Der streitbare Umweltschützer Anton Klein – seine Geschichte

Anton Klein wurde am 22. Juli 1925 in Wien geboren und verbrachte seine Jugend in Erdberg, dem 3. Wiener Gemeindebezirk. Seine Naturbegeisterung nahm im Alter von knapp sechs Jahren ihren Anfang, als der kleine Toni in einem Aquarium einer Tierhandlung einen Europäischen Hundsfisch zu Gesicht bekam. Er sollte ihm fortan nicht mehr aus dem Kopf gehen. Immer wieder zog er seinen Vater zu dieser Tierhandlung, bis dieser schließlich nachgab und den Fisch erwarb. Weil es im Handel noch keine Luftpumpen gab, galten Goldfische und Hundsfische in dieser Zeit als die einzigen Arten, die sich über längere Zeit gut in Aquarien halten ließen. Toni Kleins Hundsfisch wurde bald mit Moderlieschen und Guppys vergesellschaftet und erreichte das stolze Alter von etwa sechs Jahren.

Die Nähe zum Donaustrom und den in Wien parallel verlaufenden Donaukanal prägten schon damals Kleins Gedanken und seine Träume:

„Als Kind schon, wie ich rüber zum Donaukanal gegangen bin, da sind wir gestanden und das Wasser hat sich gedreht, hat so gespiegelt. Da haben wir Hölzerl reingeworfen und gewusst: Die schwimmen jetzt ins Schwarze Meer hinunter. Da war immer dieser Traum, einmal da unten das Meer und die ganze Donau zu erleben.“

Nach dem Krieg ging Anton Klein zur Polizei und wurde südlich von Wien stationiert, wo man ihn alsbald „den Reiher“ nannte, weil er stets mit Netz und Kübel bewaffnet die Dorfteiche nach Amphibien und Plankton durchsuchte – und Hundsfische fing.

Anfang der 1950er-Jahre verbrachte er seine Freizeit oft am Freudenauer Winterhafen, der in diesen Tagen wegen seines meist klaren Wassers als Paradies galt. Angespornt von den Büchern und Filmen des Tauchpioniers Hans Hass unternahm dort eine Gruppe Gleichaltriger rund um Anton Klein (darunter auch Norbert Sendor) erste Freitauchversuche – und wie Hans Hass jagten sie die Fische mit der Harpune:

„Da war damals der Hans Hass, und da haben wir geglaubt, wir sind Helden, wenn wir, so wie er, harpuniert haben. Und dann haben wir auch Hunger gehabt, das war Nachkriegszeit. Und wann Du einen Rucksack voll Fische gehabt hast, dann hast Du was zum Beißen gehabt. Und wenn ich einen Aal geschossen habe, am Sonntag in der Alten Donau – da war natürlich alles voller Boote – da hab ich den Aal in ein Handtuch wickeln müssen, damit die Leute nicht zu schreien anfangen, und ihn unter Wasser umbringen müssen. Und da hab ich gesehen, was ich für ein grauslicher Mörder bin, dass ich mich selber nicht mehr anschauen hab können und hab mir gedacht, dass ich all die Sünden, die ich da begangen hab, einmal abbüßen werd müssen, fürchterlich.“

Im Oktober 1958 tritt Klein zum ersten Mal in die Öffentlichkeit – in der Zeitung „Natur und Land“ des Österreichischen Naturschutzbundes. „Rayonsinspektor Anton Klein von der Sicherheitswache Mannswörth“ berichtet darin von drei Silberreihern, die er „am 27. Juli anlässlich einer Fahrradstreife“ am Donauufer beobachten konnte. Die Schriftleitung der Zeitschrift bemerkte dazu, dass er „ … in vorbildlicher Weise eine Beobachtung wiedergibt, die nicht nur fachlich außerordentlich interessant ist, sondern auch ein hervorragendes Zeugnis für die Naturverbundenheit des beobachtenden Polizeibeamten darstellt!“

