1972: der wiederentdeckte Dia-Vortrag

In unserem Archiv ist ein arg vergilbtes Manuskript aufgetaucht: Norbert Sendors Vorlage für einen Farb-Dia-Vortrag über die Lobau im Jahr 1972. Es war die Zeit, in der Anton Klein und sein Aquarienverein „Zierfischfreunde Donaustadt“ eine Kampagne zur Rettung der Donau-Auen in Gang gebracht hatten. Die Fotos der beiden Naturfotografen Norbert Sendor und Franz Antonicek waren das Rückgrat der Medien- und Überzeugungsarbeit. Das hier nach Jahrzehnten veröffentlichte Manuskript wirft ein Licht auf die Situation Anfang der 1970er-Jahre und lässt erhellende Schlussfolgerungen auf die heutige Zeit zu.

WUNDERBARE TIERWELT DER LOBAU
Farb-Dia-Vortrag von Norbert Sendor
am Donnerstag, 5. Oktober 1972 um 18.30 Uhr im Kellerlokal des Aquarienvereins „Zierfischfreunde Donaustadt“
in Wien 22., Wagramerstraße 97-99, Stiege 14

Norbert Sendor:

Die Fotos, die ich Ihnen zeige, stammen aus einer Auswahl von einigen hundert Dias, die mein Freund Franz Antonicek und ich im Laufe einiger Jahre aufgenommen haben. Wir dachten eigentlich nie daran, diese Fotos zu veröffentlichen.

Wenn ich Lobau sage, so schließe ich damit auch das Überschwemmungsgebiet mit ein. Jenes Erholungsgebiet Tausender Wiener, das jetzt in dieser Zeit, mit Milliardenaufwand und durchaus nicht immer richtigen Argumenten für immer zerstört wird.

(Anm.: Die Arbeiten zum Bau des Entlastungsgerinnes und der Donauinsel begannen am 1. März 1972.)

Im Laufe unserer langjährigen Beobachtungen mußten wir leider eine immer rascher fortschreitende Zerstörung der Lobaulandschaft und gleichzeitig damit einen Rückgang der interessantesten Ver­treter der Tierwelt feststellen. Unsere Bekanntschaft mit Hrn. Klein und seinen Mitarbeitern vom Aktionskomitee zum Schutze der Lobau bestärkte meinen Freund und mich wieder in der Hoffnung, diese noch immer schöne Landschaft mit ihrer Tier- und Pflanzenwelt retten zu können.

Falls es mir gelingen sollte, Sie von der absoluten Notwendigkeit der Erhaltung dieser Naturlandschaft zu überzeugen und vielleicht einige aktive Mitarbeiter zum Schutze der Lobau zu gewinnen, so ist der Zweck dieser kleinen Dia-Schau erfüllt.

Außerdem würde der Bruch unseres Vorsatzes, Fotos nur zum rein persönlichen Vergnügen zu machen und zu betrachten, nicht mehr allzuschwer auf meinem Gewissen lasten.

Die Stromlandschaft ist zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter reizvoll. Im Frühling genauso wie im Winter.

Diese toten Welse, ca. 1 – 1 1/2 m lang, starben nicht allein wegen des ersten strengen Winters, sondern weil in jenem Jahr gerade die Grundwasserwerke Lobau zu arbeiten begannen und damit die Frischwasserzufuhr an jenem Gewässer ausfiel. Der Zusammenhang zwischen dem Fischsterben und den Grundwasserwerken wurde zwar bestritten, Tatsache ist aber, daß in der betroffenen Gegend Welse und andere Fischarten verschwanden.

(Anm.: Am 3. Juni 1966 wurde das Wasserwerk Untere Lobau offiziell in Betrieb genommen, am 24. März 1969 wurde der Probebetrieb des Brunnens Gänshaufen bewilligt. Das Gänshaufenwasser wurde wegen der Brunnen zugeschüttet.)

Aber nicht nur Fischarten sterben in der Lobau aus. Der Kormoran, der in einer Kolonie in der Gegend des Ölhafens horstete, ist jetzt auch aus den östlichen Auen verschwunden und kommt nur mehr als vereinzelter Durchzügler vor.

(Anm.: Ab 2003 haben sich an der March wieder Brutkolonien etablieren können)

Der Seeadler, der eindrucksvollste Raubvogel Europas, hat noch vor ca. 20 Jahren in der Lobau seinen Horst gebaut. Jetzt ist er ein immer seltener werdender Wintergast in der Lobau.

(Anm.: Seit 2005 brüten die Seeadler erneut in den Donau-Auen östlich von Wien.)

Auch der Eisvogel ist in seiner Existenz bedroht!

