Obere Lobau: ein Schreiadler als Weggefährte

Es ist genau zehn Jahre her, als Naturfotograf Gerhard Neuhold in der Oberen Lobau ein außergewöhnliches Erlebnis hatte.

8. November 2011, 14:56 Uhr: Am Weg zum Josefsteg steht Neuhold plötzlich vor einem Adler (!). Der Vogel sitzt am Boden, scheint ohne Scheu zu sein und sieht ihn aufmerksam an. Ein junger Steinadler? Ist er krank oder verletzt? Wieso fliegt er nicht davon?

Neuhold fotografiert. Kein Zweifel: Der Vogel braucht Hilfe. Um 15:15 Uhr macht er sich im Laufschritt in Richtung Nationalparkhaus auf. Dort findet gerade eine geschlossene Veranstaltung statt – und man ist skeptisch: Wäre es ein junger Steinadler, würde er sich wahrscheinlich bloß ausruhen und in Kürze weiterfliegen, heißt es.

16:05 Uhr: zurück zum Adler. Ein Mann mit einem nicht angeleinten Hund erscheint. Der Adler hoppelt in Panik ins nächste Gebüsch.

Nun war klar: Das ist kein Adler, der gleich wieder weiterfliegen wird. Also zurück zum Nationalparkhaus: „Mit dem Vogel stimmt etwas nicht!“

Der Förster alarmiert die Falkner des benachbarten Greifvogelschutzzentrums.

Als sie beim Josefsteg eintreffen, ist der Vogel weg. Zu viert suchen sie, bis es allmählich dunkel wird. Gerhard Neuhold: „Plötzlich höre ich einen lauten Schrei. Der Adler ist noch da! Habt ihr gehört?! Leider nicht. Es ist beinahe schon Vollmond, aber Weitersuchen bringt trotzdem nichts mehr.“

Zwei Tage später wendet sich Gerhard Neuhold ratsuchend an die Kronen-Zeitung, an Maggie Entenfellner, die Leiterin der „Tier-Ecke“. Entenfellner bestaunt die Fotos und findet, das sei eine interessante Geschichte. Noch am selben Nachmittag ruft sie an: „Herr Neuhold, Birdlife sagt, es ist ein Schreiadler! Das ist eine Sensation!“

Die eher kleinen Schreiadler haben in früheren Zeiten in Österreich gebrütet, ihre Brutvorkommen sind jedoch längst erloschen. Man trifft sie nur noch auf dem Durchzug zu oder von den südlichen Winterquartieren.

Nun wird auch Hans Frey alarmiert, Zoologe, einer der profiliertesten Greifvogelexperten Österreichs und Leiter der Eulen- und Greifvogelstation Haringssee. Er erinnert sich noch gut daran:

„Wir wurden damals benachrichtigt und versuchten den Adler einzufangen. Er war aber trotz langer Suche sogar mit Hund nicht mehr zu finden. Eine Verletzung dürfte es nicht gewesen sein. Jedenfalls war der Vogel kaum mehr flugfähig. Wir vermuteten damals eine Bleivergiftung – aber das war nur Spekulation.“

Am 14. November erscheint in der „Krone“ die Geschichte des Schreiadlers – mit einem Foto von Gerhard Neuhold. Leider wird dazu ein anderer, ein falscher Autor genannt. Das trifft den engagierten Tierfreund: „Ich bin ein bisschen traurig. Der Adler war ja für kurze Zeit so etwas wie mein Weggefährte.“

Der Vogel ist nie wieder aufgetaucht.

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