Klein war gewissermaßen kein typischer Polizist. Sein jahrzehntelanger Weggefährte Norbert Sendor erinnert sich: „Da hab ich so Episoden gehört, also irgendwelche einfachen Leute, die halt Mundraub betrieben haben, denen hat er zehn Schilling gegeben und hat gesagt: Kauf Dir eine Suppe im Wirtshaus und geh nimmer stehlen! Und irgendwelche Kapazunder halt, die was angestellt haben, die hat er halt mit harten Polizeimethoden behandelt. Das ist ihm nicht immer gut bekommen. Er war stolz drauf, dass er in seiner ganzen Polizeilaufbahn kein einziges Mal eine Waffe in die Hand genommen hat, außer bei dem Pflichtzielschießen, das sie gehabt haben, sagt er, aber sonst hat er nie eine Waffe angerührt.“

In den 60er-Jahren widmet sich Klein zunächst mit ganzem Herzen tropischen Zierfischen. Irgendwann, gesichert ab 1968, wird er Mitglied des Aquarienvereins „Zierfischfreunde Donaustadt“ im 22. Gemeindebezirk, wo mittlerweile auch seine Wohnung lag. Die Adresse: Steigenteschgasse 94. Das Kellerlokal des Aquarienvereins in der Wagramerstraße 97 lag zu Fuß nur acht Minuten entfernt. Hier standen Anton Kleins Zuchtaquarien.

Im Oktober 1968 wurde der Polizeibeamte zum Schriftführer gewählt. Im März 1969 bringt er bereits eine eigene Zeitschrift heraus. Er nennt sie „Das Steckenpferd – Fibel für Aquarianer und Terrarianer“. Sie sollte wenige Jahre später nicht nur von Zierfischen erzählen, sondern zu einem Sprachrohr der Wiener Naturschutzbewegung werden.
Am Anfang von Kleins Initiativen für Natur und Umwelt stand die Beobachtung, dass in Wien immer mehr Tümpel verlanden oder zugeschüttet werden. Für Zierfischliebhaber waren diese Kleingewässer von großer Bedeutung, konnte man hier doch mit feinen Netzen Plankton fangen, das als Nahrung für das gute Leben und die Nachzucht von Aquarienfischen damals unersetzlich war.

Klein wollte sich dagegen wehren und schrieb kurzerhand an den Wiener Bürgermeister Bruno Marek einen Brief. In diesem forderte er – auch im Namen des „Österreichischen Verbandes der Aquarien- und Terrarienvereine“ – das Vertiefen verlandeter Tümpel in der Lobau, im Prater und in Albern, das Anlegen von Tümpeln auf der geplanten Donauinsel und das Zugeständnis der Stadt, dass es Aquarianern in Zukunft erlaubt sei, in den Teichen der städtischen Parkanlagen Wasserflöhe, Ruderfußkrebse und anderes Plankton zu erbeuten.

Marek antwortete, es kam zu einem Termin im Rathaus (17. Juli 1969), zu Gesprächen mit Vertretern des Magistrats – und damit hatte es sich. Klein war enttäuscht („ablehnende Antworten und leere Versprechen“), hatte aber nun das Naturschutz-Virus in sich aufgenommen. Die Tümpel, die Lobau und die einheimischen Fische waren es, die ihn von diesem Zeitpunkt an über alle Maßen beschäftigten. Seine Zeitschrift „Das Steckenpferd“, die ihn eine Menge Geld kostete, wandelte er im Lauf der kommenden Jahre von einem Aquarianerblatt zu einer Streitschrift für Natur- und Umweltschutz um.

„Früher, als ich noch nicht Zeitungsherausgeber war, betreute ich im Kellerraum über hundert Warmwasserbecken mit vielen exotischen Fischarten. Heute kann ich mir nicht einmal mehr eines leisten. Dafür aber entdeckte ich wieder meine Liebe für unsere einheimischen Fische. Allein schon deshalb lohnte es sich, dass ich Zeitungsherausgeber wurde.“

Im November 1969 wandte sich Klein zum ersten Mal mutig, aber ergebnislos an die Medien, an die „Kronen-Zeitung“, bei der er für einen „Farb-Dia-Wettbewerb“ Reklame machte, den die „Zierfischfreunde Donaustadt zur Förderung des Tier- und Naturschutzgedankens und zur Lösung des Tümpelproblems“ veranstalten wollten.

