Die Untere Lobau am Ende: Was wirklich dahintersteckt

Kurt Kracher wohnt in Groß-Enzersdorf und fotografiert seit mehr als 35 Jahren in der Lobau. Vor wenigen Tagen hat ihn nach einem ausführlichen Rundgang die Verzweiflung erfasst, denn die Untere Lobau ist nicht mehr:

„So habe ich sie noch nie gesehen. Auf beiden Seiten der Künigl-Traverse ist alles komplett ausgetrocknet. Am Kühwörtherwasser gibt es Wasser nur mehr im Nahbereich der Gänshaufen-Traverse. Die Schwadorfer Rinne und das Schönauer Wasser … alles trocken.“

Wie es so weit kommen konnte, ist mittlerweile ziemlich klar. Und es hat nur am Rande mit Klimawandel und Niederschlag zu tun. Hier, was wirklich dahintersteckt:

Die Untere Lobau ist natürlich nicht das einzige Feuchtgebiet in Österreich, das derzeit fast komplett ausgetrocknet ist. Es gibt jedoch zu allen anderen einen signifikanten Unterschied: Die katastrophale Situation in der Unteren Lobau ist nicht die Schuld eines Regendefizits, sondern die Schuld der Stadt Wien.

Das zeigt die Situation in den benachbarten Gewässern:

Die Alte Donau ist nach wie vor nicht am Verdursten, das Mühlwasser ist ordentlich gefüllt, die Gewässer der Oberen Lobau sehen aus wie immer. Sie werden allesamt fürsorglich mit Wasser aus der gestauten Neuen Donau versorgt.

Man muss es nicht pumpen, es fließt von allein stromabwärts in Richtung Lobau – allerdings nicht bis in die Untere Lobau. Denn der wird das Wasser aus der Neuen Donau paradoxerweise verwehrt.

Will man herausfinden, wieso das so ist, stößt man auf eine verzwickte Geschichte, die sich in ihrer Verzwicktheit der Tages-Berichterstattung entzieht. Gegen Nachrichten wie „Mann beißt Hund“ oder „Horrorgewitter bedroht Wien“ hat die Austrocknungsgroteske der Lobau keine Chance.

Klimawandel, Schicksal oder selbstverschuldet?

Klar ist, wenn für die Versorgung der Lobau mit Wasser nicht bald eine Lösung gefunden wird, stehen ihre Aussichten für die Zukunft sehr schlecht.

Ende 2025 kommt eine Studie des Instituts für Hydrobiologie und Gewässermanagement der Universität für Bodenkultur im Auftrag des Magistrats der Stadt Wien zu einem niederschmetternden Schluss:

„Sollte sich die Verlandung der Lobau mit dem derzeitigen Trend fortsetzen, so ist in wenigen Jahrzehnten mit einem vollständigen Verschwinden der aquatischen und semiaquatischen Flächen zu rechnen.“

Übersetzt heißt das: Wenn wir nichts tun, wird es in der Lobau in wenigen Jahrzehnten keine Gewässer mehr geben. Das nationalparkwürdige Auwaldrelikt wird sich in einen nichtssagenden, trockenen Buschwald verwandelt haben.

Zwischen 1938 und 2024 hat die Lobau bereits 43 Prozent ihrer Wasserflächen und Feuchtgebiete verloren. Ihre Gewässer verlanden mit einer Geschwindigkeit von 0,2 bis 3,5 Prozent pro Jahr.

Repräsentanten des Magistrats und die ihnen unmittelbar vorgesetzten Politiker lieben es, sich angesichts dieser Erkenntnisse mit Ausreden aus der Affäre zu ziehen. Da wird der Klimawandel hervorgeholt, das Schicksal oder die illusorischen Vorstellungen der Naturschützer.

Originalzitat eines hohen Repräsentanten des Magistrats aus dem „Falter“ vom 16. April 2025: „Überall sonst wird es trockener und in der Unteren Lobau will man eine Sumpflandschaft haben. Auch der Naturschutz muss sich den Rahmenbedingungen und der Klimakrise anpassen.“

Muss er nicht, der Naturschutz. Zumindest nicht hier.
Den Klimawandel als Ursache für die ausgetrocknete Lobau anzuführen, ist eine Irreführung. Dass in der Oberen Lobau Wasser ist, in der Unteren aber nicht, beruht auf hausgemachten Versäumnissen.

Die beiden Sachverhalte, die alles entscheiden, sind die Rolle des Grundwasserwerks Lobau und die scheinbar nicht zu stoppende Eintiefung des Donaustroms.

