100 Jahre „Aquarium Heintz“ – eine Wiener Legende

Am 28. Juni 1961 verlieh die Kammer der Gewerblichen Wirtschaft für Wien Herrn Adolf Michael Heintz die Bronzene Ehrenmedaille „in Anerkennung seiner 41-jährigen Kammerzugehörigkeit“.

Damit steht fest, dass die bis heute existierende Fachhandlung „Aquarium Heintz“ in Wien-Kaisermühlen das älteste Aquarienfachgeschäft Österreichs ist. Im Jahr 2020 besteht das Unternehmen seit 100 Jahren.

„Aquarium Heintz“, das war bis hinein in die 1990er-Jahre ein magischer Treffpunkt der Wiener Naturbegeisterten, der Naturschützer, der Lobaufreunde und jener, die eine Sehnsucht nach fernen, tropischen Wunderwelten in sich trugen. Man reiste aus allen Bezirken hierher und traf sich quasi zufällig in den Verkaufsräumen beim Betrachten der zahllosen Aquarien, in denen bunte Fische aus aller Herren Länder schwammen.

Ein kurzer Gruß, ein wenig Fachsimpeln, hin und wieder leistete man sich neue Fische, Wasserpflanzen oder technisches Gerät. Mit leerer Brieftasche oder mangels Entscheidungsfreude begnügte man sich damit, am Ende der Besichtigungstour als Futter eine kostengünstige Portion Wasserflöhe oder „Tubifex“ zu erwerben.

Den 1891 geborenen Besitzer des Geschäftes, Adolf Heintz, faszinierten Fische schon von Kindheit an. Mit erspartem Taschengeld kaufte er sich sein erstes Aquarium. Zum entspannten Beobachten der Fische blieb kaum Zeit. Denn Adolf musste mehrmals am Tag mit einer Fahrradpumpe Luft in einen Stahlkessel pressen, die dann über ein Fahrradventil  zur Belüftung in das Becken geleitet wurde. Beheizt wurde das Aquarium mit einem Öllicht. Elektrische Pumpen, Heizstäbe und Filter waren noch unbekannt.

In der Wohnung der angesehenen Wiener Bürgerfamilie Heintz gab es von da an jedenfalls ein Zimmer, das nur wenige Auserwählte betreten durften. Als Adolfs spätere Gattin Antonia begann, ihre künftigen Schwiegereltern zu besuchen, erweckte das stets sorgsam versperrte Zimmer bald ihre Neugierde. Eines Tages fragte sie verstohlen das Dienstmädchen, welche Bewandtnis es mit diesem geheimnisvollen Raum auf sich habe. Das Mädchen antwortete: „Ja wissen’s nicht, dass der junge Herr in diesem Zimmer seine Fische hat?

Nach dem Ende des ersten Weltkriegs mietete sich Adolf Heintz im 2. Wiener Gemeindebezirk ein Dachatelier. Dort arbeitete er anfangs sowohl in seinem erlernten Beruf als Graveur, als auch als Züchter exotischer Fische. Die Adresse: Josef Christ-Gasse 10 (heute Kafkastraße 10).

Im Jahr 1920 meldete Heintz hier ein Gewerbe an, eine „Zierfischzüchterei“. Das blieb so bis 1929. Dann hatten er und seine Gattin genug zusammengespart, um in der Nähe der Alten Donau, in der heutigen Nauschgasse (damals noch Wagramerstraße 26B), ein Grundstück zu erwerben. Anstelle eines abgewirtschafteten Cafés errichtete Heintz ein Aquarienfachgeschäft – voller Licht, voller Farben und voller gesunder Fische. Das Foto rechts stammt aus dem Jahr 1936.

Anton Klein, der 1925 geborene Gründer des „Lobaumuseums“, zählte schon als Jugendlicher zu Adolf Heintz‘ begeisterten Jüngern. Er beschrieb, warum dessen Geschäftsräume seinerzeit so beispiellos waren:

Alles strahlte eine Sauberkeit aus, die unvorstellbar schien. Denn wie erbärmlich sah es damals in den meisten Tierhandlungen aus: Zwischen Vögeln, Meerschweinchen und Affen standen in einer finsteren Ecke total verwahrloste Becken, in deren übelriechendem Wasser vom Tode gezeichnete Fische schaukelten. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass nur wenige Menschen den Wunsch hatten, Fische zu pflegen. Dies änderte sich schlagartig, als Adolf Heintz an der Alten Donau seine tropischen Gefilde schuf.“

„Der Heintz“ wurde in kürzester Zeit zur Legende. Anton Klein: „In Scharen pilgerten die Aquarianer von Wien und aus ganz Österreich hierher, um einen zarten Hauch der Tropen zu verspüren. Beim Heintz traf sich alles, was Rang und Namen in der österreichischen Aquaristik hatte. Wer in diese Fischhandlung seine Eltern oder seine Frau mitnahm, konnte damit rechnen, dass der letzte Widerstand gegen das Aufstellen eines Aquariums in der Wohnung dahinschwand.

