{"id":7982,"date":"2026-03-05T11:52:59","date_gmt":"2026-03-05T10:52:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/?p=7982"},"modified":"2026-04-23T19:00:02","modified_gmt":"2026-04-23T17:00:02","slug":"elchparadies-lobau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/elchparadies-lobau\/","title":{"rendered":"Elchparadies Lobau"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00d6sterreich ist ab 13. M\u00e4rz 1938 Teil des nationalsozialistischen Deutschlands. Einer der Hauptakteure des deutschen Einmarsches ist Hermann G\u00f6ring &#8211; seit 1934 Reichsj\u00e4germeister, Reichsforstmeister und Oberster Beauftragter f\u00fcr den Naturschutz.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/hermann-goring-rohr-51009a-640.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-7985 alignleft\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/hermann-goring-rohr-51009a-640-216x300.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/hermann-goring-rohr-51009a-640-216x300.jpg 216w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/hermann-goring-rohr-51009a-640.jpg 461w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/a>In Hitlers milit\u00e4rischem Regime ist er Generalfeldmarschall und rangh\u00f6chster Offizier der Deutschen Wehrmacht. Nebenbei ist er an der Vorbereitung und Durchf\u00fchrung des Holocaust beteiligt und an der Ausbeutung besetzter Gebiete. 1946 wird er als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1938 besichtigt Hermann G\u00f6ring im Siegesrausch die Lobau, verk\u00fcndet, sie zum Reichsjagd- und Naturschutzgebiet zu erkl\u00e4ren und gibt freudig erregt bekannt, hier \u201eden K\u00f6nig der nordischen W\u00e4lder, den Elch\u201c, einzub\u00fcrgern.<\/p>\n<p><em>\u201eS\u00e4mtliche Lebensbedingungen f\u00fcr das Elchwild\u201c<\/em> seien in der Lobau gegeben, hei\u00dft es im Juni 1938 im \u201eKleinen Volksblatt\u201c. \u201eAls ausgesprochener Waldbewohner\u201c w\u00fcrde <em>\u201esich der Elch unter den Urwaldriesen der Lobau tummeln, die gewohnten T\u00fcmpel und Weiher, versteckt im Geh\u00f6lz\u201c<\/em> w\u00fcrden ihm zur Verf\u00fcgung stehen und <em>\u201eweite Wiesen\u201c<\/em> w\u00fcrden ihm <em>\u201edie notwendige Nahrung geben\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Somit: <em>\u201eDie Schaffung eines Elchparadieses vor den Toren Wiens wird also nun Wirklichkeit werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der Haken daran: Das Paradies soll eingez\u00e4unt werden, das gemeine Volk soll tunlichst drau\u00dfen bleiben (<em>&#8220;Betreten des Reichsjagdgebietes bei Strafe verboten!&#8221;<\/em>)<\/p>\n<figure id=\"attachment_7986\" aria-describedby=\"caption-attachment-7986\" style=\"width: 221px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Dieberger-BOKU-online.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7986 size-medium\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Dieberger-BOKU-online-221x300.jpg\" alt=\"\" width=\"221\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Dieberger-BOKU-online-221x300.jpg 221w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Dieberger-BOKU-online.jpg 431w\" sizes=\"auto, (max-width: 221px) 100vw, 221px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-7986\" class=\"wp-caption-text\">Johannes Dieberger<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bei Hermann G\u00f6rings Reichsjagdgebiet \u201eLobau\u201c handelt es sich nicht nur um die eigentliche &#8220;Lobau&#8221; im heutigen Sinn, sondern um die gesamte, am linken Donauufer liegende Aulandschaft bis Orth an der Donau.