Die sagenhafte Realität des Klubvorsitzenden

Die Ausgangsposition:

  1. Josef Taucher, der Klubvorsitzende der Wiener SPÖ, bezeichnet sich als Umweltpolitiker.
  2. Man darf Politikern nicht jede populistische Irreführung durchgehen lassen.
  3. Es betrifft die Lobau und da fühlen wir uns zuständig.


Taucher präsentiert sich im Mai in seiner Facebook-Videoreihe „Wiener Wunderwelten“ an der Esslinger Furt: https://www.facebook.com/watch/?v=268538250853319

Er schwärmt:
„… ein wunderbarer Platz … ein Ort der Ruhe und der Kraft … man kann auch vielleicht da und dort den Moorfrosch finden … in der Paarungszeit verfärbt er sich blitzblau … und ist sehr, sehr selten. Wir haben ihn hier schon gesichtet und gefunden.

Wo ist das Problem?

  1. Die sogenannte Furt

Der SPÖ-Klubvorsitzende steht in seinem Video an der östlichen Seite der Esslinger Furt, dort, wo noch Wasser zu sehen ist – weil man hier in Richtung Groß-Enzersdorf Ende der 1970er-Jahre grob in den Grundwasserhorizont hinein gebaggert hat, was heute undenkbar wäre.

Die komplett ausgetrocknete westliche Seite hingegen spart Taucher aus, weil dann nämlich seine Botschaft vom „wunderbaren Platz“ in sich zusammenbrechen würde.

Ostseite ausgebaggert (im Video)
Westseite ausgetrocknet (nicht im Video)

 

 

 

 

 

 

 

 

Denn die Esslinger Furt ist schon lange keine Furt mehr. Sie liegt im Trockenen.

Und dafür sind das Desinteresse und die Untätigkeit der Stadt Wien verantwortlich, welchselbige, wie allgemein bekannt, seit 75 Jahren von der SPÖ regiert wird, die auch seit jeher für die Umweltagenden zuständig ist.

    • Wieso zeigt Josef Taucher nicht die traurigen Reste der ehemaligen Furt und verspricht eine Revitalisierung im Interesse der Natur, im Interesse der Nationalparks, im Interesse des Stadtklimas und im Interesse der Wiener? 
    • Wieso verkündet er nicht in seiner Eigenschaft als „Umweltpolitiker“, dass er sich dafür einsetzen werde, die Lobau endlich, wie seit Jahrzehnten angekündigt,  mit ausreichend Wasser aus der Neuen Donau zu versorgen?

Unsere Vermutungen:

    • Weil ihm PR-Berater eingeredet haben, dass er den Wienern nur erzählen müsse, dass „eh alles supa“ sei – dann würden sie ihn schon wählen.
    • Weil er zugeben würde, dass in der Umweltpolitik der Stadt einiges sträflich vernachlässigt worden sei.
    • Weil er davon ausgeht, dass wegen der Austrocknung der Lobau ohnehin nur eine unwesentliche Zahl von Wahlberechtigten „sauer“ wäre (die Mitglieder des Verein Lobaumuseum zum Beispiel) und man in diesem Fall mit der Austrocknung „halt leben müsse“.
  1. Der verschollene Frosch

Der Klubvorsitzende verkündet obendrein, dass man hier „den Moorfrosch“ finden könne, der „sehr selten“ sei. Eine Aussage, die, wie unschwer zu erkennen, dazu gedacht ist, das Wunderbare an der Esslinger Furt noch zu betonen.

Hätte sich der „Umweltpolitiker“ die Zeit genommen, vor der Aufzeichnung seines Werbe-Clips einen Blick auf die Website des Nationalparks zu werfen, hätte er dort zum Moorfrosch folgende Information gefunden:

„Heute muss er in der Oberen Lobau als verschollen betrachtet werden, in der Unteren Lobau sind nur mehr kleine Bestände vorhanden. Die Absenkung des Grundwasserspiegels hat hier ihre Narben hinterlassen.“

Taucher hätte noch weiter recherchieren können und hätte herausgefunden, dass bei der jüngsten, von der Stadt Wien in Auftrag gegebenen Kartierung 2016 in der Oberen Lobau Moorfrösche nicht mehr nachgewiesen werden konnten.

Eine Nachfrage in der Datenbank des Naturhistorischen Museums hätte obendrein ergeben, dass an der Esslinger Furt bis zurück in die 1920er-Jahre kein einziger Nachweis eines Moorfrosches gelungen ist.

Aber, wer weiß, vielleicht sind die Angaben nicht aktuell. Vielleicht gibt es ja in der Oberen Lobau doch noch die eine oder andere Moorfrosch-Sichtung, über die nur Spezialisten Bescheid wissen.

Fragt man also in der „Szene“ nach, erfährt man tatsächlich vom offiziellen Fund eines einzigen Individuums im Jahr 2017 – gute drei Kilometer Luftlinie von der Esslinger Furt entfernt.