Robert Werner (links) mit Werner Lazowski

1944 wurde die tropische Oase bei einem Bombenangriff zerstört. Robert Werner, der heutige Inhaber des Geschäfts, ist mit Adolf Heintz über mehrere Ecken verwandt. Er kennt die Katastrophe aus den Erzählungen seiner Eltern:

Das waren Brandbomben, diese Phosphorsätze, die die Amerikaner abgeworfen haben. Die haben vermutet, dass am Gänsehäufel ein Munitionslager war. Und die Reichsbrücke war auch immer ein gutes Ziel. Der Heintz hat mit dem Wasser aus den Aquarien zu löschen versucht! Das war chancenlos. Fast kein Haus hat überlebt. Nur mein Elternhaus, das hat’s überstanden. Weil das haben sie sofort gelöscht, weil es als betriebswichtig eingetragen war. Es war ein Lebensmittelgeschäft. Das ist als erstes gelöscht worden. Alles andere in der Gegend ist abgebrannt.

Adolf Heintz gab jedenfalls nicht auf, sondern begann mit dem Wiederaufbau seines Lebenswerkes. Weil er nicht nur Fische züchtete, sondern auch Orchideen, errichtete er 1948 seine neues Aquariengeschäft als Gewächshaus – selbstverständlich in altem Glanz. Anton Klein: „Wie einst wanderte man wieder unter den gewaltigen Blättern tropischer Schlinggewächse dahin und konnte noch immer zwischen Aquarien die seltensten tropischen Orchideen blühen sehen.

Der 1936 geborene Naturwissenschaftler und Umweltaktivist Peter Weish kann sich ebenfalls sehr lebhaft an diese Zeit erinnern:

1949 bekam ich zu meinem 13. Geburtstag mein erstes „großes“ Aquarium. So besuchte ich bald gemeinsam mit meinem Freund Fredi Radda per Fahrrad das „Aquarium Heintz“, in dem der Chef selbst die Kunden betreute. Der „Heintz“ war für uns immer ein Erlebnis. Das Gewächshaus, in Zuchtbereich und Verkaufsbereich geteilt, war eindrucksvoll. Im Verkaufsraum gab es einige große Becken mit schönen Pflanzen und prächtigen Fischen. Das Gewächshaus, in dem Heintz Wasserpflanzen züchtete, habe ich zwar nie von innen gesehen, aber es regte immerhin die Phantasie an.

Wer ein Aquarium daheim hatte, in Wien wohnte oder die Gelegenheit hatte, nach Wien zu reisen, den zog es in jenen Tagen mit Sicherheit in Adolf Heintz‘ wunderbare Welt.

Im Alter übergab er seine Zierfischhandlung erfolgreich an seinen schon lange Zeit in den Betrieb integrierten Verwandten Walfried Werner und dessen Gattin Anna.

Deren Enkel, Robert Werner, erinnert sich daran, wie seine Großeltern gezwungen waren, das Gewächshaus komplett zu renovieren:

Das Glashaus hat nur Nachteile gehabt: Im Sommer bist erstickt, dann waren nur Algen in den Aquarien und das Glas musste abgedeckt werden. Im Winter war das Eis drüber. Es war außerdem eine Holzkonstruktion. Meine Großeltern haben dann Mitte der 1970er-Jahre ein paar Wochen zugesperrt und alles umgebaut, mit Plexiglas.

Am 3. März 1969 stirbt Adolf Heintz im Alter von 78 Jahren.  Anton Klein berichtet, er wäre noch am 27. Februar mit ihm in seinem Garten und im Glashaus spaziert. Heintz hätte ihn auf die Knospe einer besonders seltenen Orchidee hingewiesen und betont, wie sehr er dem Tag entgegenfieberte, an dem sie sich entfalten würde. Das blieb ihm jedoch versagt.

