Mit der Bahn zum Proletarierstrand 1932 – 2014

Im Dezember 2014 haben die Österreichischen Bundesbahnen die traditionsreiche Eisenbahn-Haltestelle „Lobau“ aufgelassen – und eineinhalb Jahre danach abgetragen. Es gäbe zu wenige Fahrgäste, die hier aus- und zusteigen würden, wurde verlautbart, außerdem müssten sonst die Bahnsteige um 14 Millionen Euro umgebaut werden. Mit dieser Entscheidung ging ein Stück Wiener Stadtgeschichte zu Ende. Die Haltestelle „Lobau“ war ab 1932 das Tor der Wiener in eine paradiesische Badewelt, in einen grünen, kostenfrei zu genießenden Dschungel.

Die „neue Personenhaltestelle“ wurde am Samstag, den 20. Juli 1932 eröffnet. Die Initiative dafür ging vom Vorstand des Ostbahnhofes, Oberinspektor Rudolf Regensberger aus, der, so hieß es, „durch Einschaltung besonderer Züge und einer Haltestelle selbst dem weniger Bemittelten den Reichtum und die Schönheit der Lobau“ zugänglich machen wollte.

Anfang der 30er-Jahre war die Zeit der großen Arbeitslosigkeit, der Armut und des Hungers. Das KPÖ-Parteiblatt „Die Rote Fahne“ beschrieb die Wiener Auwälder als einen der wenigen Lichtblicke:

„Die Lobau mit allen ihren Licht- und Schattenseiten ist das einzige, was den licht- und sonnenhungrigen Proletariern der Großstadt geblieben ist. Ein anderes Vergnügen als „wildbaden“ zu gehen, können sich die Arbeiter und die Arbeitslosen schon gar nicht mehr leisten. Kommt so ein schöner  Badetag, so packt man seine „Sieben Zwetschken“, die gewöhnlich aus Brot, Rettich, Dürrewurst oder einem Malzkaffee bestehen, zusammen und wandert nach dem Proletarier-Lido, der sich von der Floridsdorfer Brücke bis kilometerweit nach der Stadlauerbrücke zieht.“

Die Bahn brachte an Wochenenden und Feiertagen bei günstigem Badewetter auch weit von der Lobau entfernt wohnende Wiener rasch und billig ins Paradies. Vom Ostbahnhof bis zur Haltestelle Lobau betrug die Fahrzeit „nur“ 15 Minuten. Der Fahrpreis: 60 Groschen. Er wurde offenbar bewusst niedrig angesetzt. Denn für die gleiche Länge, vom Franz Josefs-Bahnhof nach Klosterneuburg, musste man fast das Dreifache, 1.60 Schilling, auslegen.

Die Bürgerinitiative „Rettet die Lobau“ fordert die Wiedererrichtung und den Ausbau der Haltestelle. Mehr darüber in einem 5 Minuten-Hörfunkbeitrag von Jutta Matysek auf Radio Orange 94.0 aus dem Jahr 2016: „BI S80 Lobau: Nein zur geplanten Abtragung der Schnellbahnstation Lobau.“   und in einem 2’40 Minuten Grätzel-Bericht in derStandard.at/TV vom Juli 2015.

Quellen:
„Die Rote Fahne“, 9. Juli 1932
„Wiener Montagblatt“, 18. Juli 1932
„Die Rote Fahne“, 25. Juni 1933
„Neue Klosterneuburger Zeitung“, 19. Mai 1934
„Illustrierte Kronen Zeitung“, 30. Juni 1934
„Verkehrswirtschaftliche Rundschau“, Juli 1934
„Verkehrswirtschaftliche Rundschau“, Juli 1936
ORF online, 28. November 2014
GRÜNE Donaustadt online, 19. April 2016
REGIOWIKI „Haltestelle Wien Lobau“

Recherchen: Robert Kinnl, Manfred Christ

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