Das verlorene Paradies am Donaustrand

In der Diskussion um die Rettung der austrocknenden Lobau, um Grill- und Beachvolleyball-Plätze auf der Donauinsel, um nicht angeleinte Hunde und um einen Autobahntunnel unter dem Nationalpark geht Schritt für Schritt verloren, was es eigentlich zu bewahren gilt: den Zauber einer verschwundenen Landschaft, die einst das linke Ufer der Wiener Donau säumte und nachhaltig die Seelen jener berührte, die noch das Glück hatten, sie erleben zu können. Diese Landschaft war bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts, bis zum Bau der Donauinsel, das Überschwemmungsgebiet, von den meisten kurzerhand „Lobau“ genannt. Das Überschwemmungsgebiet war die letzte „wirkliche“ Au, es war der Wiener schönstes Erholungsland und ein Naturparadies ohnegleichen. Es ist der Donauinsel gewichen. Nun besteht nur noch ein Abglanz davon: die vom Strom längst abgeschnittene Lobau. Sie lässt zumindest erahnen, wie es einmal gewesen sein muss.

Franz Antonicek

„Das Überschwemmungsgebiet, das war ein Paradies. Da hat man Hirsche gesehen, hat man Reiher fischen gesehen, eine Wildnis, ein vom Hochwasser und vom Strom ununterbrochen überschwemmtes Gebiet, wo Graben ausgehoben worden sind, wo Bäume gewachsen sind, kreuz und quer, ohne kultiviert zu sein.“, schwärmte der 2016 verstorbene Naturfotograf Franz Antonicek.

Anton Kleins Sehnsucht nach dem Ursprünglichen war mindestens ebenso groß. Der Gründer des Lobaumuseums erinnerte sich: „Das Überschwemmungsgebiet war für mich das Robinson-Land, in dem alle Wünsche und Träume in Erfüllung gegangen sind.“

Und weiter: „Im Überschwemmungsgebiet haben Sie Zelte aufstellen können, Fußball spielen, alles. Dann ist die nächste Überschwemmung gekommen. Jedes Mal wenn Du nach einer Überschwemmung hingekommen bist, war die Landschaft anders.“

In seiner autobiographischen Erzählung „Strömung“ beschreibt der Schriftsteller Martin Kubaczek eine Kindheit in den Weiten des Floridsdorfer Überschwemmungsgebietes. Seine Beschreibungen versetzen einen mitten hinein in jene wunderbare, wilde Welt. Man meint das Donauwasser riechen zu können, den Wind zu spüren, die Pappeln rauschen zu hören. Es waren die 1960er-Jahre. Noch wurde die Donau nicht durch ein Kraftwerk aufgehalten. Überschwemmungen gehörten zum Jahresverlauf:

„Das Wasser kam von nirgendwo her. Das Wasser kam aus der Erde. Nebenan strömten ungeheure Wassermassen, eine viele hundert Meter breite Ausdehnung, wenn die Donau über die Ufer getreten war. „Die Donau tritt über die Ufer!“ – Dies war ein Ausdruck von Schrecken, und welche Begeisterung in dieser Furcht, die uns sofort die Räder schnappen und hinausfahren ließ!“

„Über der Überschwemmungsfläche trieb das Wasser langsam, aber auf der drüberen Seite, draußen am Strom, jagte das Wasser in der Mitte der Strömung in überstürzenden Wellen bergab. Dort spürte man noch das Gefälle des Gebirgsflusses, dort sah man die Gewalt des andrängenden Wassers.“

Die Donauwiese, wie das Überschwemmungsggebiet auch genannt wurde, war mit Trampelpfaden und Fahrradspuren vernetzt – ohne behördliche Projektentwicklung, ohne verordnete Sicherheitsabstände und ohne Verbotstafeln. Martin Kubaczek:

„Diese Bahnen und Spuren, die in der Länge und Diagonale, querend und kreuzend die Fläche durchzogen, das sind die Festschreibungen von Leben. Das ist, wo die Leute wirklich gehen, keine in irgendwelchen Büros geplanten Wege, sondern zustande gekommene, jeder Weg hat sein Ziel: Angelplätze, Badebuchten, Imbißbuden auf der Flußseite; Baumgruppen mit Schatten, Liegeplätze, Treppen und schräge Auffahrten als Übergänge auf der Dammseite. Und die Längswege: am Ufer entlang, am Damm entlang. Dazwischen die Bombentrichter, buschbestanden, in denen, hinter Buschwerk versteckt, nackt die Sonnenanbeter lagen; früh kamen sie, sie hatten ihre Stammplätze, und am späten Nachmittag zogen sie wieder heim, Decken unter dem Arm, Tragetaschen mit kleinen Transistorradios, Thermoskannen, Gurkengläsern, Illustrierten und Rätselheften. Sie hinterließen kleine Nester, wo das Gras vom Herumrollen niedergedrückt war unter den Decken und Matten; rundum standen die Halme hoch auf, bildeten eine schützende, schaukelnde Wand. Legt man sich in diese von fremden Körpern ausgedrückten Mulden, sah man nichts als den Himmel, ferne weiße Wolken zogen darüber hin.“

Auch der in den längst zerstörten Auwäldern nördlich von Wien aufgewachsene Nobelpreisträger Konrad Lorenz hat die Magie der freien Donau und der echten Donauwildnis in Worte gefasst.

Es gelang ihm, das Wesen dieser Landschaft gewissermaßen in einen einzigen Gedanken zu fassen:

„Wenn ich an einem heißen Sommertage über die Donau schwimme und dann, tief in den Auen, an einem verträumten Arm des großen Stromes wie ein Krokodil im Schlamm liege, in einer Urlandschaft, in der nicht das geringste Anzeichen auf die Existenz menschlicher Zivilisation deutet, gelingt es mir manchmal, ein Wunder zu vollbringen: ohne daß ich etwa einschliefe, löst sich mein Denken in der umgebenden Natur auf, die Zeit steht still, sie bedeutet nichts mehr, und wenn die Sonne sinkt, die Abendkühle zur Heimkehr mahnt, weiß ich nicht, ob Sekunden oder Jahre vergangen sind.“

 

Quellen:

  • Lorenz, Konrad (1949): „So kam der Mensch auf den Hund“, Kapitel: „Hundstage“, Verlag Dr. G. Borotha-Schoeler
  • Kubaczek, Martin (2001): „Strömung“, Folio Verlag
  • Antonicek, Franz (1992): Audio-Interview mit Herbert Schneider (unveröffentlicht)
  • Klein, Anton (2006): Audio-Aufzeichnung von Manfred Christ

Fotos:

Barbara Antonicek, Herbert Schneider, Wikimedia Commons (Nobel Foundation Archive 1973, TARS 631)

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