1927: das Gedicht des Bundespräsidenten

Am 16. Jänner 1927 war der österreichische Bundespräsident Michael Hainisch, ein begeisterter Jäger und Naturfreund, zu Gast in der Lobau. Im Gästebuch des „Birschhauses Rohrwörth“ (Rohrwörth = südlich von Mühlleiten, zwischen Donau und Kühwörther Wasser) hinterließ er ein selbstverfasstes Gedicht, das in der Ausgabe Nr. 2329 der „Wiener Allgemeinen Forst- und Jagdzeitung“ vom 26. August 1927 abgedruckt wurde und auf diese Weise der Nachwelt erhalten blieb. Es lautet:

Lobau

Zwei Meilen von der Großstadt gegen Morgen,
An unsrem Heimatstrom, so breit und blau,
Da liegt, durch Dämme neuerlich geborgen,
Die altbekannte, herrliche Lobau.

Es ragen in den Himmel Baumesriesen,
Beschattend manchen stillen Donauarm,
Das blühende Gebüsch umsäumt die Wiesen,
Es zittert in der Luft der Mückenschwarm.

Die Reiher sind stets wieder eingezogen,
Wenn hoch im Laub die Turteltaube ruft,
Und mächtig schwebt im langgezognen Bogen
Der stolze Adler durch die blaue Luft.

Es röhrt der Hirsch, so wie vor tausend Jahren.
Im Dickicht steht er gern in sich’rer Hut,
Das Tier sucht seine Kälber zu bewahren,
Im Röhricht sorgt die Ente für die Brut.

Anstatt des Großstadtlärmens die Idylle!
Es fehlt der Hader, der Parteienstreit.
Und es berührt uns hier in dieser Stille
Wie in dem Dom der Hauch der Ewigkeit.


Michael Hainisch war parteilos und von 1920 bis 1928 Bundespräsident der Republik Österreich. Er verstarb am 26. Februar 1940 in Wien.

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