Untere Lobau: Überflüge legen wieder zu

Es ist wieder lauter geworden in der Unteren Lobau – die Zahl der Flugbewegungen über das Nationalparkgebiet hat im Juli und August wieder die Hälfte des Niveaus von 2019 erreicht. Eine weitere Zunahme ist zumindest bis Jahresende jedoch nicht zu erwarten.

Wer sich im vergangenen Sommer zumal an Wochenenden an der Gänshaufentraverse in der Unteren Lobau aufhielt, hatte gute Chancen, ein altbekanntes Geschehen mitzuerleben: Alle paar Minuten donnert ein Blechvogel im Landeanflug auf den Flughafen Wien-Schwechat in wenigen hundert Metern Höhe über das Kühwörther Wasser und verschwindet dann hinter den Aubäumen, worauf für kurze Zeit trügerische Ruhe einkehrt. Es dauert nicht lange, und man hat mehr Flugzeugtypen als Tierarten gesehen. Also alles wieder beim Alten? (Nicht Ortskundige siehe Karte unten rechts!)

Nun, ganz so schlimm – aus Sicht des Naturschutzes – ist es nicht. Tatsächlich hat der Flugverkehr über der Unteren Lobau zwar wieder deutlich zugenommen – im Juli auf 56 Prozent des Werts von 2019, im August waren es 52 Prozent. Von früheren “Spitzenzeiten” in punkto Überflüge sind wir aber noch weit entfernt.

Quelle: Linien- und Charterzahlen, eigene Berechnungen

Der nebenstehenden Grafik sind die Flugbewegungen über die Lobau seit Anfang 2019 zu entnehmen, getrennt nach Starts und Landungen. Die blasseren Säulen für die Monate September bis Dezember 2021 zeigen eine mögliche Entwicklung auf Basis der Erwartungen der Flughafen Wien AG. Gerechnet wird mit einem Passagieraufkommen von 10 Millionen für das Gesamtjahr 2021 (2019: 31,7 Millionen!), wovon 5,2 Millionen bereits bis Ende August verzeichnet wurden.

Die noch ausstehenden 4,8 Millionen lassen sich unter Fortschreibung der Kapazitätsauslastung in Flugbewegungen umrechnen; wie viele davon auf die Piste 2 des Flughafens Wien-Schwechat (die “Lobau-Piste”) entfallen könnten, ergibt sich aus den Anteilen im bisherigen Jahresverlauf. Das Ergebnis: etwa 50 Prozent der Flugbewegungen über die Lobau in den Vergleichsmonaten von 2019.

Quelle: Linien- und Charterzahlen, eigene Berechnungen

Update 25. November. Nebenstehend ist die tatsächliche Entwicklung der Flugbewegungen über die Untere Lobau bis Ende Oktober dargestellt. Der September war besser als errechnet, der Oktober schlechter. Die Flughafen AG rechnet übrigens für 2021 mit einer “schwarzen Null” (Schwarze Null im Jahresergebnis in Reichweite ) – das war allerdings vor dem jüngsten Lockdown.


Flughafen vs. Naturschutz: Geburtsfehler des Nationalparks.
Das sind eher verhaltene Aussichten, die für die Flugbranche und alle mit ihr verbundenen Sektoren der Wirtschaft zweifellos zum Teil existenzbedrohend sind. Aus Sicht des Naturschutzes sind sie – abgesehen vom Problem der nicht zukunftsfähigen Antriebstechnologie im Flugverkehr – dagegen zu begrüßen: Dass die hohe Zahl der Überflüge insbesondere die Vogelwelt im Nationalpark Donau-Auen völlig unbeeindruckt lassen könnte, wird kaum jemand behaupten. Dieser Interessenkonflikt besteht aber bereits seit der Gründung des Nationalparks, quasi als nicht korrigierbarer “Geburtsfehler”, mit dem sich die Nationalparkverwaltung ebenso abzufinden hatte wie die Vögel mit den Flugzeugen. Die Auswirkungen sind auch kaum erforscht: Es gibt dazu lediglich eine einzige (zweiteilige) Studie, die 2008 veröffentlicht wurde (Links siehe unten).

Quelle: flugspuren.at

Immerhin brachten die Freilandbeobachtungen im Rahmen dieser Studie einige interessante Erkenntnisse, eine davon im Hinblick auf das betroffene Gebiet. Die nebenstehende Karte der Flugspuren vom 11. September des Jahres sollte helfen, das Problem zu verstehen. Startende Flugzeuge (grüne Linien) überfliegen zwar ein größeres Gebiet, aber in der Regel in größerer Höhe, während Flugzeuge im Landeanflug (violette Linien) zwar eine schmale Einflugschneise nutzen, den Auwald aber in wenigen hundert Metern Höhe überfliegen, mit weit größerem Störpotenzial.

Tatsächlich umfasst das betroffene Gebiet, so die Studie, einen 400 bis 800 Meter breiten Streifen zu beiden Seiten der Zentrallinie der Überflüge. Die sich daraus ergebende Fläche von ca. 480 Hektar entspricht fünf Prozent der Gesamtfläche des Nationalparks, aber mehr als 20 Prozent des Wiener Teils! Ein Bereich von 600 Metern zu beiden Seiten der Zentrallinie würde von über der Wipfelhöhe fliegenden Vögeln gemieden, heißt es in der Studie, und auch die geringere Anzahl von Greifvogelhorsten im Wiener Teil im Vergleich zum niederösterreichischen Teil könnte mit dem Flugverkehr zu tun haben.

Ob das der Fall ist, werden wir aber kaum erfahren, denn weitere Studien sind laut Nationalparkverwaltung nicht geplant. Ignoranz des Problems darf dem Nationalpark deshalb aber nicht unterstellt werden: Es ist bloß realistische Prioritätensetzung.

Links & Quellen

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