Erhard Busek 1979: Was wird durch Straßen gewonnen?

Am 6. Dezember 1979 schrieb der weitsichtige Wiener Vizebürgermeister und Landesparteiobmann der ÖVP Erhard Busek († 2022) in der Wochenzeitung DIE FURCHE über Autos, Autobahnen, und öffentliche Verkehrsmittel.

Ein halbes Jahrhundert später sind seine Gedankengänge unverändert aktuell:

MENSCHEN SIND WICHTIGER

Das Auto wird weiter seine Bedeutung haben. Zur Diskussion steht nur, in welcher Weise wir unser Leben gestalten, um nicht politische Sklaven der Ölscheichs und geistige Sklaven eines normierten Freizeitverhaltens zu werden.

Für Pendler ist das Auto von ebenso großer Bedeutung wie als Transportmittel für die Wirtschaft – aber auf die richtige Zuordnung im Leben kommt es an.

Damit aber beginnen die Probleme. Die Bundeshauptstadt Wien hat zur Zeit der Ersten Republik ein besseres Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln gehabt als heute.

Seit Jahrzehnten haben wir einseitig viele Mittel in den Straßenbau gesteckt und den Ausbau von Straßenbahn und Stadtbahn vernachlässigt, Schnellbahn und U-Bahn zu spät gebaut. Zum Glück können wir auf das innerstädtische Verkehrsnetz von Kaisers Zeiten zurückgreifen, wie es etwa in den nächsten Jahren bei der Vorortelinie geschieht.

Noch aber feiert der Tiefbau fröhliche Urständ’. Lobau-Autobahn, Flötzersteig-Hochleistungsschnellstraße und Brigittenauer Autobahn und Gürtelautobahn – lauter Bedrohungen für Mensch und Natur mitten in der Stadt.

Was wird durch diese Straßen gewonnen? Meistens nur fragliche Minuten, wobei gerade schnelle Straßen neuen Verkehr erzeugen.

Wenn man wenigstens konsequent gewesen wäre und im gleichen Ausmaß Parkplätze geschaffen hätte! So aber versucht man, neuen Raum für sich bewegende Autos zu gewinnen, während die geparkten jetzt schon keinen Platz mehr finden.

Man muss dem Menschen den Lebensraum wieder gewinnen: durch Fußgängerzonen, verkehrsarme Bereiche, Grünbrücken und ähnliches! Würden wir das Auto weniger benützen, hätten wir auch mehr Gelegenheit zu menschlicher Begegnung.

Aber dazu sind ja heute Häuser der Begegnung, Kommunikationszentren, Info-Centers und ähnliche – allein schon durch diese Begriffe ausgewiesene – Ungetüme da.

Porträtfoto: © Parlamentsdirektion
Titelfoto: Manfred Christ

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