Der “Schönauer Schlitz” – die letzte Verbindung zur Donau

Im Frühling 2020 gab es zwei aufeinanderfolgende Hochwasserwellen an der Donau. Das brachte einiges Donauwasser in die Untere Lobau – dank dem “Schönauer Schlitz”.

Was ist der Schönauer Schlitz?

Eine Lücke im Marchfeldschutzdamm zwischen Wien und der Staatsgrenze an der March, stromabwärts von Schönau an der Donau. Nicht breit, ein paar Dutzend Meter. Angelegt wurde er 1890 nach einem Dammbruch, um den Abfluss von Donauwasser zu ermöglichen, das es durch den Schutzdamm auf die andere Seite geschafft hatte.

Diese seither bestehende Öffnung ermöglicht aber auch den umgekehrten Prozess: Ab einem mittleren Wasserstand der Donau (“Mittelwasser”) strömt Donauwasser durch den Schlitz aufwärts in die Untere Lobau – bei Hochwasser sogar ziemlich viel.

Je nach Ausmaß des Hochwassers kann dieser “Rückstau” sogar das Schwarze Loch erreichen, ein Gewässer gleich beim Schutzdamm, etwa gegenüber dem Ende der Wiener Donauinsel.

© OpenStreetMap contributors

Wegen des Rückstaus bei Hochwasser wurde übrigens ein zweiter Damm, der Schönauer Rückstaudamm errichtet (fertiggestellt 1892). Er beginnt in Groß-Enzersdorf und endet, erraten, beim Schönauer Schlitz (siehe Karte).

Das klingt alles etwas eigenartig, aber alle, denen die Lobau am Herzen liegt, sind heilfroh darüber, dass es diesen “Schlitz” gibt: Er sorgt dafür, dass die Untere Lobau wenigstens irgendwie weiterhin in das Hochwassergeschehen an der Donau eingebunden ist.

Unbestritten ist auch der Beitrag des Schönauer Schlitzes zur Minderung der Hochwasserfolgen stromabwärts: Die Untere Lobau kann so große Wassermengen zurückhalten, die sie nur verzögert wieder abgibt.

Eine natürliche Aulandschaft wird allerdings von oben durchströmt, nicht von unten “bewässert”. Daher hat der Schönauer Schlitz auch eine wesentliche Schattenseite: Donauwasser führt viele Schweb- und Nährstoffe mit. Bei jedem Hochwasser in der Unteren Lobau bleibt etwas davon zurück, und zwar dauerhaft, mangels ausreichender Durchströmung des Gewässerzugs von oben.

Das trägt zur Verlandung der Gewässer bis hinauf zur Gänshaufentraverse bei. Bis zu 90 Prozent der Sedimente lagern sich allerdings bereits vor der Schönauer Traverse ab, wie Messungen ergaben.

Noch a Glück, aber davor soll uns der liebe Gott ja behüten, meinte Torbergs Tante Jolesch.

Schönauer Schlitz ohne Hochwasser

Wie oft kommt eigentlich Donauwasser bis hinauf in die Untere Lobau?

Früheren Studien zufolge wird das untere Schönauer Wasser an durchschnittlich 127 Tagen pro Jahr durch rückströmendes Donauwasser “erfasst”, das obere Schönauer Wasser nur an 102 Tagen. “Erfasst” inkludiert aber jede Anbindung an die Donau, auch wenn sie die Wasserstände nur um ein paar Zentimeter erhöht. Ereignisse wie am 23. Juni 2020, mit einem Donaupegel von 540 cm (Wildungsmauer), sind viel seltener (zwei bis drei Mal im Jahr) und kommen vor allem in der zweiten Jahreshälfte kaum vor.

Halbwegs “natürliche” Zustände in der Unteren Lobau könnte es nur geben, wenn der Gewässerzug vom Eberschüttwasser abwärts über Mittelwasser und Kühwörther Wasser auch bei mittleren Donaupegeln von oben durchströmt würde, und zwar von Dutzenden Kubikmetern pro Sekunde. Das war auch früher mal so vorgesehen. Bis sich das Grundwasserwerk Lobau, dem eine Aufbereitungsanlage fehlt, als scheinbar unüberwindliche Hürde auftürmte, die nicht einmal eine Dotation mit drei oder vier Kubikmeter zulässt.

Das ist der Status quo, der die Untere Lobau zu einem langsamen, aber sicheren Tod verurteilt.

Eine ausführlichere Version des Textes finden Sie auf https://beasts.at/untere-lobau-am-23-juni-2020/

Alle Fotos + erläuternde Karte: Robert Poth

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