Österreich ist ab 13. März 1938 Teil des nationalsozialistischen Deutschlands. Einer der Hauptakteure des deutschen Einmarsches ist Hermann Göring – seit 1934 Reichsjägermeister, Reichsforstmeister und Oberster Beauftragter für den Naturschutz.
In Hitlers militärischem Regime ist er Generalfeldmarschall und ranghöchster Offizier der Deutschen Wehrmacht. Nebenbei ist er an der Vorbereitung und Durchführung des Holocaust beteiligt und an der Ausbeutung besetzter Gebiete. 1946 wird er als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt.
Im März 1938 besichtigt Hermann Göring im Siegesrausch die Lobau, verkündet, sie zum Reichsjagd- und Naturschutzgebiet zu erklären und gibt freudig erregt bekannt, hier „den König der nordischen Wälder, den Elch“, einzubürgern.
„Sämtliche Lebensbedingungen für das Elchwild“ seien in der Lobau gegeben, heißt es im Juni 1938 im „Kleinen Volksblatt“. „Als ausgesprochener Waldbewohner“ würde „sich der Elch unter den Urwaldriesen der Lobau tummeln, die gewohnten Tümpel und Weiher, versteckt im Gehölz“ würden ihm zur Verfügung stehen und „weite Wiesen“ würden ihm „die notwendige Nahrung geben“.
Somit: „Die Schaffung eines Elchparadieses vor den Toren Wiens wird also nun Wirklichkeit werden.“
Der Haken daran: Das Paradies soll eingezäunt werden, das gemeine Volk soll tunlichst draußen bleiben (“Betreten des Reichsjagdgebietes bei Strafe verboten!”)

Bei Hermann Görings Reichsjagdgebiet „Lobau“ handelt es sich nicht nur um die eigentliche “Lobau” im heutigen Sinn, sondern um die gesamte, am linken Donauufer liegende Aulandschaft bis Orth an der Donau.
Das „Kleine Volksblatt“ beruhigt: „Die Wiener aber verlieren nichts von ihrem gewohnten Sonntagsvergnügen, denn die obere Lobau wird ihnen nach wie vor freistehen. Dort können sie sich wie bisher an den Schönheiten der Lobau ergötzen.“
Jagdhistoriker Johannes Dieberger: „Hermann Göring war, als er Reichsjägermeister wird, ein jagdlicher Laie, lernt später nicht sehr viel dazu, hat aber großes Interesse an der Natur. Er bemühte sich, einige besonders hochwertige Rotwildreviere als „Staatsjagdreviere“ zu deklarieren, und diese für Jagdgäste des Reiches, Industrielle, hohe Offiziere, Diplomaten und ausländische Staatsgäste – insbesondere aber für sich und seine Günstlinge vorzubehalten. Diese Jagdgebiete hatten eine ähnliche Funktion wie die früheren Hofjagdreviere.“
Dem höheren Zweck des Eigennutzes folgend wird die „Lobau“ unter den Nazis zum Naturschutzgebiet erklärt. Jagd, Forst- und Landwirtschaft dürfen zwar weiterbetrieben werden, aber „Anlagen für Industriezwecke, Fremdenverkehrsmaßnahmen, Straßen- und Weganlagen“ wären „ausnahmslos für alle Zeiten verboten“.
Das galt jedoch nur für die Flächen stromabwärts des neu ausgebaggerten Donau-Oder-Kanals und des benachbarten, neu angelegten Ölhafens samt Tanklager. Aus wirtschaftlicher und militärischer Sicht hatten die Natur und die landschaftliche Schönheit der Lobau keinen Wert.
Kein einziger, der im Juni 1938 versprochenen Elche hat jemals den Weg nach Wien gefunden. Görings Elchparadies ist ein Hirngespinst.
Göring wollte einfach für sich und seine Kumpane ein exklusives Jagdrevier. Abgesehen davon waren die Auen am linken Donauufer – noch dazu landseitig eingezäunt – für Elche nicht wirklich geeignet.
Das Gebiet ist zu klein, um auf Dauer eine sich selbst reproduzierende Population zu beherbergen. Es sei denn, man hätte es als großes, nach einer Längsseite hin offenes Elchgehege betrachtet.
Europäische Elche legen im Durchschnitt zehn bis 15 Kilometer pro Tag zurück. Vom Donau-Oder-Kanal bis nach Orth sind es 15 Kilometer. Also lediglich ein einziger Wandertag auf einer Fläche von ungefähr dreißig Quadratkilometern.
