„Damals war die Welt noch frei“ – der Gärtner von der Naufahrt

2019 hat der 87jährige Kurt Schöny seine Großgärtnerei an der Alten Naufahrt nach mehr als einem halben Jahrhundert für immer geschlossen. Er erinnert sich an die Obere Lobau wie sie früher war, an üppig mit Wasser gefüllte Gewässer und an die paradiesische Donauwiese.

1934 ist er als Zweijähriger mit seinen Eltern aus Wien hierhergezogen. Der junge Mann findet zunächst eine Beschäftigung bei der Eisenbahn, am Bahnhof Stadlau – was ihm heute eine Zusatzpension beschert: „In der Zeit, wo i kommen bin, war dort noch sehr, sehr viel los, der Körndl-Verkehr vom Marchfeld, die Rüben-Kampagne.“

1965 beschließt er, sich mit einer Blumengärtnerei selbständig zu machen – als Autodidakt, wie er betont. Eine gute Entscheidung, der Beruf des Gärtners liegt ihm: „I war recht gut in Freiland-Schnittblumen, hab a bissl a Phantasie gehabt und hab immer gute Sachen gebracht. Also war ich immer ein recht ein angesehener Gärtner.“

Sein Können und sein Gespür haben ihm eine Menge gärtnerische Goldmedaillen eingebacht, bei der Internationalen Gartenbauausstellung 1983 in München einen „Großen Preis der Bundesregierung für hervorragende Leistung im Bereich Zierpflanzenbau“ und 1990 das Silberne Verdienstzeichen der Stadt Wien.

Kurt Schönys Gärtnerei ist wie eine letzte Bastion der Vergangenheit. Rundum hat sich vieles, manchmal auch alles verändert: „Die Leut da sind heute ganz anders. Früher hat a jeder an Garten mit Gemüse und Obst gehabt und Kleintiere und sogar manche Kühe.“

Die angrenzende Naufahrt hat seinerzeit noch Hochwasser geführt. „Das Straßenniveau ist jetzt zwar höher, aber i kann mi erinnern, da samma als Kind immer bis zu die Knie im Wasser gewatet.“

Das linke Ufer war einstmals kaum zugänglich, mit Schilf komplett verwachsen:  „Nur bei mein Türl war a klans Platzl und a Bam, a schiefer, und auf den war a Tafel „Baden verboten“. Das hat der Jager und die Polizei geahndet.“

Berittene Polizei

In den 30er-Jahren wurde die Lobau von berittener Polizei bewacht:

„Das muss so im 37er-Jahr gewesen sein, da waren wir Holz klauben, aber ohne „Klaubzettel“, den haben wir uns nicht leisten können. Außerdem hat der Auflagen gehabt: nur fünf Zentimeter starke Äste, kein Schubkarren, kein Wagerl, nur das was man tragen kann und nur einmal am Tag. Beim alten Josefsteg, da ist so eine Vertiefung und da haben wir plötzlich – platsch, platsch – das Hufgetrappel gehört und haben uns g‘schwind in den Sträuchern versteckt.“

 Das Fischwasser vor der Haustür stand eine Weile sogar unter der Obhut von Kurt Schönys Vater: „Während dem Krieg und a bissl vor Kriegsanfang hat der Rote Hiasl-Wirt und mei Vater das Wasser gepachtet gehabt. Das ist vom Schillloch weg gegangen und die Dechantlackn war a dabei. Und wie sie dann beide spät aus dem Krieg zurückgekommen sind, hat‘s die Stadt Wien schon dem Arbeiterfischereiverein gegeben. Mein Vater hat da ja mitn Roten Hiasl mit alle erlaubten und unerlaubten Methoden gfischt.“

Die wunderbare Donauwiese

Wenige hundert Meter entfernt, jenseits des Hochwasserschutzdammes, lag das Überschwemmungsgebiet, die sogenannte „Donauwiese“, Wiens schönster und bedeutendster Erholungsraum.

Kurt Schöny: „In meiner Jugend sind wir immer auf die Donauwiesen Fußball spielen gegangen, beim Roten Hiasl so grad obe. Da haben manchmal 20 gegen 25 oder 28 gespielt. Immer, wann ein Neuer gekommen ist, hat der mitspielen dürfen. Und die Bierhüttn am Überschwemmungsgebiet haben auch a gewisse Rolle gespielt. Wenn man von der Reichsbrücke aus zusammenzählt, hat’s sicher ein Dutzend von denen gegeben. Da war das Barberl-Dorf (Anmerkung: Barbe = häufiger Donaufisch), da war der Goscherte Wirt und dann waren der Nutz, die Scheibert, der Murl und der Weiss. Im Winter habens zu ghabt. Und die Fischer haben so a Blechfassl ghabt und haben da aufn Feuer die kleinen Fische als Spezialitäten verkauft. Und die Daubelfischer haben früher a gut gfangen und da sind relativ viel Fische auch verkauft worden. Damals war die Welt noch frei.“

Vor allem in den ersten Jahren nach Ende des Krieges sei die Donauwiese ein enormer Anziehungspunkt gewesen. Das Rufen und Lachen der Menschen hätte man bis hinüber zur Naufahrt gehört. Schöny: „Da hat‘s ja nix geben, als wie baden. Viele haben gezeltlt und san von dort direkt in die Arbeit gfahren.“

Die große Veränderung

Der große Einschnitt kam Anfang der 1970er-Jahre mit dem Bau des Entlastungsgerinnes, dem die Donauwiese und die Hochwässer zum Opfer fielen. Allerdings sei, so Schöny, der Wasserstand schon in den 40er-Jahren ein bisschen zurückgegangen, durch den Bau des Donau-Oder-Kanals nämlich, der wie ein Entwässerungsgraben gewirkt hätte. „Bei mir in der Gärtnerei hab ich unten immer das Wasser gehabt, aber seit dem Entlastungsgerinne ist das gebannt. Den Wasserspiegel schätze ich seither um einen Meter weniger.“

Was wird nun mit dem ausgedehnten, wunderbar ungeordneten und naturnahen Areal der Gärtnerei am Naufahrtweg 962 geschehen? Luxusreihenhäuser?

Kurt Schöny:
„Nur 3200 m² sind erschlossenes Bauland, der Rest ist Ackergrund, unverbaubar. Wenn ich jetzt aufhöre, lass ich es brach liegen, weil ich will keinen Ärger haben, und bau mir weiter ein paar Blumen an.“

Fotos: Gerhard Neuhold

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