Lobau vertrocknet: Entscheidung verschoben auf irgendwann

Es geht viel schneller, als wir noch vor einigen Jahren befürchtet haben: die Gewässer der Unteren Lobau verschwinden. Der Mangel an Wasser ist eklatant. Dazu kommt die Verlandung: Aufgrund fehlender Hochwässer und fehlender Einspeisung von Donauwasser werden die Schlammschichten am Gewässergrund immer höher, Seerosen und Schilf überwuchern die verbliebenen offenen Wasserflächen.

Norbert Sendor und Elisabeth Zeman sind immer wieder zum Fotografieren in Schönau und finden das rasche Sinken des Wasserstandes erschreckend. Ein ebenso regelmäßiger Beobachter des Geschehens ist Naturfotograf Kurt Kracher: „Das Kühwörtherwasser ist stellenweise kurz vor dem Austrocknen und die Schwadorfer Rinne teilweise staubtrocken. In den Pfützen suchen Reiher, Kormorane und Eisvögel die letzten Fische.“

Dass sich die Donau immer tiefer gräbt und ihr Umfeld demgemäß vom Wasser abgetrennt wird, ist seit Jahrzehnten klar. Dass sich Klima und Wetter verändern ebenso. Wieso hat man angesichts dieser Lage und in Anbetracht der Ziele des Nationalparks nichts gegen die Austrocknung der Lobau getan?

Unsere Antwort: Weil sich die Politik vor Entscheidungen drückt.

Denn im Oktober 2006 war man noch sehr wohl entschlossen, etwas für die Lobau und gegen ihre ökologische Abwertung zu unternehmen. Die Wiener Umweltstadträtin Ulli Sima hat dies sogar eigenhändig unterschrieben. Das Papier heißt:

„Ergebnisse des Expertinnenhearings und weitere Vorgangsweise hinsichtlich Fertigstellung des verbesserten Donauhochwasserschutzes für Wien.“

Da geht es um Hochwasserschutz und den Ausbau des Marchfeldschutzdammes – unter anderem um „den Bau von mindestens zwei Dotationswehren … um eine entsprechende Gewässervernetzung und Dynamisierung der Unteren Lobau zu erreichen.“ Dazu sei „die Stadt Wien bereit und entschlossen“.

Im unterschriebenen Dokument wird auch daran erinnert, dass 1997/98 von der Nationalpark-Gesellschaft und den Magistratsabteilungen 45 und 49 ein Arbeitskreis „Entwicklungsziele Lobau“ eingerichtet worden war:

„Ergebnis dieser Runde war unter anderem die Empfehlung, die Untere Lobau angemessen in den Hochwasserabfluss einzubeziehen, um damit eine sinnvolle ökologische Entwicklungsperspektive für dieses Gebiet sicherzustellen.“

Dabei sei jedoch auf den Trinkwasserschutz und den Schutz vor Ölunfällen zu achten.

Zusammenfassend wurde festgehalten: „Die Stadt Wien beabsichtigt den verbesserten integrativen Donauhochwasserschutz für Wien in Verbindung mit der Sicherstellung/Verbesserung der ökologischen Funktionsfähigkeit der Unteren Lobau als Auengebiet rasch fertig zu stellen.“

Die genauen Zielvorgaben: „Möglichst starke Anbindung und Dynamisierung bestehender bzw. ehemaliger Altarmsysteme, Sicherstellung einer möglichst naturnahen Durchflutung des Auengebiets; Erhaltung des wertvollen Biotopmosaiks.“

Dies alles eigenhändig unterschrieben von der Umweltstadträtin, der Wiener Umweltanwältin, Vertretern der Universitäten, des Naturschutzes und der beteiligten Magistratsabteilungen.

Der Marchfelddamm wurde mittlerweile ausgebaut. Für die Lobau ist hingegen nichts geschehen. Es heißt, man könne nicht, weil

  • aufgrund von modellhaften Berechnungen die Trinkwasserbrunnen gefährdet wären.
  • man dies in der Praxis aber nicht austesten könne, denn dies würde ein paar Millionen kosten und käme der Stadt damit zu teuer.
  • man eine geplante Trinkwasseraufbereitungsanlage in Stadlau, die das Problem mit der vermeintlichen Gefährdung der Brunnen lösen würde, 2004 trotz Millioneninvestitionen absagen musste. Grund:  Der Trinkwasserverbrauch in Wien würde sinken. (Das tut er seit den 1970er-Jahren. Warum hat man dann in den 90er-Jahren die Aufbereitungsanlage überhaupt geplant und Millionen für Grundstücksankäufe, Werbematerial und einen Architektenwettbewerb ausgegeben?)

Als der WWF als Mitunterzeichner des Papiers Ende 2017 die unterschriebenen Versprechungen des Expertenhearings von 2006 einfordern will und um ein Gespräch mit der Umweltstadträtin ansucht, wird er von ihrem Büro abgewimmelt. Die politisch verantwortliche und letztlich entscheidungsbefugte Stadträtin schickt stattdessen die beiden Chefs der MA 45 Gewässer und MA 49 Forst zu einem Gespräch. Deren Fachkenntnis und guter Wille ersetzte jedoch klarerweise nicht die politische Willenskraft.

Ergebnis: Eine Entscheidung über die Rettung der Lobau wurde von der Politik in aller Freundlichkeit auf den St. Nimmerleins-Tag verschoben.

 

Fotos: Kurt Kracher

 

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