Im Wien Museum am Karlsplatz ist noch bis 30. August eine ebenso penibel wie liebevoll gestaltete Ausstellung über das Werden der Donauinsel zu sehen. Titel: „Die Donauinsel. 21 Kilometer Freiraum“
Ein gewichtiger Teil ist dem heute fast vergessenen Überschwemmungsgebiet gewidmet, dem Vorläufer der Donauinsel: ein weites, wildes und veränderliches Land – die letzte von Hochwässern geformte, echte Wiener Aulandschaft. Wie die Donauinsel zog sich das Überschwemmungsgebiet am linken Ufer des Stromes von Langenzersdorf bis tief hinab in die Untere Lobau.
Das Überschwemmungsgebiet war gewissermaßen zweigeteilt: Von Kaisermühlen stromaufwärts nannte man es „Donauwiese“ – eine Graslandschaft, die nur in der Nähe des Dammes gelegentlich von Bäumen gesäumt war. Zwischen Reichsbrücke und Ostbahnbrücke, rund um das berühmte Bade- und Angelrevier „Stürzlwasser“ war eine Art Übergangszone. Von der Ostbahnbrücke stromabwärts galt das Überschwemmungsgebiet von den 1920er-Jahren an 50 Jahre lang als die „wilde Lobau“.
Der Begriff „Lobau“ war jahrzehntelang ein Synonym für das Überschwemmungsgebiet. Hier verbrachten die Wiener kostenfrei ihre Wochenenden und ihre Sommerurlaube. Hier wurde nackt gebadet, philosophiert und politisiert. In die tatsächliche Lobau jenseits des Hochwasserschutzdammes drangen vergleichsweise wenige vor – außerdem durfte man dort nur bis zum Eintritt der Dämmerung bleiben und musste obendrein Eintritt bezahlen.
Das Überschwemmungsgebiet musste Anfang der 1970er-Jahre dem Entlastungsgerinne (wie die Neue Donau anfangs hieß) weichen, weil Wien nach dem gewaltigen Hochwasser des Jahres 1954 unbedingt einen felsenfesten Hochwasserschutz wollte.
Die Wiener SPÖ war Feuer und Flamme für das neue Großprojekt, die ÖVP schloss sich hingegen dem wesentlich billigeren Vorschlag des Bundesstrombauamtes (später Wasserstraßendirektion, heute viadonau) an, der eine Erhöhung und Abdichtung der bestehenden Dämme vorsah. Die SPÖ konnte sich schließlich – auch mit Unterstützung des Bundes – mit ihren Argumenten durchsetzen.
Kurioses Detail am Rande: Einer der Gründe, die von der Stadt damals für den Bau der hochwassersicheren Insel angeführt wurden, war die Trinkwassergewinnung. Im November 1972 verkündete Stadtbaudirektor Rudolf Koller, man würde hier in Zukunft dem Grundwasserstrom der Donau täglich 200.000 Kubikmeter Trinkwasser entnehmen können. Die Gewinnung von Trinkwasser auf der Donauinsel für das Versorgungsnetz der Stadt Wien wurde jedoch bis heute nicht realisiert. Eine dafür unbedingt notwendige Aufbereitungsanlage ist 2006 trotz Vorarbeiten, Investitionen und behördlicher Genehmigung durch eine rein politische Entscheidung wieder abgesagt worden. 2025 wurde das Projekt erneut in Angriff genommen. Fertigstellung 2030. Dass seine hoffnungsvolle Zukunftsvorstellung der Trinkwassergewinnung bis zur Verwirklichung 58 Jahre dauern würde, ist Stadtbaudirektor Koller damals sicherlich nicht in den Sinn gekommen.
Die vielen Menschen, die am Überschwemmungsgebiet eine wunderbare Kindheit verbringen durften und die Naturliebhaber, die von der Vielfalt der Fische, Amphibien und der ungeheuren Niederwilddichte des Gebietes fasziniert waren, kämpften bis zuletzt gegen das Monsterprojekt des Entlastungsgerinnes an, das anfangs rein technisch konzipiert war: betoniert, schnurgerade und steile Ufer.
Erst die aufkommende Naturschutzbewegung (1970 war das erste Europäische Naturschutzjahr, Anton Klein und seine Bürgerinitiative verhinderten mit Hilfe von ORF und Krone eine Autobahn samt Schnellstraße durch die Lobau) führte zu einem politischen und ökologischen Umdenken.
Auf dem Aushubmaterial des Entlastungsgerinnes – der heutigen Insel – sollte nach etlichen Plänen ein neuer Stadtteil entstehen, sogar der neue Hauptbahnhof war hier angedacht. Bürgermeister Felix Slavik entfachte angesichts medialen und wissenschaftlichen Drucks eine breite Diskussion quer durch die verschiedenen Interessensgruppen, die dazu führte, dass das schnurgerade Betongerinne in letzter Minute entschärft wurde: Buchten wurden angelegt, Teiche wurden gegraben, als Reminiszenz an das Überschwemmungsgebiet wurde der sogenannte Tote Grund erhalten und die großflächigen Verbauungspläne wurden konsequent verworfen.
