Wie vor 50 Jahren: Lobau-Autobahn als Lösung aller Probleme

Was sich derzeit an Empörung und Drohungen rund um das Projekt einer Autobahn durch die Lobau abspielt, erinnert an die Situation Anfang der 1970er-Jahre. Auch vor 50 Jahren hieß das Match: SPÖ-Stadtregierung gegen Naturschutz.

Auf Seiten des Naturschutzes standen der zutiefst sozialdemokratische Lobaumuseums-Gründer Anton Klein, der WWF, der Naturschutzbund, einige andere Initiativen, sowie zahlreiche Journalisten, in erster Linie von Kronen-Zeitung und ORF, darunter der sehr wohlwollende Fernsehdirektor und spätere Wiener Bürgermeister Helmut Zilk.

Es ging damals wie heute um die Stadtumfahrung. Die Ostring-Autobahn A21 sollte – von Simmering her – die Lobau auf Höhe Panozza-Lacke erreichen und sich genau dort in einem gewaltigen Autobahnkreuz mit der Donauufer-Autobahn A22 vereinigen.

Dazu kam die Marchfeld-Schnellstraße S1, die ausgehend vom heutigen Knoten Kaisermühlen der Südosttangente A23 mitten durch den 22. Bezirk entlang des Mühlwassers durch die Obere Lobau bis hinein nach Groß-Enzersdorf führen sollte.

A21 und S1 sollten sich bei der Saltenstraße über dem Mühlwasser kreuzen – samt dazugehöriger Zu- und Abfahrten.

Heute würde man sagen: ein wahnwitziges Projekt. Damals wurde es von Stadtplanung und Politik als grundvernünftig und alternativlos betrachtet.

Die Errichtung dieses Autobahn-Netzwerkes war bereits im Bundesstraßengesetz 1971 verankert.

Als der öffentliche Druck durch Fernsehen, Presse und Bürgerinitiative schließlich zu groß wurde, kündigte der Wiener Planungsstadtrat Anfang September 1972 die Rückwidmung von 73 Hektar Industrieland in Wald-und-Wiesen-Gürtel an und dass ein Großteil der Lobau zum Naturschutzgebiet erklärt werde. Damit waren Autobahn und Schnellstraße nach damaliger Planung „gestorben“.

Der Unterschied zum derzeitigen Konflikt: Damals, vor 50 Jahren, galt das Auto als Transportmittel der Zukunft und der öffentliche Verkehr als Auslaufmodell. 1970 wurde zum Beispiel guten Gewissens die Straßenbahnlinie nach Groß-Enzersdorf eingestellt.

Heute ist unbestritten, dass in Städten Autos nicht das Massenverkehrsmittel der Zukunft sein können und dass mehr Straßen mehr Verkehr verursachen. Sämtliche Politiker unterstützen – zumindest in Worten und vor allem in Stadtgebieten – das Konzept des Öffentlichen Verkehrs.

Auf Autobahnbauen will man dennoch nicht verzichten. Es wäre ja schließlich grundvernünftig und alternativlos.

Quellen:

  • Kinnl, Hans (1972): Lobau wieder in Gefahr? In: Natur und Land 5/1972
  • Kölbel, Alfred (1972): Die Lobau wird zum Naturschutzgebiet. In: Arbeiter-Zeitung, 1.9.1972
  • APA-Meldung vom 4.9. 1972: Rettet die Lobau

Zeichnung: Hans Kinnl
Titelfoto: Anton Klein (Archiv Lobaumuseum, Symbolbild) Bau des Entlastungsgerinnes 1972

Kommentare

  • <cite class="fn">Helmut Sattmann</cite>

    Rückschritt ins vorige Jahrhundert oder Sprung ins neue Jahrtauseng mit Klimaschutz, Biodiversitätserhalt und gesunder Umwelt für alle. Welche Frage..

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