Rettung der Lobau: Sachverhalte immer kurioser!

Die Lobau vertrocknet und verlandet, sie stirbt. Das liegt daran, dass sie nicht mit Wasser aus der Donau gespeist werden darf – wegen einer damit verbundenen, vermuteten Gefährdung der Trinkwasserbrunnen. Die Stadt Wien schiebt diesen Konflikt beharrlich zur Seite. 32 Jahre lang eiert man bereits um eine politische Entscheidung herum. Je tiefer man in alten Dokumenten gräbt, umso kurioser werden die Sachverhalte.

In den angesprochenen 32 Jahren, seit dem Aufzeigen des Grundproblems zwischen Trinkwassergewinnung und Erhaltung der Landschaft 1988, wurden Millionen von Euro an Steuergeld ausgegeben, nur um immer wieder zum selben Ergebnis zu kommen:

  1. Wenn die Lobau nicht mit Wasser aus der (Neuen) Donau dotiert wird, geht ihre charakteristische Vielfalt verloren, werden die Gewässer in naher Zukunft zu seichten Lacken und die Tiere und Pflanzen, welche die Lobau eines Nationalparks würdig gemacht haben, werden verschwinden.
  2. Durch das Einspeisen von Wasser aus der Donau bzw. der Neuen Donau könnten jedoch die in der Lobau gelegenen Brunnen gefährdet werden, deren Trinkwasser, so heißt es von Seiten der Magistratsabteilung MA 31 „Wiener Wasser“, zur Abdeckung des Spitzenbedarfs und in Wartungsperioden der beiden Hochquellenleitungen ins Netz eingespeist werden müsse.
Grundwasserwerk Lobau

Die Lobau-Brunnen wären demnach also für Wien unerlässlich. Trinkwasser sei prioritär, die Vielfalt der Lobau durch die Einspeisung von Donauwasser zu retten, käme aus diesem Grund leider nicht in Frage.

Das ist verwunderlich.

Die Frage, die niemand stellen will, ist, ob das Brunnenfeld Lobau heute tatsächlich noch gebraucht wird. Denn der Trinkwasserbedarf geht in Wien seit Jahrzehnten (!) massiv zurück – seit den 1970er-Jahren um 23 Prozent. Darüber hinaus wurden 2006 für Wien zusätzlich das Grundwasserwerk Moosbrunn und 2015 das Grundwasserwerk Donauinsel-Nord in Betrieb genommen, deren Kapazitäten jene des Grundwasserwerks Lobau deutlich übertreffen.

Abgesehen davon ist dieser Konflikt zwischen Trinkwasser und Vertrocknung 32 Jahre alt. Der 2015 verstorbene Stadt-Verkehrs- und Regionalplaner Hannes Schulz schrieb schon 1988 im Rahmen des Wettbewerbs „Chancen für den Donauraum Wien“ folgendes:

„Die derzeitige Rechtslage und die Forderung der MA 31 nach Hochwasserfreiheit der Lobau ist mit dem Einströmen von Donauwasser nicht vereinbar. Die künftige Rolle der Grundwasserwerke für die Wiener Trinkwasserversorgung wäre zu klären. … Ist eine Verlegung, Reduzierung oder ein Umbau der Brunnen bzw. eine zusätzliche Aufbereitungsanlage denkbar?“

Präsentation des Kleehäufel-Siegerprojekts (Rathauskorrespondenz/Pressefoto Votava)

Eine „zusätzliche Aufbereitungsanlage“! Damit könnte der Konflikt gelöst und das Trinkwasser aus den Lobaubrunnen könnte ohne Unterlass genutzt werden.

Diese phänomenale, 1988 erstmals ins Gespräch gebrachte Aufbereitungsanlage stand 2005 bereits kurz vor der Verwirklichung! Sie wurde geplant, bejubelt, ein Architektenwettbewerb fand statt, am Kleehäufel neben den Ostbahngeleisen wurden Grundstücke angekauft – bis man die Sache sang- und klanglos absagte und das Projekt in der Versenkung verschwand.

Im September 2019 stellt die Stadt Wien dazu fest:

„Aufgrund der Entwicklung des Wasserbedarfs und er zu erwartenden hohen Errichtungs- und Betriebskosten war die Notwendigkeit zur Errichtung der Aufbereitungsanlage Kleehäufel nicht gegeben.“

Dass man die Höhe der Errichtungs- und Betriebskosten auch anders sehen und gleichzeitig seriös berechnen kann, beweist der Journalist und Lobau-Experte Robert Poth in seinem Blog. Am Ende stellt er die Frage: „Wäre es den Wienerinnen und Wienern wert, pro Jahr 4 Euro pro Kopf zu zahlen, um die Lobau zu retten?“ Zum Blog: https://beasts.at/rettung-der-lobau-aufbereitung-erschwinglich/

 

Die Facebook-Seite „Lobauinfo“ veröffentlichte dazu außerdem am 5. Jänner 2020 erstmals Auszüge aus der wasserrechtlichen Bewilligung für das Wasserwerk Kleehäufel (= die Wasseraufbereitungsanlage) vom 22. März 2004 – erteilt vom Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft.

