Der neue Josefsteg – ein Mittel der Politik

Der Josefsteg in der Oberen Lobau, der zwischen Tischwasser und Fasangartenarm das Schröderwasser überquert, ist neu errichtet worden.

  • Der SPÖ-Bezirksvorsteher freut sich, seiner Verantwortung nachgekommen zu sein, „für den Erhalt und qualitativen Ausbau der Grünflächen zu sorgen.
  • Der SPÖ-Klubobmann jubelt: „So schaut intelligenter Radverkehr – in Verbindung mit Naturerfahrung und Genuss – aus.“
  • Die SPÖ-Umweltstadträtin verkündet, dass der Josefsteg nun wieder ermöglichen würde, „trockenen Fußes einen Blick in die natürliche Schilflandschaft der Lobau“ werfen zu können.
  • Die Grüne Vizebürgermeisterin betont, dass es gelungen sei, „das Naturparadies Lobau um eine weitere Sehenswürdigkeit zu bereichern“.

Zusammenfassend: Kein Wort über den Nationalpark, seinen Wert und seine Ziele. Sie rühmen sich, eine Sehenswürdigkeit errichtet zu haben, die Grünflächen ausgebaut (!) zu haben, den Radverkehr zu verbessern und den Blick auf ein sterbendes Gewässer zu ermöglichen.

Der Wahlkampf hat begonnen. Heute der neue Josefsteg, morgen Milch, Honig und Freibier.

In Wahrheit hat die Stadt Wien mit Millionenaufwand (Kosten wurden nicht veröffentlicht) eine Brücke über ein beinahe nicht mehr wahrnehmbares, komplett verlandetes Gewässer bauen lassen.

Der im Jahr 2001 eröffnete alte Josefsteg war dazu gedacht, die Besucherströme zu lenken und die Überquerung des schon damals verlandeten, ehemaligen Gewässersystems im Hinblick auf eine bevorstehende Wassereinspeisung aus der Neuen Donau zu gewährleisten.

Man wollte also damals den Wasserspiegel heben und den vom Schilf bereits verschluckten Fasangartenarm, die sogenannte Seeschlacht, den Markethäuflgraben, das Tischwasser und das Schröderwasser wieder zu richtigen Gewässern machen. Das ist allerdings nie passiert.

Vor 16 Jahren, am 20. April 2004 wurden diese Pläne von der Magistratsabteilung 45 (Wasserbau) in guter Hoffnung via Rathauskorrespondenz öffentlich dargelegt. Demnächst, so hieß es, wolle man die Obere Lobau von der Neuen Donau her über die Panozza-Lacke mit Wasser speisen. Senatsrat Redl, der Chef der MA45 stellte fest: „Unsere Projekte sind längst fertig. Wir warten dringend auf die wasserrechtliche Genehmigung seitens der Obersten Wasserrechtsbehörde im Umweltministerium.

Das Jahr, in dem alles anders wurde

Zwei Monate später, am 1. Juli 2004 wurde eine neue Umweltstadträtin angelobt. Der Zufall will es, dass ab diesem Zeitpunkt über die engagierten Pläne der Wasserbauer öffentlich nichts mehr zu finden ist. Ungefähr zu selben Zeit wird auch das von ihren Vorgängern jahrelang groß angekündigte, angeblich lebensnotwendige Projekt „Wasserwerk Kleehäufel“ nach abgeschlossener Planung, nach erfolgreich abgewickeltem Architektenwettbewerb und nach bereits getätigten Millionen-Investitionen stillschweigend verräumt. Wäre diese Wasseraufbereitungsanlage gebaut worden, könnte die Untere Lobau heute ohne Gegenargumente wegen der Trinkwasserbrunnen mit Donauwasser dotiert und damit gerettet werden.

Zurück zur Wassereinspeisung über die Panozza-Lacke: Die wasserrechtliche Genehmigung, die Senatsrat Redl 2004 erwähnt hat, wurde bis heute nicht erteilt. Der Josefsteg wurde dafür schon zum zweiten Mal errichtet: eine Brücke über ein Gewässer, das praktisch nur noch als größerer Tümpel rund um die Brücke existiert.