<\/p>\n<p>Das \u201eKleine Volksblatt\u201c beruhigt: <em>\u201eDie Wiener aber verlieren nichts von ihrem gewohnten Sonntagsvergn\u00fcgen, denn die obere Lobau wird ihnen nach wie vor freistehen. Dort k\u00f6nnen sie sich wie bisher an den Sch\u00f6nheiten der Lobau erg\u00f6tzen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Jagdhistoriker Johannes Dieberger: <em>\u201eHermann G\u00f6ring war, als er Reichsj\u00e4germeister wird, ein jagdlicher Laie, lernt sp\u00e4ter nicht sehr viel dazu, hat aber gro\u00dfes Interesse an der Natur. Er bem\u00fchte sich, einige besonders hochwertige Rotwildreviere als \u201eStaatsjagdreviere\u201c zu deklarieren, und diese f\u00fcr Jagdg\u00e4ste des Reiches, Industrielle, hohe Offiziere, Diplomaten und ausl\u00e4ndische Staatsg\u00e4ste \u2013 insbesondere aber f\u00fcr sich und seine G\u00fcnstlinge vorzubehalten. Diese Jagdgebiete hatten eine \u00e4hnliche Funktion wie die fr\u00fcheren Hofjagdreviere.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dem h\u00f6heren Zweck des Eigennutzes folgend wird die \u201eLobau\u201c unter den Nazis zum Naturschutzgebiet erkl\u00e4rt. Jagd, Forst- und Landwirtschaft d\u00fcrfen zwar weiterbetrieben werden, aber <em>\u201eAnlagen f\u00fcr Industriezwecke, Fremdenverkehrsma\u00dfnahmen, Stra\u00dfen- und Weganlagen\u201c<\/em> w\u00e4ren <em>\u201eausnahmslos f\u00fcr alle Zeiten verboten\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Das galt jedoch nur f\u00fcr die Fl\u00e4chen stromabw\u00e4rts des neu ausgebaggerten Donau-Oder-Kanals und des benachbarten, neu angelegten \u00d6lhafens samt Tanklager. Aus wirtschaftlicher und milit\u00e4rischer Sicht hatten die Natur und die landschaftliche Sch\u00f6nheit der Lobau keinen Wert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Elch-Foto-Bernhard-Schoen-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-7988 alignleft\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Elch-Foto-Bernhard-Schoen-300x224.jpg\" alt=\"\" width=\"464\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Elch-Foto-Bernhard-Schoen-300x224.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Elch-Foto-Bernhard-Schoen-1024x765.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Elch-Foto-Bernhard-Schoen-768x573.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Elch-Foto-Bernhard-Schoen-1536x1147.jpg 1536w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Elch-Foto-Bernhard-Schoen-2048x1529.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 464px) 100vw, 464px\" \/><\/a>Zur\u00fcck zu den Elchen:<\/p>\n<p>Kein einziger, der im Juni 1938 versprochenen Elche hat jemals den Weg nach Wien gefunden. G\u00f6rings Elchparadies ist ein Hirngespinst.<\/p>\n<p>G\u00f6ring wollte einfach f\u00fcr sich und seine Kumpane ein exklusives Jagdrevier. Abgesehen davon waren die Auen am linken Donauufer \u2013 noch dazu landseitig eingez\u00e4unt &#8211; f\u00fcr Elche nicht wirklich geeignet.<\/p>\n<p>Das Gebiet ist zu klein, um auf Dauer eine sich selbst reproduzierende Population zu beherbergen. Es sei denn, man h\u00e4tte es als gro\u00dfes, nach einer L\u00e4ngsseite hin offenes Elchgehege betrachtet.<\/p>\n<p>Europ\u00e4ische Elche legen im Durchschnitt zehn bis 15 Kilometer pro Tag zur\u00fcck. Vom Donau-Oder-Kanal bis nach Orth sind es 15 Kilometer. Also lediglich ein einziger Wandertag auf einer Fl\u00e4che von ungef\u00e4hr drei\u00dfig Quadratkilometern.<\/p>\n<p>Die Gr\u00f6\u00dfe eines Streifgebiets h\u00e4ngt nat\u00fcrlich vom Nahrungsangebot, von der Jahreszeit, der Elchdichte und dem Alter des jeweiligen Tieres ab.<\/p>\n<p>So gut das Nahrungsangebot im Auwald aber auch sein mag, die Wahrscheinlichkeit, dass einer oder alle Elche einfach \u00fcber die Donau schwimmen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden, ist gro\u00df.