Er ist eine Kostbarkeit unserer Tierwelt. Romantische Schriftsteller nennen ihn den fliegenden Edelstein. Es ist wirklich ein hübscher und farbenfroher Anblick, wenn er in pfeilschnellem Flug knapp über der Wasseroberfläche dahinschwirrt. Zum Ärger mancher Fischer braucht der Eisvogel unter anderem auch winzige Fische zu seiner Ernährung. Die fängt er, indem er sich von einem Ast oder seltener auch aus dem Flug heraus, ins Wasser stürzt. In den Lobaugewässern sind ja noch immer Fische genug, um Reiher, Zwergtaucher, Kormorane und andere Fischfresser zu ernähren.

Es gibt aber nicht nur Wassertiere und Wasserlandschaften in der Lobau. Die Hirsche der Lobau zählen zu den stärksten Europas. Sie leben in diesem Gebiet noch in freier Wildbahn. Nur Jungwaldkulturen und die Ackerbaugebiete des Marchfeldes sind durch Wildschutzzäune gesichert.

Im Frühjahr ist es möglich, sich am Anblick großer Hirschrudel zu erfreuen, die von den saftigen Wiesen des Überschwemmungsgebietes über den Schutzdamm in ihre Tageseinstände ziehen.

Der geplante Autostraßenbau würde die Wechselmöglichkeiten des Wildes logischerweise unterbinden. Aber nicht nur Hirsche und Rehe und Schwarzwild würden in ihren Wandermöglichkeiten stark eingeschränkt.

(Anm.: Autobahn A 21, die bei der Panozzalacke in einem Autobahnknotenpunkt auf eine Hubertusdamm-Autobahn treffen sollte)

Über das von Autos stark befahrene Stück des Hubertus-Dammes vom Wiener Stadtgebiet bis zum Ölhafen ist praktisch jede Tierwanderung unterbunden. Auch die Amphibien sind von ihren Laichplätzen im Überschwemmungsgebiet abgeschnitten.

(Anm.: Die Raffineriestraße in Wien 22)

Selbstverständlich wäre die Ausführung der projektierten Straßenbauten das Ende der Lobau als Erholungs- und Naturparadies. Die Tafeln mit der Aufschrift „Landschaftsschutzgebiet“ machen noch keine Erholungslandschaft. Straßen sind keine Notwendigkeit. Solange sie sinnvoll angelegt werden, ist dagegen nichts zu sagen. Aber es besteht absolut kein Grund dafür, monströse Verkehrsbauten in die letzten unberührten Winkel unserer Heimat zu stellen.

Es ist nicht unsere Aufgabe Straßenbauprobleme zu lösen, dafür werden von unseren Steuergeldern unter anderem auch Verkehrsplaner, Straßenbauer usw. bezahlt. Und zwar dafür, daß sie brauchbare Lösungen auch im Falle der Lobau finden. Oder sollen alle diese schönen von Technik und Umweltverschmutzung noch wenig betroffenen Landschaften verschwinden und durch Industriebauten ersetzt werden, in denen sich die Menschen nicht wohlfühlen und alles daransetzen, wieder herauszukommen. Sei es ins Landhaus, den Schrebergarten oder auf einen Ausflug. Darum müssen wir unsere Bemühungen verstärken, Landschaften, die noch halbwegs heil sind, vor der Vernichtung zu retten und zwar nicht alleine der Tiere und Pflanzen wegen, sondern vor allem für uns und nachfolgende Generationen.

An alle Besucher der Lobau eine Bitte: Halten Sie sich nach. Möglichkeit an die erlaubten Wege und Gebiete, nicht wegen der Jäger, sondern vor allem wegen der Lebewesen, die teilweise gegen Beunruhigung sehr empfindlich sind.

Sie sehen unter den Fotos auch keine Nest- oder Futterplatz-Aufnahmen. Nicht deswegen, weil sie vielleicht schwer zu machen sein würden, ganz im Gegenteil, sie wären wesentlich leichter als z.B. Eisvogel auf Ast oder ein lauernder Reiher usw., sondern wir haben uns zu unserem Prinzip gemacht, seltene oder scheue Tiere nicht zu stören und sie dadurch vielleicht zur Abwanderung zu veranlassen.

Auch an die Fotografen appelliere ich, nicht unbedingt auf heimisches Großwild Jagd zu machen. Die Ausbeute ist nämlich meist Null. Dafür handelt man sich Schwierigkeiten mit Jägern, Förstern und anderen Aufsichtsorganen ein.

Gerade die Lobau bietet eine Fülle von Motiven, z.B. Insekten und Pflanzen, die man fotografieren kann, ohne die Ruhe der Natur zu stören.

Die Fotos waren absichtlich nicht nach Themen geordnet, um Ihnen vielleicht ein wenig die noch immer vorhandene Vielfältigkeit der Lebensformen dieser Landschaft vor Augen zu führen. Ich hätte zwar lieber mehr von den gezeigten Tieren gesprochen, aber es wäre falsch, eine heile und schöne Lobau zu zeigen, ohne darauf hinzuweisen, daß sie in Wirklichkeit von vielen Seiten in ihrer Existenz bedroht ist.

Hinterlasse einen Kommentar