Schilf als Zeichen des Niedergangs

Egal in welche Richtung des Josefstegs man schaut – er führt durch ein Meer von Schilf. Dies sei „die natürliche Schilflandschaft der Lobau“, verkündet die Umweltstadträtin am 30. April.

Diese Aussage stimmt nur dann, wenn man die Lobau bereits zum Sterben verurteilt hat.

Denn ein Schilfgürtel in derartigem Ausmaß wie rund um den Josefsteg ist ein Zeichen des Todes, das Endstadium eines verschwindenden Gewässers. Der Fachbegriff heißt „Verlandung“. Ein Gewässer, das von der Wasserzufuhr abgeschnitten wird, verlandet. Zuerst wächst die Schlammschicht am Grund, dann wuchern die Unterwasserpflanzen, schließlich ist es so seicht, dass die verbliebene Wasseroberfläche von Seerosen und Teichrosen in Besitz genommen wird, danach kommen das Schilf, die Seggen, und irgendwann ist aus dem Gewässer Festland geworden.

„Natürlich“ ist der Schilfgürtel also durchaus (Wer hat schon jemals von einem unnatürlichen Schilfgürtel gehört?), allerdings ein Grund zur Erbauung nur dann, wenn man darüber hinwegsieht, dass er ein Zeichen für den Niedergang eines Gewässers ist.

Verlandung passiert vor unseren Augen in fast allen Gewässern der Lobau. Rund um den Josefsteg ist der Prozess am weitesten fortgeschritten. Einer der mächtigsten Wiener SPÖ-Politiker ist der Meinung, dass das halt so sei, und wenn einige Naturschützer deswegen sauer sein würden, werde man „halt damit leben müssen“.

Empfehlung: ein Blick ins Nationalparkgesetz

Der gute Mann sollte einen Blick ins Wiener Nationalparkgesetz werfen und in den aktuellen Nationalpark-Managementplan. Es ist nämlich keineswegs so, dass man in der Lobau die Verlandung bzw. das Verschwinden von Gewässern einfach zu akzeptieren hat. Ob Naturschützer deswegen sauer sind oder nicht, spielt keine Rolle.

„Nationalpark“ heißt nicht, das zu schützende Gebiet wie unter einem Glassturz zu konservieren – zumindest nicht im dicht besiedelten Europa. Das Nationalparkmanagement muss darauf ausgerichtet sein, die Artenvielfalt und die Besonderheit der Landschaft mit entsprechenden Maßnahmen zu sichern.

Deswegen werden zum Beispiel im niederösterreichischen Teil des Nationalparks die Ufer renaturiert und abgeschnittene Altarme wieder zur Donau hin geöffnet. In Wien ist – milde berechnet – in den vergangenen 15 Jahren nichts Vergleichbares geschehen.

Der erste Satz des Wiener Nationalparkgesetzes lautet: „Dieses Gesetz dient der nachhaltigen Gewährleistung der ökologischen Funktionsfähigkeit und der natürlichen Entwicklung des Auenökosystems in seiner aktuellen Erscheinungsform durch Setzung der erforderlichen Erhaltungs-, Ergänzungs- und Erneuerungsmaßnahmen.

Das Gesetz schreibt also vor, dass etwas getan werden muss. „Dass es halt so ist“, ist keine Option.

Der Managementplan des Nationalparks (2019 – 2028) berücksichtigt diese gesetzlichen Vorgaben. Da heißt es für die Obere Lobau unmissverständlich: „Im aquatischen Bereich bestehen hochwertige Lebensräume, die durch ein geeignetes Wassermanagement (Dotation) mittelfristig erhalten werden können.“

Der politische Wille fehlt

Leider hapert es mit der Ausführung. An der Wassereinleitung in die Panozza-Lacke, die bewirken würde, dass der Josefsteg wieder über ein Gewässer führt und nicht über einen Sumpf, wird in Wien seit mindestens 18 Jahren geplant und gearbeitet. Die zuständige Fachabteilung war – wie erwähnt – im Jahr 2004 noch voller Euphorie. Was hat sie danach davon abgehalten, ihre selbstgesteckten Ziele zu verwirklichen? Wie Gespräche gezeigt haben, sind den Verantwortlichen der MA45 „Wiener Gewässer“ die Feuchtgebiete der Lobau gleichermaßen wichtig wie den Naturschützern. Es sieht also nach mangelnder politischer und finanzieller Unterstützung aus. 

