Wie lange noch Nationalpark?

Der regnerische Mai 2019 hat alles verwässert. Seit dem Sommer ist es wieder so offensichtlich wie gewohnt: Die Untere Lobau vertrocknet, die Gewässer werden zu Land. Das wird in absehbarer Zukunft die Lobau als Teil des Nationalparks in Frage stellen.

Das Eberschüttwasser ist von Wasserpflanzen, Seerosen, Binsen und Schilf schon großteils überwuchert. Dazu kommt eine, bis zu ein Meter mächtige Schicht aus Faulschlamm am Grund des Gewässers.

Am sogenannten „kleinen“ Eberschüttwasser, das beinahe bis Groß-Enzersdorf reicht, ist die Wasserfläche kaum mehr zu sehen.

Das „Schwarze Loch“, am Damm zur Donau hin gelegen, ist schon lange kein tiefes Loch mehr, sondern zu mehr als zwei Drittel gerade einmal knietief.

Das Lausgrundwasser ist vor zwei Jahren komplett ausgetrocknet.

Der Groß-Enzersdorfer Arm ringt um jeden Tropfen. An seinem östlichen Ende kann man ihn beinahe trockenen Fußes durchqueren.

Das Kühwörtherwasser erstickt zusehends in feinen Sedimentablagerungen. Aus dem legendären Augewässer wird eine flache Lacke. Naturfotograf Kurt Kracher Mitte September: „Bei sehr niedrigen Wasserstand des Kühwörter Wassers jagen Lachmöwen und Silberreiher die letzten verbleibenden Fische.“

Dem Schönauer Wasser geht es nicht besser. Journalist und Au-Enthusiast Robert Poth: „Am Schönauer Wasser habe ich einen Graureiher aufgenommen. Der steht sicher zehn Meter weit vom Schilf entfernt zwischen den Seerosen und man sieht, dass das Wasser dort höchstens 20 Zentimeter tief ist.“

Und Au-Veteran Norbert Sendor: „Wo wir vor zirka 40 bis 50 Jahren beim Tauchen noch große Welse bei der Brutpflege beobachten konnten, ist jetzt nur noch feuchter Schlamm.“

Brunnader, Gänsehaufenwasser, Lichtes Loch, Königsgraben, und wie sie noch alle heißen, sind bis auf wenige, kostbare Tage im Jahr längst zu Trockengebieten geworden.

Wir erleben gerade hautnah und live, wie die Lobau zu einem gewöhnlichen Stadtpark wird – ohne Zweifel schön grün, aber mit stark reduzierter Vielfalt an besonderen Tier- und Pflanzenarten.

Wohin das führt, beschrieb Univ. Prof. Dr. Thomas Hein, der Leiter des Instituts für Hydrobiologie und Gewässermanagement an der Universität für Bodenkultur in der Radioreportage „Wer rettet die Lobau? Der langsame Tod eines Nationalparks“:

„Die Lobau ist nicht nur wichtig für die Bevölkerung Wiens, sie hat Bedeutung als wichtiger Korridor und pulsierender Knotenpunkt der Verbindung zwischen den Karpaten und den Alpen. Es braucht diese Vielzahl an Gewässern. Nur so können wir eigentlich eine Diversität erhalten. Wenn ich die Auencharakteristik verliere, verliere ich natürlich die relevanten Arten und dann ist es sehr wohl eine Diskussion, der man sich letztlich nicht verschließen kann und die man führen muss: Welchen Wert hat es noch im Kontext eines Nationalparks?

Und zur Dotation der Unteren Lobau mit Wasser aus der (Neuen) Donau meint Thomas Hein:

„Ich kann mit Dotationsmaßnahmen gewisse Gewässerstrukturen länger erhalten. Es ist keine Methode um eine hundertprozentige Sicherstellung zu erreichen, aber es würde die Prozesse, die stattfinden, deutlich verlangsamen können.“

Auch im Ergebnisprotokoll einer Besprechung von Vertretern der Stadtgemeinde Groß-Enzersdorf mit Repräsentanten der Stadt Wien am 6. Juni des heurigen Jahres steht unmissverständlich: „Ohne Lösung der Dotierungsfrage hat die Untere Lobau mittel- bis langfristig keine Zukunft als Augebiet. Dies wirft die Frage nach dem Schutzgegenstand des Nationalparks auf.

Auf der Website der Stadt Wien heißt es stolz: „Wien ist die einzige Metropole Europas, auf deren Stadtgebiet Teile eines international anerkannten Nationalparks liegen.“

Wie lange noch?

 

Quellen:

  • Website des Magistrats der Stadt Wien. „Der Donauraum – Die großen Landschaftsräume Wiens“
  • Kohlbauer, Regina (2008): Saisonale Biomasseentwicklung von Makrophyten und deren Bezug zur Phytoplanktonentwicklung in den Gewässern der Lobau, Diplomarbeit an der Universität Wien.
  • Zuckerstätter-Semela, Renate (2019): Ergebnisprotokoll – Besprechung betreffend Dotierung der Lobau, stadt-umland-management wien/niederösterreich, 11. Juni 2019
  • Lipka, Daniela und Schnedl, Hartmut (2019): Wer rettet die Lobau? Der langsame Tod eines Nationalparks. Radio FRO (Freier Rundfunk Oberösterreich) Podcast

Fotos: Kurt Kracher

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