„Aquarium Heintz“ galt weiterhin, bis in die späten 1990er-Jahre, als bedeutendster Anziehungspunkt der Wiener Aquarienliebhaber. Es war oft überfüllt, vor allem an Samstagen. Dann und wann traf man einen Bekannten. Wer Brillen trug, kämpfte verbissen gegen das Beschlagen der Gläser. Man spähte neugierig in die für Kunden unzugänglichen Zuchträume, und manchmal war die Luft zum Schneiden.

Robert Werner: „Ich kann mich noch erinnern, früher sind da die Aschenbecher herumgestanden. Das kann man sich heute ja gar nicht mehr vorstellen. Da sind mindestens vier Aschenbecher gestanden. Aber meine Mutter hat sich dann so geärgert und hat Anfang der 80er durchgesetzt, dass wir ein Schild draußen aufgestellt haben: „Es wird höflichst ersucht, nicht zu rauchen!“ Mein Opa hat damals gesagt: „Die Kunden werden nicht mehr kommen!“ Und meine Mutter: „Das ist mir wurscht. Ich steh nicht da herinnen, in der Hitze, im Sommer, im Dunst. Und dann rauchen da drei. Das ist ja ein Wahnsinn!

Walfried Werner stirbt 1996 im Alter von 87 Jahren, seine Frau Anna 2006 mit 93 Jahren.

In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre begann das Geschäftsmodell der kleinen, feinen Aquarienfachgeschäfte allmählich zu Ende zu gehen. Die neuen Zeiten brachten Baumärkte, die nicht nur mit Ziegeln und Rasenmähern handelten, sondern auch mit Fischen, Aquarien und Zubehör.

Robert Werner: „1997 ist zehn Minuten von uns entfernt der Baumarkt gekommen. Das war der große Dämpfer. Der ist gekommen mit Preisen, wo ich nur so geschaut habe. Dann ruf ich bei meinem Großhändler an, sage „Tschuldigung, das kann ich dort billiger kaufen, als bei Euch. Was ist denn da los?“ Sagt er: „Tut mir leid, da kann ich nichts machen.“ Der ist dann bald in Konkurs gegangen. Es gibt ja keinen Großhandel mehr in Österreich.

„Aquarium Heintz“ ist heute vermutlich aufgrund seiner großen Tradition eines der letzten Wiener Aquarienfachgeschäfte alten Stils. Die Umrisse des einstigen Gewächshauses sind nach wie vor zu erkennen und wer Fische liebt, der kann es hier wie in früheren Zeiten genießen, eine Weile gewissermaßen allein und in Ruhe von Aquarium zu Aquarium zu schreiten. Und mit Glück wird man wohl auch einen Bekannten treffen.

Anton Klein hat ein Zitat von Adolf Heintz festgehalten, das wohl bis heute der Faszination dieses Wiener Juwels zugrunde liegt:

Ich kann mich an den herrlichen Dingen, die die Natur hervorbringt, nie satt sehen. Den ganzen Tag könnte ich stehen und immer nur schauen.

 

AQUARIUM HEINTZ
http://www.aquariumheintz.at/
1220 Wien, Nauschgasse 6a
E-Mail: werner@aquariumheintz.at

 

Quellen:

  • Klein, Anton (1969): Adolf Heintz – lebende Geschichte der österreichischen Aquaristik. In: Das Steckenpferd – Fibel für Aquarianer und Terrarianer, Heft 1, März 1969
  • Werner, Robert (2019): Gespräch mit Manfred Christ und Werner Lazowski am 17.1.2019
  • Weish, Peter (2019): Email vom 9.11.2019
  • Adolph Lehmann’s allgemeiner Wohnungs-Anzeiger
  • Urkunde der Kammer der Gewerblichen Wirtschaft für Wien, Juni 1961
  • Stadtplan der Wiener Berufsfeuerwehr, Dezember 1929

PS: Die seit 1929 existierende Nauschgasse war anfangs ein Kleingartenweg, der damals nicht, wie vielfach angenommen, nach dem österreichischen Fußballer Walter Nausch benannt wurde, sondern ohne amtlichen Sanktus nach dem schräg gegenüber (Wagramer Straße 31A) wohnenden, später mit einer nationalsozialistischen Vergangenheit belasteten Polizei-Oberinspektor, Wachekommandanten und Hundeführer Engelbert Nausch († 1956). Heute gilt die Nauschgasse laut „Lexikon der Wiener Straßennamen“ als offiziell nach dem Wunderteam-Fußballer Walter Nausch benannt.

Fotos: Archiv Robert Werner, Archiv Lobaumuseum, Manfred Christ

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