<\/p>\n<p>Der Grundgedanke war jedoch nicht so verkehrt: Elche fressen gezielt leichtverdauliche und energiereiche Pflanzenteile (junges Laub, Triebspitzen, Kr\u00e4uter). Durch die bevorzugte Nutzung von Weiden, Erlen und Birken gelten Elche \u2013 gemeinsam mit dem Biber \u2013 deshalb als Schl\u00fcsselarten f\u00fcr Flusslandschaften.<\/p>\n<p>Mit dem Ende des 2. Weltkrieges kam es zur Aufl\u00f6sung des \u201eReichsjagdgebietes\u201c. Wegen der starken Bejagung durch die Besatzungstruppen wurden die Wildtiere massiv dezimiert. Oberf\u00f6rster Ernst Zecha in seinem Buch \u201eHirsche in der Lobau\u201c: \u201eDie Russen hatten nach Kriegsende mit ihren Maschinengewehren aus der Lobau eine fast rotwildfreie Zone gemacht. Nach Abzug der Besatzung begann sich das Rotwild wieder zu erholen.<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<ul>\n<li>Kohler, Bernhard; Kraus, Erhard; Scherzinger, Wolfgang (2025): Positionspapier Nationalpark Kampwald &amp; Wilde Weiden. Fakten zum Projekt. In: AG Wildtiere &#8211; Forum Wissenschaft &amp; Umwelt <a href=\"https:\/\/ag-wildtiere.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/positionspapier_np-kampwald-wilde-weiden-2.pdf\">https:\/\/ag-wildtiere.com\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/positionspapier_np-kampwald-wilde-weiden-2.pdf<\/a><\/li>\n<li>Markova, Ina; Wedrac, Stefan (2023): Hamburg des Ostens? Der Ausbau des Wiener Hafens in der NS-Zeit. B\u00f6hlau Verlag Wien<\/li>\n<li>Dieberger, Johannes (2018):&nbsp; Geschichte der Jagdkultur und das Dritte Reich. Auswirkungen auf unser heutiges Weidwerk, Teil II. In: Der O\u00d6. J\u00e4ger 159, S. 68-73<\/li>\n<li>Engelhard, Kerstin (2015): Ein H\u00fcne auf dem Vormarsch. <a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/news\/ein-huene-auf-dem-vormarsch\/1377233\">https:\/\/www.spektrum.de\/news\/ein-huene-auf-dem-vormarsch\/1377233<\/a><\/li>\n<li>Pusz, Monika (2009): Die Entwicklung der anthropogenen Nutzungen im Wiener Anteil am Nationalpark Donauauen, der Lobau, zwischen 1826 und 2006. Diplomarbeit am Institut f\u00fcr Hydrobiologie und Gew\u00e4ssermanagement, Universit\u00e4t f\u00fcr Bodenkultur Wien<\/li>\n<li>Manzano, Carl (2000): Editorial. Au-Blick Nr. 7\/Herbst 2000<\/li>\n<li>Zecha, Ernst (1998): Hirsche in der Lobau. \u00d6sterreichischer Jagd- u. Fischerei-Verlag, 152 Seiten<\/li>\n<li>N. N. (1944): Im Unterwuchs der Auw\u00e4lder f\u00fchlt sich das Wild geborgen. In: Kleine Volkszeitung, 1. J\u00e4nner 1944 (S.5)<\/li>\n<li>N. N. (1938): Lagunenromantik vor den Toren Wiens. In: Das Kleine Volksblatt, Samstag, 18. Juni 1938 (S. 6)<\/li>\n<li>Heimatmuseum &#8220;museumORTH&#8221;, Dokumente der Abteilung Jagd- und Fischereiwesen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Fotos:<\/p>\n<ul>\n<li>Robert Rohr, Narodowe Archiwum Cyfrowe Poland, Public Domain <a href=\"https:\/\/picryl.com\/\">https:\/\/picryl.com\/<\/a> (Hermann G\u00f6ring, 1943)<\/li>\n<li>Bernhard Sch\u00f6n (Elchkuh)<\/li>\n<li>Manfred Christ (Titelfoto)<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00d6sterreich ist ab 13. M\u00e4rz 1938 Teil des nationalsozialistischen Deutschlands. Einer der Hauptakteure des deutschen Einmarsches ist Hermann G\u00f6ring &#8211; seit 1934 Reichsj\u00e4germeister, Reichsforstmeister und Oberster Beauftragter f\u00fcr den Naturschutz. In Hitlers milit\u00e4rischem Regime ist er Generalfeldmarschall und rangh\u00f6chster Offizier der Deutschen Wehrmacht. Nebenbei ist er an der Vorbereitung und Durchf\u00fchrung des Holocaust beteiligt und an der Ausbeutung besetzter Gebiete. 1946 wird er als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt. 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