Lobau: Die Wahrheit muss leiden (Teil 1)

Wien hat seit November 2020 einen neuen Umweltstadtrat: den ehemaligen Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky. Im Dezember 2020 fand im Landtag anlässlich einer Fragestunde sein erstes Auftreten zum Thema Lobau statt.

© Bwag/Commons

Angesichts seiner damals erst kurzen Amtszeit darf man ihm mangelndes Detailwissen nicht vorwerfen. Was man ihm aber sehr wohl vorwerfen darf: dass er sich schwachverständige Ratgeber ausgesucht hat – sonst hätte er folgendes nicht behauptet.

Gemeinderätin Heidemarie Sequenz (Grüne) stellt die Frage, welche Maßnahmen der neue Umweltstadtrat denn gegen die Austrocknung der Lobau setzen werde.

Czernohorszky beginnt bei Adam und Eva. Er spricht von der Donauregulierung im 19. Jahrhundert und dass diese der Grund allen Übels sei. Spätestens hier war klar, dass er ablenken will: „Austrocknung ist Schicksal“ scheint die Botschaft zu lauten.

Dann stellt der Umweltstadtrat mutig in den Raum, dass die Austrocknung infolge der Donauregulierung ja auch ihre guten Seiten haben würde:

„Der Charakter der Aulandschaft hat sich dadurch nachhaltig verändert. Beispielweise entwickeln sich neue Halbtrockenwiesen. Das ist nichts schlechtes, in den Halbtrockenwiesen gibt’s zum Beispiel ein ausgesprochen seltenes Orchideen-Vorkommen. So wurde erst im Frühjahr 2018 die in Wien als ausgestorben und verschollen gewesene Orchideen-Art Dreizähniges Knabenkraut wiederentdeckt.“

Gewissermaßen: Was regts Euch auf? Sogar neue Orchideen wachsen!

Herr Stadtrat, wer hat ihnen das eingeredet?

Das Dreizähnige Knabenkraut wurde nicht in einem Halbtrockenrasen gefunden, sondern in einer ordinären („mesophilen“) Mähwiese. Das hat nichts mit einer Veränderung der Aulandschaft durch Austrocknung und der Entstehung neuer Halbtrockenrasen zu tun.

Im Gegenteil (Zitat eines der Autoren der Originalpublikation): „Die durch die Donauregulierung seinerzeit vielleicht begünstigten Orchideen leiden heute selbst unter der Austrocknung. Sie brauchen nämlich im Frühjahr genügend Feuchtigkeit, um blühen zu können.“

Ein bisschen Hintergrundwissen:

In Folge der Donauregulierung 1875 bildeten sich durch das Absinken des Grundwasserspiegels in der Lobau neue, trockene Schotterflächen. Das war ein Vorteil für all jene Pflanzenarten, die VOR der Regulierung nur auf wenigen, selten überschwemmten Gebieten gedeihen konnten.

Diese grundwasserfernen, offenen Trockenrasen – ab 1948 „Heißländen“ genannt – gehen jedoch seit 1938 dramatisch zurück – und zwar trotz fortschreitender Austrocknung der Lobau! Grund dafür sind die Vergrasung und die Verbuschung (welche in der Lobau löblicherweise durch das Entfernen von Gehölzen und Beweidung mit Schafen gebremst werden).

Was kann man nun daraus schließen?

  • Erstens, die Austrocknung der Lobau bringt in unseren Tagen keineswegs neue, wertvolle Lebensräume hervor.
  • Zweitens, für die Gründe des Wiedererscheinens der Orchidee (zuletzt gefunden vor 65 Jahren) werden in der Original-Veröffentlichung verschiedene Möglichkeiten erörtert – die Austrocknung ist nicht dabei.

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(Fortsetzung folgt)

Quellen:

    • Kropf, Matthias & Nachbaur, Peter & Pintar Manfred (2019): Orchis (Neotinea) tridentata erschien 2018 in der Wiener Lobau. In: Neilreichia 10: 191–196
    • Schratt-Ehrendorfer, Luise (2000): Historischer und aktueller Zustand von Trockenstandorten in den Donauauen bei Wien (Lobau). – Verhandlungen der zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien 137: 127-135

Kommentare

  • <cite class="fn">Helmut Sattmann</cite>

    Danke für den Widerspruch gegen diese schlaucherlhafte Argumentation von Seiten der Wiener Stadtpolitik bezüglich der Austrocknung der Lobau. Man kennt das ja. Zuerst redet man sich auf die Donauregulierung im vorvorigen Jahrhundert aus, dann vielleicht auf die Marchfeldbauern, die zu viel Grundwasser entnehmen und dann auf den gottgegebenen Klimawandel, um am Ende zu sagen: hat ja eh alles seine guten Seiten. Eine seltene Orchidee ist dank unseres Nichtstuns zu uns gekommen! Faktencheck? Wissenschaftliche Untermauerung? Lesen und zitieren der wissenschaftlichen Literatur? Wozu?
    Aber auch Positives soll nicht unerwähnt bleiben. Die Ausbaggerungen bei der Saltenstraße und die Dotierung mit mehr Wasser Ende März haben zumindest in der Oberen Lobau bei Esslinger und Stadler Furt sichtbare Erhöhung der Wasserstände und erfreulich viel Fließwasser an den beiden Furten erzeugt. Die verlorenen Amphibienlaichplätze sind noch nicht wiederbesiedelt und die von der langen Trockenheit zurückgedrängten Tiere wohl nicht wiedergekehrt. Aber bei fortgesetzter sinnvoller Wasserdotierung besteht doch Hoffnung. Weiter vernachlässigt scheint die Untere Lobau. Aber die Hoffnung lebt.

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