Die Eintiefung der Donau

Die Donau tieft sich ein, weil das vom Fluss stromabwärts geschobene Gestein bzw. der Schotter durch die Kette von Kraftwerken, die den Strom in Österreich im Würgegriff haben, zurückgehalten wird.

Laut der erwähnten Studie der Universität für Bodenkultur kam es unterhalb von Wien zwischen 1938 und 2024 zu einer Eintiefung von zirka achtzig Zentimetern, was einer Eintiefungsrate von 1 Zentimeter pro Jahr entspricht.

Der Zusammenhang mit der trockenen Lobau ist einigermaßen logisch: Je mehr sich die Donau eintieft, umso weniger Wasser kann sie mit der Lobau teilen – oberirdisch bei Hochwässern und unterirdisch durch das Grundwasser.

Allen Beteiligten ist seit jeher klar, dass der von den Stauwerken zurückgehaltene Schotter wiedereingebracht werden muss – durch Entnahmen an Stellen, wo er sich angehäuft und durch Zugabe in jenen Bereichen, in denen sich der Fluss besonders eingetieft hat.

Dies geschieht seit Jahrzehnten sehr wohl, aber bisher niemals im tatsächlich notwendigen Umfang! Man könnte die Eintiefung der Donau also durchaus stoppen oder sogar umkehren, aber es geschieht nicht. Warum? Wie so oft geht es um Zuständigkeiten, um politisches Wollen, um Nachlässigkeiten und um Geld.

Die fortschreitende Eintiefung der Donau ist keineswegs schicksalshaft, sondern von politischen Entscheidungen im Bund und in den Ländern Niederösterreich und Wien abhängig.

Die Keller

Das Verlanden und Austrocknen der Gewässer in der Unteren Lobau ist ebenso wenig schicksalshaft. Es hängt eng mit dem Vorhandensein des dortigen Grundwasserwerks zusammen – und erstaunlicherweise mit Kellern.

Seit mindestens 1973 fordern Biologen öffentlich und lautstark, dass die Lobau unbedingt und umgehend mit Wasser aus der Donau gespeist werden muss.

Die Stadt Wien hat den Wink seinerzeit verstanden und seit 1992 wird Wasser (zunächst versuchsweise) aus der Alten und später auch aus der Neuen Donau über das Mühlwasser in die Obere Lobau geleitet; zweifellos eine Erfolgsgeschichte, für die der Magistratsabteilung 45 „Wiener Gewässer“ Anerkennung zu zollen ist.

Bis in die Untere Lobau ist das belebende Wasser aus der Alten/Neuen Donau jedoch nie gelangt.

Denn die angedachten Wassermengen von 1500 Litern pro Sekunde, die auch für die Untere Lobau reichen würden, dürfen nicht eingespeist werden. Der Grund: Vor 25 Jahren haben sich einige Anrainer beschwert, durch den höheren Wasserstand des Mühlwassers seien ihre Keller vernässt worden.

Seitdem hält sich die Legende, eine Erhöhung der ins Mühlwasser eingespeisten Wassermengen würde „Hunderte“ Keller gefährden, deren Sanierung die Stadt exorbitante Summen kosten könnte.

Wo diese vielen Keller genau liegen, welche davon nicht ordnungsgemäß abgedichtet wurden und wie hoch die Kosten für die Stadt tatsächlich wären, um den einen oder anderen Keller nach einem vielleicht verlorenen Schadenersatzprozess zu sanieren, weiß niemand. Es weiß auch niemand, ob es heute überhaupt noch mangelhaft abgedichtete Keller gibt, deren Besitzer nur darauf warten, die Stadt bei Feuchtigkeitseinbruch zu verklagen.

Demgegenüber steht die Selbstgewissheit mancher Stadtdelegierter, die vor der Presse unerschütterlich betonen, eine Erhöhung der eingespeisten Wassermengen ins Mühlwasser sei „wegen der Keller“ einfach nicht möglich.

Abgewürgt und abgesagt

Um dem Kellerverließ zu entkommen, haben die Wasserbauer und Gewässerökologen der MA 45 unverzagt alternative Pläne entworfen, mit dem Ziel, die Untere Lobau direkt mit Wasser zu versorgen und nicht über den Umweg des Mühlwassers.

Plan 1 war es, in den Hubertusdamm zwei Wehranlagen zu setzen, um die Untere Lobau bei Hochwasser kontrolliert fluten zu können. Plan 2 war es, das Wasser, das am Ende der Neuen Donau in die Donau fließt, stattdessen durch die Lobau zu leiten.