Lobauinfo-Chefredakteur Robert Eichert weist darauf hin, dass damals an der Notwendigkeit der Aufbereitungsanlage Kleehäufel nicht der geringste Zweifel bestand.

Zitate aus dem 157 Seiten umfassenden Bescheid:
„Das Wasser des Brunnenfeldes Untere Lobau weist anthropogen verursachte Belastungen auf…“, „… trotz der Errichtung von Sperrbrunnen kann nicht ausgeschlossen werden, dass Belastungen, insbesondere von SKW (Anm.: SKW Schwere Kohlenwasserstoffe = Heizöl, Diesel, Kerosin) im Wasser vorhanden sind.“, „… zur Nutzung des Brunnenfeldes ist deshalb unter Berücksichtigung des Gefährdungspotenzials eine Aufbereitung und Desinfektion erforderlich.“

Eichert: „Warum sollte das Lobau-Grundwasser jetzt nicht mehr aufbereitet werden müssen? Hat sich seither etwas daran geändert?“

Und noch ein Zitat aus dem Bescheid: „Es ist davon auszugehen, dass die Sicherheit, die Wiener Bevölkerung mit einwandfreiem Trinkwasser versorgen zu können, durch den Betrieb der Aufbereitungsanlage ganz wesentlich erhöht werden wird.“

Bürgermeister Michael Häupl betonte in der Gemeinderatssitzung vom 25. Juni 2008, dass Wien „große Investitionen in die Qualität der Daseinsvorsorge“ zu finanzieren haben werde, und dass dabei zum Beispiel „die zentrale Wasseraufbereitung Kleehäufel zur Qualitätssicherung“ anstehen würde.

Foto: Peter Appelius

Danach hat man von der Wasseraufbereitungsanlage Kleehäufel kein Wort mehr gehört.

Zusammengefasst:

  1. Die Lobau kann nicht mit Donauwasser versorgt werden, weil die Stadt Wien behauptet, die dringend benötigten Brunnen seien dadurch gefährdet. Dringend benötigt? Dem steht erstens entgegen, dass der Trinkwasserverbrauch in Wien seit mehr als drei Jahrzehnten sinkt, und zweitens, dass in den vergangenen 15 Jahren die verfügbaren Wiener Grundwasser-Kapazitäten durch zwei neue Trinkwasserwerke mehr als verdoppelt wurden.
  2. Eine Aufbereitungsanlage für das – behördlich bestätigt – dringend nötige Trinkwasser aus der Lobau sei jedoch keineswegs notwendig, sagt die Stadt, weil ja Wien eigentlich immer weniger Wasser verbrauchen würde. Braucht man es nun oder braucht man es nicht? Denn im ministeriellen Bescheid aus dem Jahr 2004 wird eine Aufbereitung des Lobauwassers sehr wohl als erforderlich betrachtet und eindeutig vor Verschmutzungen des Trinkwassers wegen des benachbarten Tanklagers, wegen Altlasten aus dem Weltkrieg und wegen des Ölhafens gewarnt .

Das bedeutet, dass nach Aussagen des Magistrats der Stadt Wien das Trinkwasser aus der Lobau einerseits nicht so wichtig sei, dass man es aufbereiten müsse. Gleichzeitig sei es aber so enorm wichtig, dass man trotz neuerdings doppelter Kapazitäten keinesfalls darauf verzichten kann. Und die Lobau muss sterben.

Die Katze beißt sich gewissermaßen genau dort in den Schwanz, wo der Hund begraben liegt.

Quellen:

  • Schulz, Hannes (1988): „Chancen für den Donauraum Wien – 2. Wettbewerbsstufe: Empfehlungen der Jury und der Vorprüfung.“ In „Der Aufbau“ 2/1988 (S. 128)
  • Beantwortung einer Anfrage von ÖVP-Bezirksklubobmann Zoran Ilic vom 5. Juni 2019 durch SPÖ-Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy am 11. September 2019 „laut Auskunft von Frau amtsführender Stadträtin Mag. Ulli Sima“ (BV 22 – 474723/19)
  • Wasserrechtliche Bewilligung für die Errichtung und den Betrieb einer Wasseraufbereitungsanlage in der Katastralgemeinde Wien-Stadlau (Kleehäufel) durch den Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (Bescheid 15.628/12-I 5/03 vom 22. März 2004)

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