Im selben Zeitraum hat die Stadt Wien nämlich sehr wohl Initiative und Mittel genug aufgebracht, um dort, wo ohnehin beinahe kein Wasser mehr ist, zwei neue Brücken zu errichten: im März 2008 einen Steg über die Körber Furt zwischen Alter Naufahrt und Schröderwasser, und nun den Josefsteg.

Wie viel Bedeutung die Ziele des Nationalparks für die Stadtregierung haben, zeigt sich auch in den offiziellen Aussendungen der Rathauskorrespondenz. Seit Juli 2004 gab es nur magere zwei Pressemeldungen zu Managementmaßnahmen in der Lobau, aber 13 Stück, in denen die Naturbadeplätze beworben werden, 28 Jubelmeldungen zu den Wasserpflanzen-Mähbooten in der Alten Donau und 45, in denen es um Sprühnebelduschen geht.

Die Definition von „Populismus“ lautet nach Wikipedia übrigens:

Charakteristisch ist eine mit politischen Absichten verbundene, auf Volksstimmungen gerichtete Themenwahl und Rhetorik. Dabei geht es einerseits um die Erzeugung bestimmter Stimmungen, andererseits um die Ausnutzung und Verstärkung vorhandener Stimmungslagen zu eigenen politischen Zwecken. Oft zeigt sich Populismus auch in einem spezifischen Politikstil und dient als Strategie zum Machterwerb.

Kommentare

  • <cite class="fn">Helmut Sattmann</cite>

    Das ist nicht nur traurig, sondern eine Schweinerei. So wie am Josefsteg schauts an vielen Stellen der Lobau aus. Einerseits brüstet man sich mit einem Nationalpark in einer Großstadt und einer einzigartigen Au- und Wasserlandschaft an der Donau, andererseits tut man nichts um diese geschützten Gebiete zu erhalten. Das UNESCO Naturerbe hat man schon vor Jahren stillschweigend fallen gelassen und jetzt wartet man bis der „Dschungel der WienerInnen“ (Zitat: Mein Wien, Mai 2020, Seite 26) verlandet und zum Städtischen Park wird. Wenn der Nationalparkstatus auch noch verloren geht, kann man irgendwann umwidmen, bauen, und viel Kohle machen. Eine Schande.

  • <cite class="fn">Gast</cite>

    Das Gute ist, dass man durch den neuen Steg für viele Jahre die Möglichkeit gesichert hat, wieder Wasser einzuleiten, ohne das Wegenetz zu beeinträchtigen. Aber natürlich wäre es endlich an der Zeit, die Wassereinleitung zu starten. Dieses Thema gehört viel mehr an politische Parteien herangetragen – wenn rot nicht hören will, dann eben grün, pink und schwarz, sowohl auf Bezirks-, Stadt-, Bundes- als auch EU-Ebene. Manchen wird es egal sein, aber manche wissen einfach schlicht noch nicht wirklich was davon. Genauso an die Medien. Diese Website ist fast die einzige Information darüber, obwohl schon prominente Menschen wie Herr Lötsch vor der Austrocknung warnen. Die Argumentation auf dieser Website ist schlüssig und fundiert, vielleicht finden sich junge, interessierte Menschen (zum Beispiel bei den Aktivistengruppen gegen das unnötige Autobahntunnelprojekt), die das auch grafisch und vielleicht als Video aufbereiten können, um das Thema gut verständlich und mit der heute nötigen Kurzweiligkeit „unter die Leute“ zu bringen, u.a. auf den diversen heute üblichen Internetplattformen.

  • <cite class="fn">Andreas SYROWATKA</cite>

    Ja ihr bringt es auf den Punkt: Die Lob-„AU“ ist keine Au mehr – man hat und wird das Wasser weiter abgraben. Gibt’s den keine Politiker mehr, die auch durch diese öde Trocken-AU gewandert/geradelt sind?

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