Aus beiden Plänen ist zum Frust ihrer Urheber nichts geworden, obwohl zu ihrer Verwirklichung viel Zeit und Geld aufgewendet, Genehmigungen eingeholt und sogar Bauarbeiten ausgeschrieben wurden. Die Stadt Wien hat ihren eigenen Wasserbauern und Gewässerökologen beinhart das Wasser abgedreht.

Hinter dem Abwürgen der Initiativen in den Jahren zwischen 2006 und 2013 stecken aus heutiger Sicht mehrere politische Fehlentscheidungen.

Die teuerste und folgenreichste davon hat nicht nur die Untere Lobau ins aktuelle Desaster geführt, sondern gefährdet zu allem Überfluss auch die Verlässlichkeit der Wiener Trinkwasserversorgung: Es handelt sich um die ersatzlose Stornierung einer lange angestrebten mehrstufigen Aufbereitungsanlage für alle Wiener Grundwasserwerke.

Die geplatzte Vision der dritten Wiener Wasserleitung

Eine dritte Wiener Wasserleitung, als drittes Standbein der Wasserversorgung neben den beiden Hochquellenleitungen, gespeist aus den Ressourcen der Wiener Grundwasserbrunnen, ist eine mindestens siebzig Jahre alte Vision.

1995 sollte es endlich ernst damit werden: Die Stadt kündigt an, das alte Grundwasserwerk Nussdorf zu revitalisieren und gemeinsam mit dem brandneuen Grundwasserwerk Donauinsel-Nord und dem Grundwasserwerk Lobau eine verlässliche Ergänzung zu den Hochquellen-Leitungen zu schaffen – um für Notfälle vorzusorgen und um den Bedarf der Zukunft abdecken zu können.

Die wesentlichste Voraussetzung dafür, das lag auf der Hand, sind moderne Trinkwasser-Aufbereitungsanlagen.

Denn ohne mehrstufige Aufbereitung ist donaunahes Grundwasser üblicherweise nicht für den Haushaltsgebrauch geeignet.

Eine Ausnahme ist das Grundwasser der Lobau, das so „rein“ ist, dass es kostengünstig mit einfacher Chlordesinfektion ins Leitungsnetz geschickt werden kann; allerdings nicht bei Hochwasser, weshalb mit einer Aufbereitungsanlage auch das Lobauwasser endlich ausfallssicher zur Verfügung stehen würde.

Gesetzt den Fall, dass bei Trockenheit die beiden Hochquellenleitungen zu wenig Wasser lieferten, hätte man mit den durch Aufbereitungsanlagen abgesicherten Wiener Grundwasserwerken eine dritte, stabile Quelle – und müsste die Bevölkerung nicht zum Wassersparen aufrufen.

Wie konnte dieses kluge, vorausschauende Unterfangen die Untere Lobau in den Ruin treiben?

Ganz einfach: Es landete im Kübel. 2006 wurde das stolze, jahrelang vorbereitete und bereits genehmigte Projekt einer zentralen Wiener Grundwasseraufbereitungsanlage von der Politik überfallsartig storniert.

Die Wasserwerke konnten sich somit ihre dritte Wiener Wasserleitung gewissermaßen in die Haare schmieren. Nussdorf und Donauinsel-Nord sind von da an nur für extreme Notfälle einsetzbar. Als brauchbare Grundwasserreserve blieb ihnen – abgesehen vom Grundwasserwerk Moosbrunn südlich von Wien – nur die Lobau (sofern gerade kein Hochwasser eindringt).

Bei allen Vorhaben, die Untere Lobau zu bewässern, reagieren die Wasserwerke seitdem entsprechend pingelig, weil sie fürchten, dass das nur mit einfacher Chlor-Desinfektion gut und billig verfügbare Lobauwasser irgendwie beeinträchtigt werden könnte.

2015 wurde die fatale Situation auf die Spitze getrieben. Eine technische Modellrechnung, eine Computer-Simulation, kommt zur Schlussfolgerung, dass für die Brunnen der Unteren Lobau quasi jeder Tropfen eingespeistes Wasser ein hygienisches Sicherheitsrisiko darstellen würde.

Die Aufbereitungsanlage, die diesen Konflikt vermeiden hätte können, wurde 2006 de facto abgesagt.

