Lobau-Symposium: Nichts tun ist keine Option.

Das Lobau-Symposium ist am Abend des 28. April mit einer Podiums- und Publikumsdiskussion zu Ende gegangen. Im Schnitt haben um die 150 angemeldete Gäste die Vorträge sowohl im Saal des Naturhistorischen Museums als auch live über einen Videostream verfolgt.

Eine Aussage zog sich fast gleichlautend durch die meisten Statements der Wissenschaftler: Es muss so bald wie möglich Wasser in die Untere Lobau eingeleitet werden. Tut man nichts, geht das Gebiet mit seiner charakteristischen Artenvielfalt zugrunde.

Zitate:

„Aquatische Lebensräume ohne Wasser sind wenig zielführend.“

„Wenn nichts geschieht, ist die Lobau bald ein weiteres Feldgehölz im Marchfeld ohne besondere Arten“.

„Die Lobau ist die bestuntersuchte moribunde Patientin, die mir je begegnet ist.“

„Die Entscheidung der Stadt Wien derzeit ist: Die Lobau soll keine Au bleiben. Das ist Faktum.“

„Der Handlungsbedarf wird immer dringender.“

Hans Peter Graner, der Vorsitzende des Wiener Nationalparkbeirates, hält in seinem Einleitungs-Statement fest:

„Nach der Dotation der Oberen Lobau mit Wasser aus der Neuen Donau muss der nächste Schritt sein, dass Dotationswasser auch die Untere Lobau mit Leben versorgt.“

Was die Wissenschaftler unter anderem berichtet haben:

Eine Bilanz der forstlichen Inventuren im Nationalpark Donau-Auen über einen Zeitraum von zwanzig Jahren hat ergeben, dass die Einstellung der Forstwirtschaft das Gebiet aus Sicht des Naturschutzes positiv beeinflusst hat:

Es gibt mehr Bäume mit größerem Stammdurchmesser und der Anteil an totem Holz, ein wichtiger Garant für die Artenvielfalt, ist massiv angestiegen. Außerdem ist es gelungen, durch intensive Managementmaßnahmen eingewanderte, florenfremde Invasionspflanzen wie den Eschenahorn, den Götterbaum und die Robinie zurückzudrängen.

Die Wermutstropfen: Bereits jedes fünfte Gehölz im Nationalpark ist ein Strauch. Die größten Gewinner der Entwicklung zwischen 1998 und 2018 sind die Straucharten. Dazu kommt, dass der Nationalpark gerade dabei ist, durch eine schwere Baumkrankheit seine Eschenbestände zu verlieren.

Die Zukunft der Schnecken und Muscheln der Lobau ist traurig. Die heimischen Großmuscheln und charakteristische Wasserbewohner wie die Sumpfdeckelschnecke sind beinahe verschwunden. Stattdessen werden die Gewässer von chinesischen Teichmuscheln dominiert. Die Gesamtartenzahl hat sich von 2018 auf 2021 von 111 auf 102 reduziert. Die europaweit geschützte Zierliche Tellerschnecke – die zu den Besonderheiten der Lobau zählt – konnte zuletzt an zwei bekannten Standorten nicht mehr wiedergefunden werden.

In der Lobau leben 44 verschiedene Libellen. Das sind 56 Prozent der österreichischen Libellenarten. Jene Arten, die an temporäre, von Hochwässern und wechselnden Grundwasserständen zeitweilig geflutete Gewässer gebunden sind, verschwinden. Eine Einspeisung von Wasser in die Lobau wäre eine wegweisende Maßnahme, um dies zu stoppen oder umzukehren.

Die Gewässer der Lobau sind in einem dramatischen Rückgang begriffen. Die „dynamischen“ Gebiete mit stark wechselnden Wasserständen sind kaum noch vorhanden. Gerade sie beherbergten jedoch die höchste Vielfalt an Arten.

Verschwindet das Wasser, verschwinden logischerweise auch die Wasserpflanzen, die in den Roten Listen als die am höchsten gefährdete ökologische Gruppe gelten.

Aber auch die trockenen Standorte, die sogenannten Heißländen, sind im Niedergang begriffen. Sie wachsen in dramatischem Ausmaß zu, weil sich an ihrer Oberfläche viel Humus angehäuft hat.  

Statt Pionierpflanzen auf wunderbar kargen Schotterböden macht sich nun der Strauchwald breit. Um das Besondere der Heißländen zu bewahren, müsste als naturschutzfachliche Maßnahme der Oberboden abgetragen werden.

Pflanzen, die auf rohen Schotterböden keimen, haben heute in der Lobau keine Chance mehr – obwohl sie in vergangenen Zeiten signifikante Charakterpflanzen des Gebietes waren. Uralte Silberweiden, die zusammenbrechen, sind unwiederbringlich verschwunden. Sie werden nicht mehr durch Verjüngung ersetzt.

Die Obere Lobau beherbergt das individuenreichste mitteleuropäische Vorkommen des Wanzen-Knabenkrautes. Der Bestand dieser Orchidee hat in Deutschland in den vergangenen siebzig Jahren einen Rückgang von 96 Prozent hinnehmen müssen. Das Zuwachsen der einstmals offenen Böden durch Gräser und Gehölze setzt den Pflanzen erkennbar zu. Ihr Lebensraum sollte regelmäßig gemäht und durch Schafe beweidet werden.

Der Ökologe Peter Weish hält in seinem Statement unmissverständlich fest, dass wir gegen den mittlerweile nicht mehr schleichenden, sondern beschleunigten Artenrückgang unbedingt gegensteuern müssten. Er sei zweifellos auf einen Mangel an Dynamik und Wasser zurückzuführen.

Ein fairer Diskurs mit der Stadt Wien müsse begonnen werden, am besten – so Weish – in einer gemischten Arbeitsgruppe mit Personen aus der Stadtverwaltung.

Die zentrale Forderung der Wissenschaftler sei: Setzen wir uns an einen Tisch und beginnen wir einen Prozess der zu guten Lösungen führt!

Der Handlungsbedarf wird immer dringender, die Lobau als wirkliches Kleinod müsse bewahrt werden.

Mehr Ergebnisse und Erkenntnisse aus der zweitägigen Veranstaltung demnächst.

Fotos: Norbert Novak (von der Veranstaltung), Elisabeth Zeman (Libelle), Kurt Kracher (Waldlandschaft), Manfred Christ (Muschelschale)

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