Die Lobau: eine Dauerbaustelle

Wer Anfang November einen Spaziergang durch die Lobau unternommen hat, ist weder Rotwild, noch Rehen begegnet, sondern einer Horde von LKWs. Wie war das möglich?

Die LKWs waren im Auftrag von „GeoTief Wien“ unterwegs, ein Projekt der Wien-Energie (also der Stadt Wien), dessen Aufgabe es ist, tief unten im Boden Heißwasservorkommen aufzuspüren. Das geschieht mit Hilfe von Impulsen – in der Art von Erdbebenwellen – die von den Fahrzeugen alle 20 Meter hinabgeschickt, vom Untergrund reflektiert und danach analysiert werden.

Probebohrungen 2016

Heißwasser für das Fernwärmenetz – im Grunde ein guter Zweck, der viele Mittel heiligt. Der Haken an der Geschichte ist, dass die Erteilung von Ausnahmegenehmigungen für Bauarbeiten im Wiener Teil des Nationalparks in den vergangenen zwei Jahren zur lieben Gewohnheit geworden ist:

Ende 2016 brechen Groß-LKWs durch das Gebüsch des Nationalparks, um Probebohrungen für den umstrittenen Straßentunnel durch die Lobau vorzunehmen. Die ASFINAG lässt an 45 Stellen auf je hundert Quadratmetern Geräte aufbauen, die bis zu 60 Meter tiefe Löcher bohren. Ein positiver Bescheid für das Projekt des „Lobau-Tunnels“ liegt noch nicht vor. Für die Probebohrungen wurde trotzdem eine Ausnahmegenehmigung erteilt.

Gleichzeitig, bis ins Frühjahr 2017 hinein, wird in der Unteren Lobau, bei der Mühlleitner Furt, eine Großbaustelle angelegt: Die beiden zwischen Mühlleiten und der Donau unterirdisch verlaufenden Gasleitungen werden saniert. Wiederum selbstverständlich alles mit Sondergenehmigung.

Im Frühjahr 2018 werden beidseitig des Schönauer Rückstaudamms Schutzstreifen gerodet, um in der Folge den Damm zu sanieren, dabei auf mehr als sieben Kilometer eine Dichtwand einzubauen, einen Weg und eine Drainage zu errichten.

Und nun, Ende 2018, wiederum LKW-Kolonnen, auf der Suche nach Heißwasser.

All diese Eingriffe sind selbstverständlich hoch seriös und finden in übergeordnetem Interesse statt. Aus einem etwas entfernteren Blickwinkel kann die Sache aber auch anders gesehen werden:

Kolonnen von LKWs, Baugräben, Maschinen, Arbeiter, Erdbebenwellen, Lärm, gefällte Bäume, ausgewalzte Forststraßen, vertriebenes Wild, zerstörte Humusdecken – mitten in einem Schutzgebiet, und das obendrein in schöner Regelmäßigkeit.

Ein Nationalpark ist das ultimative Mittel, um die Natur für unsere Nachkommen zu bewahren: Hunde müssen angeleint sein, Blumenpflücken und Baden sind verboten, die Wege dürfen selbstverständlich nicht verlassen werden, Radfahren darf man nur an wenig sensiblen, deutlich gekennzeichneten Strecken, störende Lärmerregung ist untersagt.

Dies alles gilt für Spaziergänger, für Erholungssuchende und Naturinteressierte. Sind andere Interessen im Spiel, vorzugsweise wirtschaftlicher Art, wird klar, wie zerbrechlich das Nationalparkgesetz ist. Bewilligungen sind zu erteilen, heißt es da, wenn die beabsichtigte Maßnahme die Zielsetzungen des Nationalparks „nicht wesentlich beeinträchtigt“. Ein klassischer Fall von „Gummiparagraph“, der sich jederzeit phantasievoll interpretieren lässt.

Fotos: Robert Eichert

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