Wohl und Wehe der Computer-Modellierung

Somit war 2015 Schluss mit allen Vorhaben, die Untere Lobau nach dem Vorbild der Oberen Lobau mit Wasser zu versorgen. Für Lösungen fühlte sich niemand zuständig und allen, die sich damit beschäftigen wollten, waren durch die Ergebnisse der Computer-Modellierung die Hände gebunden.

Die Politik ließ hinterhältig vereinfacht verkünden: Wasser in die Untere Lobau? Keine Chance. Die Trinkwasserversorgung der Stadt darf keinesfalls gefährdet werden!

Und so ging es mit der Unteren Lobau in den vergangenen zehn Jahren schneller bergab als es sich jemand vorstellen hätte können.

Erst das lästige Insistieren von Naturschützern und Wissenschaftlern hat dazu geführt, dass sich die Stadt gnadenhalber dazu herabließ, die Computer-Modellierung, deren Ergebnis seit mehr als zehn Jahren jede Wassereinspeisung verhindert, neu in Auftrag zu geben; diesmal mit anderen, realitätsnahen Parametern.

Im Herbst 2026 soll das Resultat vorliegen. Gibt die Studie grünes Licht, dürfte im Frühling 2027 erstmals Wasser aus der Neuen/Alten Donau über das Mühlwasser bis hinab in die Untere Lobau fließen. Die erwartbaren Mengen sind moderat, schätzungsweise einige hundert Liter pro Sekunde, aber sie würden ausreichen, Horrorszenarien wie derzeit deutlich zu entschärfen.

Auch die alten Pläne einer Direkteinleitung größerer Wassermengen vom Ende der Neuen Donau in den Lausgrund könnten wieder aus der Schublade geholt werden. Die Voraussetzungen dafür sind der politische Wille, einige Millionen für ein unterirdisches Überleitungsrohr und eine Extrasumme für eine Wasseraufbereitungsanlage zu investieren.

Dass vor zwanzig Jahren die politische Absage des Baus einer zentralen Wiener Grundwasseraufbereitungsanlage eine verheerende Fehlleistung war, scheint den Stadtpolitikern nun endlich gedämmert zu haben:

Denn den Wasserwerken, die ohne Unterlass weiter dafür gekämpft haben, wurden mittlerweile finanzielle Mittel zum Bau einer Aufbereitungsanlage für die Grundwasserwerke Nussdorf und Donauinsel zur Verfügung gestellt, Fertigstellung 2028. Damit würde auch der Druck auf die Wasserreserven der Lobau nachlassen. Das Grundwasserwerk Lobau bleibt aber weiterhin ungesichert bei bloßer Chlor-Desinfektion.

Das hat zwar den Vorteil, dass sich die Stadt Geld erspart, allerdings den Nachteil, dass die Untere Lobau weiterhin nicht großflächig mit Wasser versorgt werden kann und weiterhin vertrocknet.

Somit:

  • Wäre die zentrale Wiener Grundwasser-Aufbereitungsanlage 2006 nicht kurz vor Baubeginn entsorgt worden, hätte Wien zwei zusätzliche, gut verfügbare Grundwasserwerke, die in etwa so viel liefern könnten, wie das Grundwasserwerk Lobau. Der Aufruf der Stadt an die Bürger Ende Juni des heurigen Jahres, doch bitte beim Wasserverbrauch zu sparen, wäre nicht nötig gewesen.
  • Wäre die zentrale Wiener Grundwasser-Aufbereitungsanlage 2006 nicht kurz vor Baubeginn entsorgt worden, gäbe es kein Hindernis, die Untere Lobau mit Wasser zu speisen.
  • Wäre die zentrale Wiener Grundwasser-Aufbereitungsanlage 2006 in der Ära Sima als Umweltstadträtin nicht kurz vor Baubeginn entsorgt worden, wäre die Untere Lobau heute nicht sterbenskrank.

Es sind also nicht die bösen Kräfte des Universums dafür verantwortlich, dass sich die Lobau gerade von uns verabschiedet. Für ihren Zustand verantwortlich sind die von uns gewählten Politiker und die von ihnen eingesetzten hohen Repräsentanten der Verwaltung.

In den zuständigen Magistratsabteilungen weiß man sehr wohl, woran es krankt und in wessen Kellern die Leichen liegen. Vielleicht sollte die Stadtregierung wieder mehr auf ihre eigenen Sachverständigen hören, ihnen mehr Handlungsspielraum und mehr Schutz vor ihren politischen Vorgesetzten gewähren.

Fotos: Kurt Kracher

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