Lobau-Rettung? Das verschwundene Trinkwasserwerk

Die Untere Lobau vertrocknet vor unseren Augen. Eine Möglichkeit, sie zu retten, wäre die Einspeisung von Wasser aus der Donau.

Mittelwasser, Eberschüttwasser, Lausgrund verlanden unaufhörlich

Nach jahrzehntelangen Überlegungen, unzähligen wissenschaftlichen Erhebungen und Ausgaben von jedenfalls mehr als sechs Millionen Euro kommt die Stadt Wien 2015 zum Schluss, dass die Untere Lobau  – und damit der wichtigste Wiener Anteil des Nationalparks Donauauen – gewissermaßen zum Sterben verurteilt sei. Eine Einleitung von Donauwasser wäre nicht möglich, da es dadurch zu einer Beeinträchtigung der Trinkwasserbrunnen käme. Man würde aber sehr wohl weiter nachdenken und nach anderen Lösungen suchen.

Das wird nicht notwendig sein. Es genügt ein Blick ins Archiv:

Die Lösung wurde von den Verantwortlichen der Stadt nämlich schon vor 20 Jahren präsentiert, allerdings nach Jubelchören und Investitionen von zahlreichen Millionen Euro von der Politik stillschweigend entsorgt: ein neues Trinkwasserwerk.

Das mysteriöse Schicksal dieses Projektes ist Thema eines Artikels in der Juni-Ausgabe der DBZ Donaustädter Bezirkszeitung, in dem der Lobaukenner und Regionalhistoriker Robert Eichert der Sache auf den Grund geht. Das Thema wurde in der Folge auch von den Niederösterreichischen Nachrichten aufgegriffen. Dazu ein Leserbrief der Umweltorganisation VIRUS.

Die Geschichte beginnt am 26. Februar 2003, als die Rathauskorrespondenz – die Nachrichtenagentur der Stadt Wien – über ein für die Wiener Bevölkerung offenbar lebenswichtiges neues Vorhaben berichtet: das Zentralwasserwerk Kleehäufel in der Nähe des östlichen Endes der Alten Donau, in dem künftig das Grundwasser aus den Brunnen Lobau und Moosbrunn aufbereitet werden sollte, um endlich die Versorgung der Stadt in Hitzeperioden und in Katastrophensituationen, etwa bei Ausfall einer der beiden Hochquellenleitungen, sicherstellen zu können.

Ein Nebeneffekt: Würde – wie eben geplant – das Trinkwasser aus den Brunnen der Unteren Lobau hier aufbereitet werden, gäbe es kein Argument mehr gegen eine Bewässerung des immer trockener werdenden, bedeutendsten Teil des Wiener Nationalparks. Die Lobau könnte gerettet werden.

StR. DI Isabella Kossina und DI Hans Sailer präsentieren das Siegerprojekt

Schon Jahre vor der Präsentation durch Umweltstadträtin Isabella Kossina werden für das Wasserwerk Kleehäufel umfassende Planungen vorgenommen, ein Architekturwettbewerb initiiert, ein Siegerprojekt gekürt und selbstverständlich werden auch Grundstücke angekauft – mit einem vom Gemeinderat abgesegneten Budget von mehr als 56 Millionen Schilling (etwa 4 Millionen Euro).

Im Jahr 2004 werden für die erste Ausbaustufe netto 75,5 Millionen Euro genehmigt. Anfang 2005 wird die Baugenehmigung erteilt. Bald danach verschwindet das Projekt, das die Wasserversorgung von zwei Millionen Menschen sichern sollte, mir nichts-Dir nichts in der Versenkung.

Der letzte Hinweis auf das Projekt ist die Gemeinderatssitzung vom 25. Juni 2008, in der Bürgermeister Michael Häupl darauf hinweist, dass Wien große Investitionen in die Qualität der Daseinsvorsorge zu finanzieren haben werde. Im Bereich der Wiener Wasserversorgung würde dies zum Beispiel heißen, dass in den nächsten zehn bis zwölf Jahren 3200 Kilometer Rohrnetz erneuert werden müssten, die 30 Wasserbehälter und die Aquädukte der Hochquellwasserleitungen zu sanieren seien und die zentrale Wasseraufbereitung Kleehäufel zur Qualitätssicherung ansteht.“

Drei Umweltstadträte sind in das Geschehen verwickelt: Fritz Svihalek, unter dessen Ägide im Jahr 2000 der 56 Millionen Schilling-Kredit für die Planung genehmigt wird, Isabella Kossina, die das Projekt öffentlich präsentiert, und Ulli Sima, in deren Amtszeit es begraben wird.

Was ist passiert? Wohin ist das Geld geflossen? Wer ist dafür politisch verantwortlich?