Die Ausstellung im Wien Museum erzählt von der komplexen Planungs- und Baugeschichte der Insel und von ihrer ökologischen und sozialen Bedeutung in der dichter und heißer werdenden Stadt der Gegenwart.
Heute können sich immer weniger Menschen aus eigenem Erleben an das in vielerlei Hinsicht ursprüngliche Überschwemmungsgebiet erinnern. Die neu erschaffene Insel ist im Grunde nur eine große, trockene Schotterhalde, die mittels aufgeschütteten Humus mühsam begrünt worden ist. Das Überschwemmungsgebiet hingegen war feucht, hatte Verbindung zum Grundwasser, war voller wunderbarer Gewässer, versteckter Platzerl und begrünte sich vehement und nach Hochwässern immer wieder aufs Neue von selbst.
So sehr sich die jüngeren Generationen über die Freizeitanlage rund um die Neue Donau auch freuen mögen, wer das Überschwemmungsgebiet gekannt hat, trauert bis heute.
Der Verlust wurde bis nach Deutschland hin besprochen. Im Juni 1972 kommentierte die auflagenstärkste deutschsprachige Anglerzeitschrift „Fisch und Fang“:
„Hier wird ein riesiges unverbautes Naturgebiet, das „Überschwemmungsland“, mit seinen hunderten kleinen und größeren Au-Ausständen, die zum Teil einen hervorragenden Fischbestand aufwiesen, von den Stadtplanern kultiviert und zivilisiert. Berühmte Altarme, wie zum Beispiel das Stürzlwasser und viele andere Auwässer werden verschwinden. Unsere Hasen, Fasane und Rebhühner werden vertrieben, dafür aber bekommen wir gekieste Wege und einen schnurgeraden Kanal mit ausgelegten Ufersteinen. Da der Hochwasser-„Kanal“ bis tief in die Lobau reichen wird, kann man sich vorstellen, welches Stück Natur hier den Großstadtmenschen genommen wird.“
In seiner autobiographischen Erzählung „Strömung“ beschreibt der Schriftsteller Martin Kubaczek seine Kindheit in den Weiten der Floridsdorfer Donauwiese. Man meint das Donauwasser riechen zu können, den Wind zu spüren, die Pappeln rauschen zu hören.
Es gab keine geordnet arrangierten Fuß- und Radwege, keine gezirkelten Grillplätze und keinen Asphalt. Die Wiese war nur durch Trampelpfade und dünne Spuren von Fahrradreifen vernetzt. Martin Kubaczek:
„Diese Bahnen und Spuren, die in der Länge und Diagonale, querend und kreuzend die Fläche durchzogen, das sind die Festschreibungen von Leben. Das ist, wo die Leute wirklich gehen, keine in irgendwelchen Büros geplanten Wege, sondern zustande gekommene, jeder Weg hat sein Ziel: Angelplätze, Badebuchten, Imbissbuden auf der Flussseite; Baumgruppen mit Schatten, Liegeplätze, Treppen und schräge Auffahrten als Übergänge auf der Dammseite.
Und die Längswege: am Ufer entlang, am Damm entlang. Dazwischen die Bombentrichter, buschbestanden, in denen, hinter Buschwerk versteckt, nackt die Sonnenanbeter lagen; früh kamen sie, sie hatten ihre Stammplätze, und am späten Nachmittag zogen sie wieder heim, Decken unter dem Arm, Tragetaschen mit kleinen Transistorradios, Thermoskannen, Gurkengläsern, Illustrierten und Rätselheften.
Sie hinterließen kleine Nester, wo das Gras vom Herumrollen niedergedrückt war unter den Decken und Matten; rundum standen die Halme hoch auf, bildeten eine schützende, schaukelnde Wand. Legt man sich in diese von fremden Körpern ausgedrückten Mulden, sah man nichts als den Himmel, ferne weiße Wolken zogen darüber hin.“
Das Buch zur Ausstellung hat geradezu den Charakter eines – äußerst aufschlussreichen – Grundlagenwerks: 60 Texte, Interviews, Porträts und historische Abbildungen beschreiben auf 431 Seiten den Sehnsuchtsort Überschwemmungsgebiet und die moderne Legende von der Donauinsel in all ihren Facetten. Nicht zu übersehen: Klaus Pichlers Fotoprojekt „Eine Insel, viele Geschichten”.
Herausgeberinnen sind Martina Nußbaumer und Ulrike Krippner.
Grafische Gestaltung: Larissa Cerny
ISBN: 978-3-99166-046-0
€ 38,00
Erhältlich direkt im Wien Museum oder online. https://shop.wienmuseum.at/de/die-donauinsel-2026-
Fotos zu diesem Artikel von:
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- Titel: Klaus Pichler, Wien Museum
- Donauwiese SW um 1938-40: Martin Gerlach jun., Wien Museum
- Überschwemmungsgebiet/Reichsbrücke 1964: Herbert r, Wikimedia Commons
- Überschwemmungsgebiet/Höhe Ölhafen SW 1962: Rudolf Schmied
- Entlastungsgerinne 1975: Herbert Schneider
- Donauinsel frisch begrünt/Höhe Steinsporn SW 1975: Manfred Christ
- Stürzlwasser 1975: Herbert Schneider
- Überschwemmungsgebiet Imbissbude 1975: Herbert Schneider