Kleins Engagement wuchs von Monat zu Monat. 1970 starb seine Mutter an Krebs. Im Frühjahr verfasste er einen Brief an Bundeskanzler Bruno Kreisky, in dem er sich auf eine Rede Kreiskys zur Industrialisierung des Donautales bezog. Der Kanzler antwortete am 6. Juni 1970. Die Kernsätze: „Man wird die industrielle Entwicklung nicht aufhalten können. Im Gegenteil, wir haben viele Gründe, sie besonders zu fördern.“ Kreisky fügte zwar noch hinzu, dass dies mit einer Verpflichtung verbunden sei, dem Umweltschutz mehr Gewicht beizumessen, Anton Klein konnte Bruno Kreiskys Antwort dennoch nicht akzeptieren. Nach einem neuen, unverblümten Brief blieb der Kanzler eine zweite Antwort schuldig.

Nun galt es, die Lobau zu retten. Denn das Tanklager beim Ölhafen sollte ausgebaut werden, auf einer bekannten Orchideenwiese wurde mit dem Bau eines kalorischen Kraftwerks begonnen und durch den Bau der Donauinsel stand die Zerstörung des naturbelassenen Überschwemmungsgebietes bevor.

Im Juli 1970 kreierte Anton Klein für seine Aktivitäten den Slogan „Lobau darf nicht sterben!“ – in Anlehnung an den berühmten Film „Serengeti darf nicht sterben“ von Bernhard und Michael Grzimek.

Klein veranstaltete Tümpel- und Fototouren, Fotowettbewerbe, er organisierte Vortragsveranstaltungen in Sachen Lobau und versuchte, mit Hilfe seiner Zeitschrift „Das Steckenpferd“ eine größere Öffentlichkeit zur erreichen – was ihm jedoch nicht gelang.
Erst am 16. Juli 1972 wurde er gehört. An diesem Tag, einem Sonntag, strahlte der ORF eine Folge seiner erfolgreichen Diskussionssendung „In eigener Sache“ aus, die der spätere Wiener Bürgermeister Dr. Helmut Zilk präsentierte. Klein meldete sich für drei Minuten zu Wort und warnte live und beherzt vor der Zerstörung der Lobau. Es kam zu einem regen Gespräch, in welcher der anwesende Tierprofessor und Fernsehstar Otto Koenig für Kleins Anliegen Partei ergriff. Von nun an war „Lobau darf nicht sterben!“ in aller Munde.

Wenige Wochen später beschloss der Wiener Gemeinderat in der Lobau 73 Hektar Industriegebiet wieder als Grünland zu widmen und verkündete sogar die Absicht, einen Teil der Lobau zum Naturschutzgebiet zu erklären.

Klein nützte den guten Wind und landete bei Helmut Zilks „In eigener Sache“ am 10. September neuerlich einen Coup. Diesmal meldete er sich zum Thema „Stiefkind Radfahrer“, plädierte wortgewaltig für einen Radfahrweg über die neu errichtete 4. Donaubrücke („Tangente“) und schloss wie erwartet mit einem Appell zur Rettung der Lobau. Im Rausch des Erfolges organisierte er eine Woche später, am 17. September, die erste österreichische Radfahrer-Demo. Unter größter Beachtung der Medien kamen zweitausend Radfahrer bei der Brücke am linken Donauufer zusammen, um nach dem Anhören einiger geschliffener Reden gemeinsam in die Lobau zu pilgern – im Interesse des Umwelt- und Naturschutzes.

