Ratte zur Familie der „Langschwanzmäuse“. Und die Biber gehören überhaupt zu einer komplett anderen Unterordnung, zu den „Biberverwandten“ (im Gegensatz zu den „Mäuseverwandten“).

Foto: Kurt Kracher (2009)

Im 1970 erschienenen 2. Band der „Naturgeschichte Wiens“ heißt es noch: „Die Bisamratte kommt sowohl am Donauufer als auch an den größeren Altwässern der Lobau sowie an der Alten Donau stellenweise recht häufig vor.“ (In der Alten Donau werden auch heute noch hin und wieder welche gesehen.)

Und 1999 wird in einem Buch des Umweltbundesamts festgestellt, die March-Thaya-Auen würden stark vom Bisam genutzt werden, da „man auf Schritt und Tritt und an jeglicher Art von Gewässer“ Bisamspuren fände.

Augenscheinlich hat sich an der Häufigkeit des Bisams in den Donau-Auen seitdem etwas verändert.

Gesichertes Zahlenmaterial gibt es dazu keines. Indizien bietet die Website www.stadtwildtiere.at. Unter vielen Hunderten Einträgen von in Wien gesichteten Wildtieren betreffen nur einige wenige den Bisam: an der Donauinsel in Höhe Panozzalacke, in Oberlaa, im Lainzer Tiergarten.

Fest steht, dass junge Bisams bei Beutegreifern sehr beliebt sind. In den Donau-Auen sind das Seeadler, Füchse, Iltisse und das eine oder andere Mal wohl auch ein großer Hecht oder Wels, von denen sie gejagt und gefressen werden. Wie sehr der in Ausbreitung begriffene Fischotter und der invasive amerikanische Nerz, der Mink, die Bisambestände beeinflussen, ist ungeklärt.

Foto: Norbert Sendor (2009)

Man weiß jedoch, dass Bisampopulationen ganz gewaltig schwanken können. Bei sehr hoher Dichte kommt es durch Seuchen oft zu katastrophalen Zusammenbrüchen.

Dass die mittlerweile beinahe allgegenwärtigen Biber mit dem Rückgang der Bisams zu tun haben, ist unwahrscheinlich. Die beiden Art scheinen ohne aggressive Auseinandersetzungen im selben Lebensraum existieren zu können. Oft wohnen sie in enger Nachbarschaft. Die Bisams knabbern zuweilen sogar an den feinen Zweigen der von Bibern gefällten Weiden – und profitieren damit von der Tätigkeit der Biber.

 

Quellen:

  • Johanna Sieber (1999): „Säugetiere“ – In: Fließende Grenzen – Lebensraum March-Thaya-Auen, Umweltbundesamt, Wien (S. 206)
  • Andreas Kranz (1997): Geheimnis um Fischotter und Bisam – Frißt der Fischotter tatsächlich alle Bisamratten? – Natur und Land (vormals Blätter für Naturkunde und Naturschutz) – 1997_3: 9 – 11.
  • Hans Peter Kollar, Marianne Seiter (1990): Biber in den Donau-Auen östlich von Wien. Eine erfolgreiche Wiederansiedlung. – Umwelt – Schriftenreihe für Ökologie und Ethologie – 14: 1 – 75.
  • Ferdinand Starmühlner, Friedrich Ehrendorfer [Redaktion] 1972: Naturgeschichte Wiens. Band 2 (Naturnahe Landschaften, Pflanzen- und Tierwelt), Verlag Jugend und Volk
  • Ruth Maria Wallner  [Redaktion] 2005: Aliens. Neobiota in Österreich (Grüne Reihe des Lebensministeriums, Band 15)

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