Die Austrocknung der Aulandschaften entlang der Donau unterhalb von Wien ist ein jahrzehntelanges Diskussionsthema:

Im Juni 1966 wird das Grundwasserwerk „Untere Lobau“ durch Bundespräsident Franz Jonas offiziell in Betrieb genommen. Ein erster Kinnhaken für die Lobau: Denn drei Jahre später wird aus Sorge um die Wasserqualität kurzerhand das idyllische Gänshaufenwasser zugeschüttet.

Gegen das gefährliche Öltanklager Lobau wird im Gegensatz dazu nichts unternommen. Es wird 1970 sogar ausgebaut.

1989, knapp 20 Jahre später, brennt der Hut: Im Grundwasser werden Ölspuren nachgewiesen, die Errichtung von Sperrbrunnen wird unerlässlich – auch wenn damals viele befürchten, „dass die Sperrbrunnen die Austrocknung der Lobau verschärfen“ würden. Aber bald würde die Lobau ja ohnehin mit Wasser künstlich dotiert werden, wie es heißt.

1992 startet eine erste, zaghafte Einspeisung von Wasser aus der Alten Donau ins Mühlwasser und in Teile der Oberen Lobau – bis heute zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. In die Untere Lobau gelangt davon kaum ein Tropfen.

1996, als der Nationalpark vor der Tür steht,  ist das „Problem der Austrocknung des Augebietes“ ein wichtiges Diskussionsthema. Allen Biologen ist klar, dass eine Austrocknung der Lobau den Zielen des Nationalparks zweifellos entgegen wirken würde. Mittlerweile existiert eine ganze Palette von aufwändigen Studien, die dies eindeutig belegen und die allesamt dringend zur künstlichen Einleitung von Wasser aufrufen.

Nach dem spurlosen Verschwinden des Projektes „Wasseraufbereitungsanlage Kleehäufel“ entzieht sich die Stadtregierung einer mutigen Entscheidung und vergibt aus ihrem Füllhorn eine Reihe von Aufträgen für wissenschaftliche Untersuchungen.

Das Ergebnis sind unzählige Konzepte, Pläne und Varianten, wie die Lobau naturnahe bewässert werden könnte. Der Konsens aller Erkenntnisse: Die Landschaft vertrocknet, die Tier- und Pflanzenvielfalt verringert sich und all dies läuft selbstverständlich den Bestrebungen des Nationalparks entgegen. Viele Millionen Euro werden ausgegeben, eine wasserrechtliche Genehmigung wird beantragt, Grabungsarbeiten werden begonnen, Messplattformen mit wunderbaren Informationstafeln montiert (siehe Foto rechts) – am Ende wird 2014 alles wie aus heiterem Himmel gestoppt. 2015 heißt es zu sämtlichen Bewässerungsplänen: leider nein. Es wäre nämlich das Trinkwasser gefährdet …

Zwischen 1938 und 2010 sind in der Lobau 34 Prozent der Augewässer und der zumindest zeitweise unter Wasser stehenden Flächen verloren gegangen. Wer die Gegend regelmäßig besucht, meint zu erkennen, dass diese Entwicklung Jahr für Jahr rascher abzulaufen scheint. Es ist nicht länger fünf vor zwölf, es ist bereits zwölf.

Robert Eichert in der Donaustädter Bezirkszeitung „Hätte man dieses Projekt nicht wieder ausradiert, wäre es heute möglich, die Lobau vor dem Verdursten zu bewahren, ohne das Trinkwasser zu gefährden. Dann stünde einer Dotation der Unteren Lobau nichts mehr im Wege. Die Lobau darf nicht sterben!“

Nachtrag:
Anton Klein, der Gründer des Lobaumuseums, startete im Juli 1970 die Aktion „Lobau darf nicht  sterben!“. Es war die erste österreichische Bürgerinitiative.

Fotos:
Kurt Kracher, Rathauskorrespondenz/Pressefoto Votava, Manfred Christ

Quellen:
„Die Stadt braucht mehr Wasserreserven“ (Standard, 23.9.2002)
„Kossina: Bevölkerung schätzt hohe Qualität des Wiener Wassers“ (OTS/Rathauskorrespondenz 23.9.2002)
„Kleehäufel: Ein neues Wasserwerk entsteht“ (OTS/Rathauskorrespondenz 26.2.2003)
„Oxonitsch: Entscheidende Vorhaben für die Zukunft Wiens“ (OTS/Rathauskorrespondenz 27.12.2002)
Sitzungsberichte und wörtliche Protokolle des Wiener Gemeinderats

Kommentare

  • Gabriela Kleesadl

    Was haben die Rathausgrünen bis jetzt konkret für die Realisierung dieses Projektes getan? Nie ist es mir aufgefallen, das dieses Wasseraufbereitungswerk auf deren Agenda gestanden wäre.

Schreibe einen Kommentar zu Gabriela Kleesadl Antworten abbrechen