Josef Tauchers Aussage im Video: „Wir haben ihn hier schon gesichtet und gefunden.Dabei stützt er sich auf einen Fund von Anfang April 2018, der demgemäß als Einzelfall zu bezeichnen ist. 

Aber egal, ob es in der Oberen Lobau nun keinen einzigen Moorfrosch mehr gibt, oder gerade noch einen, zwei, oder drei:

Den von hohen Wasserständen abhängigen Moorfrosch als Juwel der ausgetrockneten Esslinger Furt inmitten der beinahe ausgetrockneten Lobau zu präsentieren und dies angesichts der seit mindestens 15 Jahren von der Umweltstadträtin, Tauchers Parteikollegin, eingefrorenen, abgesagten und verdrängten Pläne, die Lobau mit Wasser zu versorgen, ist geradezu tollkühn.

Somit kann Folgendes zusammengefasst werden:

  • Ein Wiener Spitzenpolitiker stellt sich im Nationalpark an eine desaströs ausgetrocknete Furt eines kaum noch wasserführenden Gewässers, verbirgt diesen Niedergang des Schutzgebietes jedoch geschickt, um für den Wahlkampf eine „Alles ist wunderbar“-Botschaft anbringen zu können.
  • Er preist das Vorkommen einer Froschart, die laut Nationalpark hier als „verschollen“ geführt wird, und zwar wegen genau jener Austrocknung und Verlandung, die im Video lautstark verschwiegen wird.

So etwas nennt man Chuzpe.

(Wikipedia: „Chuzpe [aus dem Jiddischen] ist eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit.“)

Gezeichnet: „Lobaumuseum – Verein für Umweltgeschichte“, der Vorstand

Update: Mittlerweile wurde uns zugetragen, dass Josef Taucher den Moorfrosch, den er erwähnt, Anfang April 2018 gesehen hat. Diese Information wurde im Artikel ergänzt (farbig markiert)

Kommentare

  • <cite class="fn">Helmut Sattmann</cite>

    Das ist wirklich Chuzpe. Die SPÖ steht leider in kritischen Zeiten wie diesen weder für Umwelt noch für Klima Agenden ein. Aber das tun die anderen Wien-Wahlwerbenden auch nicht. Haben die vor lauter Populismus-Schmäh nicht kapiert, dass die Umwelt das Thema ist, das unsere Zukunft ganz wesentlich entscheiden wird? Oder wollen sie es nicht wissen?

  • <cite class="fn">Jopeart</cite>

    Der Moorfrosch wurde im April 2018 gesichtet. Das Foto wurde zur Identifizierung an die MA 22 geschickt, die bestätigte, dass Taucher einen sehr seltenen Moorfrosch gefunden hat. Es gibt auch das Originalfoto auf der Fbseite von Josef Taucher. Ihr solltets ein bissl ordentlicher recherchieren, bevor ihr auf „die Menschheit“ los geht’s. Das ist ganz schön gemein was ihr da abzieht.

    • <cite class="fn">Redaktion</cite>

      Danke für den Hinweis. Das Originalfoto lief unter der Bezeichnung „Grasfrosch“ und war dementsprechend unter „Moorfrosch“ auf Josef Tauchers alter Facebook-Seite nicht zu finden. Wir haben den Artikel durch einen diesbezüglichen Satz ergänzt. An der Grundaussage und an der Schlussfolgerung ändert das natürlich nichts.

  • <cite class="fn">Robert Poth</cite>

    Moorfrosch hin oder her, trotzdem ist es Chuzpe. Es grenzt außerdem an Leichenfledderei. Genauso wie die Rede von der „natürlichen Schilflandschaft der Lobau“ (Umweltstadträtin Ulli Sima bei der Eröffnung des Josefstegs über ein Gewässer, das keines mehr ist).

    Chuzpe ist auch, dass die MA 22 (Umweltabteilung) sich offiziell zur Behauptung versteigt, dass im Nationalpark Donau-Auen, Wiener Teil (Obere und Untere Lobau) keine Verlandung feststellbar wäre (keine Verschlechterung der Schutzgüter, wozu auch die Gewässer gehören!). Genauso gut könnte man behaupten, die Erde sei eine Scheibe. Im Wiener Naturschutzbericht 2018 wird dagegen immerhin eingeräumt, , es sei „unklar“, wie sich die „hydrologische Situation in der Unteren Lobau weiter entwickelt“, und der Erhaltungszustand der Zierlichen Tellerschnecke erscheine „eher ungünstig“.

    Dass Wien allein dagegen nicht vorbeugend Gegenmaßnahmen ergreift, ist ein Verstoß gegen Europäisches Umweltrecht.

    Mir ist das alles unbegreiflich, und die Grünen in der Stadtregierung haben sich auch völlig abgemeldet oder bekamen einen Maulkorb verpasst.

    Josef Taucher: Nebenbei wäre darauf hinzuweisen, dass Hr. Taucher dort, wo er anfangs im Video steht, gar nicht stehen dürfte, da im Wiener Teil des Nationalparks ein striktes Wegegebot gilt. Vorbildwirkung?

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