Das sagenhafte Überschwemmungsgebiet

Die Lobau reichte einst über das die Donau begleitende Überschwemmungsgebiet bis nach Kaisermühlen hinein. Anfang der 1970er-Jahre fiel diese vielgeliebte und besungene „Donauwies’n“ dem Bau des Entlastungsgerinnes zum Opfer.

Das im Zuge der Donaubegradigung zwischen 1870 und 1875 entstandene Überschwemmungsgebiet (seinerzeit die wahre „Lobau“) war für die Wiener ein leicht erreichbarer Erholungsraum, ein Badegebiet und ein Abenteuerspielplatz. Es bot überdies die Möglichkeit, Fußball-Matches auszutragen, große Segel- und kleine Modellflugzeuge zu steuern und Drachen steigen zu lassen.

Wer es gemütlicher angehen wollte, fand schattige Gaststätten, wo man unter alten Bäumen ein Krügerl genießen konnte. Mindestens einmal im Jahr wurde die Donauwies‘n vom Hochwasser überschwemmt und auf diese Weise maßvoll verändert. Bei den Jägern galt sie als bestes österreichisches Niederwildrevier. Es gab Hasen, Fasane und Rebhühner ohne Ende.

Und für Kinder war die „Lobau“ ohne Zweifel Wiens wunderbarstes Streifgebiet. Der Kaisermühlner Walter Benes hielt dies in der Niederschrift seiner Erinnerungen fest: „Mit dem Fahrrad war ich so mobil, dass es möglich war, sogar in die Lobau zu fahren. Höhepunkte waren bei Hochwasser Furtdurchquerungen. Dabei war es das Ziel, die Furt zu durchfahren, ohne ins Wasser steigen zu müssen. Es war nicht immer einfach, da der Boden meist schottrig und weich war, und so wurden Wetten abgeschlossen, wer am weitesten kam, ohne abzusteigen. Nass waren wir auf alle Fälle.

Donauhochwasser Juli 1975, Blick vom 2. Bezirk  (Foto: Michael Pekar)

Auch für Anton Klein, den Begründer des Lobaumuseums, war das Überschwemmungsgebiet einzigartig und unvergleichlich:

„Die richtige Lobau, das war das Überschwemmungsgebiet, das war die letzte Au. Die Leute haben bis heute das Einfachste nicht begriffen: dass die Lobau seit 1875 keine Au mehr ist! Im Überschwemmungsgebiet haben Sie Zelte aufstellen können, alles. Dann ist die Überschwemmung gekommen und alles war wieder leiwand, das ist alles kostenlos beseitigt worden. Jedes Mal nach einer Überschwemmung war die Landschaft anders.“

Auf der Donauwies’n gab es auch zahlreiche stehende Gewässer, Donau-Altarme mit typisch wienerischen Namen: Zinkabachl, Eisenbahnerlacke, Zillbauer Hagel, Toter Grund, Neumüller Hagl, Rollerwasser.

Der größte und bekannteste dieser Donau-Altarme war das Stürzlwasser bzw. die Stürzllacke – die durch den Kaisermühlendamm abgeschnittene Fortsetzung der Alten Donau, benannt nach dem Kaisermühlner Gastwirt Georg Stürzl, der dort ein Wirtshaus betrieb.

Am Stürzlwasser hatten zahlreiche Vereine ihre Strandbäder. Ab 1957 der Turnverein Alsergrund, ab 1905 der Erste Wiener Donauschwimmclub, ab 1924 der Naturheilverein, ab 1926 der Deutsch-Österreichische Jugendbund.

Stürzlwasser (Foto: Herbert Schneider)

Das Stürzlwasser galt auch als erstklassiges Angelrevier. Das Wasser war in Ufernähe seicht, man musste den Köder sehr weit hinaus in eine tiefe Rinne werfen, um mit Erfolg rechnen zu können. Mit gekochten Erdäpfeln und Teig gelang es, kapitale Karpfen zu fangen. In den Nächten waren die Fischer auf der Jagd nach Zandern.

Wer nach einem guten Angelplatz fahndete, hatte die Wahl zwischen dem aus Schotter bestehenden Ufer entlang des Kaisermühlendammes oder dem sandigen Ufer an der Seite der Donau. Auf der Höhe der heutigen Praterbrücke hatte das Stürzlwasser eine schmale Verbindung zum Strom – was den Fischen die Gelegenheit bot, vom fließenden Wasser in den Altarm und wieder retour zu wechseln. Dazu kamen die jährlichen Hochwässer, die das Stürzlwasser und alle anderen Gewässer des Überschwemmungsgebietes verlässlich mit frischen Donaufischen versorgten.

Als Angler-Paradies war das „Stürzl“ sogar in Deutschland bekannt. Die in Hamburg erscheinende Fachzeitschrift „Fisch und Fang“ berichtete zum Beispiel im Mai 1971, dass hier ein mehr als eineinhalb Kilogramm schwerer Aal erbeutet wurde und in den ersten Apriltagen des Jahres auf einem Köder aus Maisteig ein zehn Kilogramm schwerer Karpfen. Zu dieser Zeit wurde gerade die vierte Wiener Donaubrücke (Praterbrücke) errichtet.

„Fisch und Fang“ schrieb: „Zu bemerken wäre noch, dass die meisten Fänge in unmittelbarer Nähe der neuen Donaubrücke getätigt wurden. Man hatte allgemein angenommen, dass durch die Großbaustelle das Wasser dort auf lange Zeit fischleer sein würde. Aber die guten Ergebnisse bewiesen das Gegenteil.“

Im Oktober 1971 schrieb „Fisch und Fang“ schließlich: „Und dieses schöne Wasser mit seiner großen Tradition soll nun beim Bau des neuen Hochwasserkanals zugeschüttet werden. Man kann es fast nicht glauben.“

Die Arbeiten zum Bau des Entlastungsgerinnes und der Donauinsel begannen am 1. März 1972. Anton Klein kämpfte vergeblich dagegen an. Im selben Jahr veröffentlichte er in der Juni/Juli-Ausgabe seiner Zeitschrift „Das Steckenpferd“ einen kritischen Artikel unter dem Titel „Spatenstich zur Zerstörung des Überschwemmungsgebietes“:

„Die paradiesische Natürlichkeit des einstigen Überschwemmungsgebietes hätte zum Wohle kommender Generationen bewahrt werden können. Wien wäre die im Donauwalzer von Johann Strauß verewigte, einzigartige Dschungelstadt geblieben.“

An der Stelle des sagenhaften Stürzlwassers verlaufen heute die hoch aufgeschüttete, trockene Donauinsel, das hart verbaute Entlastungsgerinne und die sechsspurige Donauuferautobahn – überquert von der achtspurigen Südost-Tangente.

 

Mehr über Geschichte und G’schichtln von Kaisermühlen auf der Website des „Grätzlhistorikers“ Norbert Kainc http://www.kaisermuehlen.eu/

Titelfoto: Herbert r / Wikimedia Commons (Juni 1964)
Literatur: „Fisch und Fang“
Jahrgang 12, Heft 5, 15. Mai 1971 (Seite 163), Heft 10, 16. Oktober 1971 (Seite 355)
Jahrgang 13, Heft 8, 12. August 1972 (Seite 487)

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