Der Fotograf und der Maler

Die Lobau und eine zauberhafte Begebenheit …

Am 4. April 2009 steht der Groß-Enzersdorfer Naturfotograf Kurt Kracher weit vor Morgengrauen auf, radelt in die Lobau, setzt sich versteckt an die Künigltraverse und wartet auf den Sonnenaufgang. Um 6.03 Uhr ist die Stimmung geradezu märchenhaft. Er schießt mehrere Fotos, eines davon drückt die Atmosphäre dieses Tagesbeginns mit Abstand am besten aus. Er lässt das Motiv groß auf Leinwand ausdrucken und integriert das Bild in eine kleine Fotoausstellung im seinerzeitigen Gasthaus Lindmaier am Hauptplatz von Groß-Enzersdorf.

Die Ausstellung geht vorüber, das Bild vom 4. April 2009 bleibt im Gasthaus zurück.

Jahre später sitzt der nebenberufliche Maler und Musiker Hans Schmid, der kurz davor in ein Haus am Rande der Lobau gesiedelt ist, zu Mittag „beim Lindmaier“, sieht Kurt Krachers Foto an der Wand, ist fasziniert, fotografiert es mit seinem Smartphone und geht daheim gleich daran, es in Aquarellfarben nachzuempfinden.

Wieder vergehen Jahre, als Hans Schmid Anfang November 2019 zufällig Kurt Kracher kennenlernt und ihre unerkannte, künstlerische Verbindung ans Tageslicht kommt. So fasziniert, wie Hans Schmid von Kurt Krachers Foto war, so fasziniert ist nun Kurt Kracher von dessen Metamorphose in Aquarellfarben.

Der Maler hat seine Aufmerksamkeit schon oft der Lobau gewidmet. Wie auch der Fotograf, will er bewahren und erinnern:

Hans Schmid: „Mich zieht Bodenständiges, Unverfälschtes magisch an. Naturlandschaft, die viel erzählen kann, mehr, als der Mensch interessiert ist zu wissen und zu verstehen. Gegenstände, die früheren Generationen selbstverständlicher Alltag waren und die heute nichts mehr bedeuten und leider auch verloren gehen. Die aber vielleicht auch trotz ihrer heute scheinbaren Nutzlosigkeit weitere Generationen überleben können. Das alles wäre es wert, viel mehr beachtet zu werden. So wie vom Aussterben bedrohte Arten. Der Zeitgeist lässt aber vieles nicht zu. Es geschieht bewusst und unbewusst. Ich habe oft das Bedürfnis, Bedrohtes zu erhalten. Ich fühle mich dabei wohl, wenn ich das meinem Pinsel anvertrauen kann. Und der denkt so wie ich. Wir sind uns einig. Nicht immer, aber meistens.“

Seine Gattin Christine versieht Hans Schmids Aquarelle übrigens „aus familieninterner Tradition“ mit lyrischen Texten. In diesem Fall:

LOBAU AM MORGEN

Idylle am Gewässerrand
das Schilf in zarter Nebelwand
wiegt sich mit weichen, braunen Wedeln
lässt sich vom Sonnengold veredeln
ein Busch bereits mit nackten Zweigen
ein Ast entbaumt will knorrig zeigen
er taugt als Torso zur Skulptur
in friedvoll-herbstlicher Natur

 

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