Nun hatte Klein erstklassige Karten in der Hand. Am 13. Oktober schrieb ihm der Wiener Bürgermeister Felix Slavik, dass die Stadtverwaltung eine Trendumkehr vom Auto zum Fahrrad begrüßen und dementsprechend unterstützen würde.

Am 10. November berichtete endlich die Kronen-Zeitung unter der Überschrift „Die Lobau darf nicht sterben!“ Am Tag danach eröffneten die Zierfischfreunde Donaustadt in ihrem Kellerlokal eine „Lobau-Ausstellung“, das spätere „Lobau-Museum“. Zu sehen waren vor allem Tier- und Naturfotos der beiden Fotografen Franz Antonicek und Norbert Sendor und eine Vielzahl von Aquarien mit heimischen Fischen (täglich von 17 bis 20 Uhr).

Am 18. Dezember wurde die Initiative des Polizeioberinspektors Klein durch ein Schreiben aus dem Olymp belohnt: Der berühmte deutsche Zoologe, Fernsehstar, Zoodirektor, Präsident der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft und Oscar-Preisträger (1960 für die beste Dokumentation) Dr. Bernhard Grzimek schrieb Anton Klein einen persönlichen Brief, in dem er ihm volle Unterstützung und jeden medialen Beistand zusagte.

Zeitungen und Fernsehen blieben Anton Klein 1973 weiter gewogen: Am 7. Juni wurde er vom ORF zu einer exklusiven Fernsehdiskussion mit dem Titel „Stirbt die Lobau?“ eingeladen. Klein kam direkt vom Begräbnis seiner Schwester (die an Krebs gestorben war) ins Studio und nutzte die Sendung für einen beherzten Aufruf, sich endlich zu besinnen: „Wenn die Lobau stirbt, dann stirbt auch Wien!“

Am 11. Jänner 1974 fordert Klein in einem historischen Interview in der Kronen-Zeitung als erster in aller Öffentlichkeit die Errichtung eines Nationalparks.

In etwa zur selben Zeit ging es mit den Zierfischfreunden Donaustadt zu Ende. Ihr Obmann baute den Aquarienverein ab 1973 in einen „Verband für Umweltschutz und Gesundheitssport“ um.

Die “Lobau-Ausstellung“ im Keller des Gemeindebaus an der Wagramerstraße wanderte schließlich mit Mann und Maus in ein historisches Gebäudeensemble inmitten der Oberen Lobau. Hier errichteten Kleins Leute ein behördlich anerkanntes „Lobau-Museum“, das am 16. März 1975 feierlich eröffnet wurde – und bis 2009 fortbestehen sollte.

„All die Moose, Flechten, die Algen – das braucht Zeit, Einfühlungsvermögen. Da muss man oft herkommen. Das ist nicht ein Museum, das man heißhungrig herunter schlingt wie eine Wurstsemmel, sondern eine wertvolle Bereicherung für das Verstehen des Lebens. Und wenn man das Leben verstanden hat, begreift man auch, wie wir überleben können. Und dann wird man die Natur auch in ihrer paradiesischen Herrlichkeit verstehen können.“

In letzter Konsequenz übersiedelte Klein mit seiner Gattin Elfriede mitten hinein in die Donauauen, nach Stopfenreuth, radelte von da an mehrmals in der Woche stromaufwärts in „sein“ Museum, hielt dort die Rolle des öffentlichen Mahners und streitbaren Kritikers unbeirrt aufrecht und blieb bis ins hohe Alter.

„Kein Mensch mag den Kritiker, aber Kritik ist überlebensnotwendig. Denn bisher hat sich gezeigt, dass die Kritik den Nationalpark gebracht hat, den Schutz gebracht hat, ein Umdenken auf breitester Basis erfolgt.“

Am 2. Mai 2013 ging Anton Kleins Leben nach fast 88 Jahren zu Ende. Er wurde am Wiener Zentralfriedhof bestattet.

(Titelfoto: Robert Eichert. Fotos im Bericht: Archiv Lobaumuseum, Privatarchiv Anton Klein, Manfred Christ)

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