Die Größe eines Streifgebiets hängt natürlich vom Nahrungsangebot, von der Jahreszeit, der Elchdichte und dem Alter des jeweiligen Tieres ab.
So gut das Nahrungsangebot im Auwald aber auch sein mag, die Wahrscheinlichkeit, dass einer oder alle Elche einfach über die Donau schwimmen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden, ist groß.
Der Grundgedanke war jedoch nicht so verkehrt: Elche fressen gezielt leichtverdauliche und energiereiche Pflanzenteile (junges Laub, Triebspitzen, Kräuter). Durch die bevorzugte Nutzung von Weiden, Erlen und Birken gelten Elche – gemeinsam mit dem Biber – deshalb als Schlüsselarten für Flusslandschaften.
Mit dem Ende des 2. Weltkrieges kam es zur Auflösung des „Reichsjagdgebietes“. Wegen der starken Bejagung durch die Besatzungstruppen wurden die Wildtiere massiv dezimiert. Oberförster Ernst Zecha in seinem Buch „Hirsche in der Lobau“: „Die Russen hatten nach Kriegsende mit ihren Maschinengewehren aus der Lobau eine fast rotwildfreie Zone gemacht. Nach Abzug der Besatzung begann sich das Rotwild wieder zu erholen.
Quellen:
- Kohler, Bernhard; Kraus, Erhard; Scherzinger, Wolfgang (2025): Positionspapier Nationalpark Kampwald & Wilde Weiden. Fakten zum Projekt. In: AG Wildtiere – Forum Wissenschaft & Umwelt https://ag-wildtiere.com/wp-content/uploads/2025/11/positionspapier_np-kampwald-wilde-weiden-2.pdf
- Markova, Ina; Wedrac, Stefan (2023): Hamburg des Ostens? Der Ausbau des Wiener Hafens in der NS-Zeit. Böhlau Verlag Wien
- Dieberger, Johannes (2018): Geschichte der Jagdkultur und das Dritte Reich. Auswirkungen auf unser heutiges Weidwerk, Teil II. In: Der OÖ. Jäger 159, S. 68-73
- Engelhard, Kerstin (2015): Ein Hüne auf dem Vormarsch. https://www.spektrum.de/news/ein-huene-auf-dem-vormarsch/1377233
- Pusz, Monika (2009): Die Entwicklung der anthropogenen Nutzungen im Wiener Anteil am Nationalpark Donauauen, der Lobau, zwischen 1826 und 2006. Diplomarbeit am Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement, Universität für Bodenkultur Wien
- Manzano, Carl (2000): Editorial. Au-Blick Nr. 7/Herbst 2000
- Zecha, Ernst (1998): Hirsche in der Lobau. Österreichischer Jagd- u. Fischerei-Verlag, 152 Seiten
- N. N. (1944): Im Unterwuchs der Auwälder fühlt sich das Wild geborgen. In: Kleine Volkszeitung, 1. Jänner 1944 (S.5)
- N. N. (1938): Lagunenromantik vor den Toren Wiens. In: Das Kleine Volksblatt, Samstag, 18. Juni 1938 (S. 6)
- Heimatmuseum “museumORTH”, Dokumente der Abteilung Jagd- und Fischereiwesen
Fotos:
- Robert Rohr, Narodowe Archiwum Cyfrowe Poland, Public Domain https://picryl.com/ (Hermann Göring, 1943)
- Bernhard Schön (Elchkuh)
- Manfred Christ (Titelfoto)



Als engagierter LobAu-Fan berührt mich die Geschichte des „Elchparadieses“ besonders – damals bedroht durch Görings Jagdgelüste, heute durch Verlandung, Tunnelbohrer, Abgastürme und politische Prestigeprojekte.
Der Druck auf dieses Naturjuwel hat nie aufgehört. Auwälder brauchen keine Autobahnlobbyisten und Grundstücksspekulanten – sie brauchen Ruhe, Wasser und echten Schutz.
Die LobAu als Teil des Nationalparks Donau-Auen gehört zu den größten zusammenhängenden, ökologisch weitgehend intakten und naturnahen Flussauenlandschaften Mitteleuropas.
Ihr Schutz ist kein romantisches Anliegen, sondern eine politische Verpflichtung – eine Naturpolitik zu gestalten, die kommenden Generationen mehr hinterlässt als leere Versprechen.