{"id":7006,"date":"2025-03-19T17:05:02","date_gmt":"2025-03-19T16:05:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/?p=7006"},"modified":"2025-04-15T11:40:02","modified_gmt":"2025-04-15T09:40:02","slug":"vor-genau-100-jahren-reise-in-die-wiener-dschungeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/vor-genau-100-jahren-reise-in-die-wiener-dschungeln\/","title":{"rendered":"Vor genau 100 Jahren: \u201eReise in die Wiener Dschungeln\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am Sonntag, dem 26. April 1925, ver\u00f6ffentlicht die linksliberale Tageszeitung \u201eDer Tag\u201c unter dem Titel \u201eReise in die Wiener Dschungeln\u201c einen Artikel \u00fcber die Lobau. Als Autor wird Arnold H\u00f6llriegel angegeben \u2013 ein Pseudonym, hinter dem sich der Wiener Reiseschriftsteller und Journalist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Arnold_Bermann\">Richard A. Bermann<\/a> verbirgt.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Richard-Bermann-Oesterreicher-Demokrat-Weltbuerger.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-7009 size-medium\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Richard-Bermann-Oesterreicher-Demokrat-Weltbuerger-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Richard-Bermann-Oesterreicher-Demokrat-Weltbuerger-211x300.jpg 211w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Richard-Bermann-Oesterreicher-Demokrat-Weltbuerger-721x1024.jpg 721w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Richard-Bermann-Oesterreicher-Demokrat-Weltbuerger-768x1091.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Richard-Bermann-Oesterreicher-Demokrat-Weltbuerger.jpg 887w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/a>Er beginnt seinen Text mit dem Hinweis, dass es ihm \u00e4hnlich s\u00e4he, Delhi vor Salzburg, Kairo vor Klagenfurt und den Amazonas vor der Lobau kennengelernt zu haben.<\/p>\n<p>Dann erliegt er dem Zauber der Landschaft und schildert sie in einer Weise, wie es in unseren Tagen niemand mehr zu formulieren wagt. In der aktuellen Auseinandersetzung um die Rettung der Lobau scheinen ideeller Wert und Magie keine Rolle mehr zu spielen.<\/p>\n<p>Richard Bermann beschreibt es als Wunder, \u201e<em>dass in allern\u00e4chster N\u00e4he einer gro\u00dfen Stadt wie Wien eine richtige Dschungel-Insel liegen kann \u2026 kein Menschenland, ein Land der tierischen Kreatur und der Pflanzenwildnis.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWie wir so, hinter einem braven, alten Oberf\u00f6rster drein, durch den Flusswald der Lobau gingen, erst zu der Stelle, wo die vielen Reiherhorste sind, dann zu den Lichtungen, auf denen die Hirsche \u00e4sen, versuchte ich mir einen Mann auszumalen, dem das alles wunderbar exotisch vork\u00e4me, dem eine Erle so fremdartig w\u00e4re, wie mir ein Mangrovebaum, ein Hirsch so fremdartig, wie mir eine Antilope \u2013 und da erst begriff ich, wie wildromantisch diese Lobau ist, wie voll von Wundern und Geheimnissen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7013 alignright\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Fasangartenwasser-1927-restauriert-300x197.jpg\" alt=\"\" width=\"371\" height=\"244\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Fasangartenwasser-1927-restauriert-300x197.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Fasangartenwasser-1927-restauriert-1024x671.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Fasangartenwasser-1927-restauriert-768x503.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Fasangartenwasser-1927-restauriert-1536x1006.jpg 1536w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Fasangartenwasser-1927-restauriert-2048x1341.jpg 2048w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Fasangartenwasser-1927-restauriert-818x537.jpg 818w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Fasangartenwasser-1927-restauriert-95x62.jpg 95w\" sizes=\"auto, (max-width: 371px) 100vw, 371px\" \/>In der Lobau, so stellt er fest, w\u00fcrde man etwa auf Schritt und Tritt K\u00e4fer sehen, die man anderswo nicht s\u00e4he, und:<\/p>\n<p><em>\u201eIn den T\u00fcmpeln sind Fische, in den L\u00fcften kreisen herrliche Reiher. Nicht einmal ein Gro\u00dfst\u00e4dter kann hier herumgehen, ohne fortw\u00e4hrend die Gegenwart von Hirschen, Rehen und Fasanen zu bemerken, ein Lugen von tausend Tieraugen, ein Huschen und Rascheln im Geb\u00fcsch, den Gesang der V\u00f6gel. Das alles gibt es quer \u00fcber den Strom kaum mehr.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eEine moderne Stadt, das ist die gro\u00dfe steinerne H\u00f6hle, die das Menschentier sich so eingerichtet hat, dass es dort m\u00f6glichst fressen kann, ohne gefressen zu werden. Aber ganz dicht neben der Stadt Wien liegt noch die Lobau.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dann fragt sich Bermann, wie es wohl einem Falken, einem Reiher oder einem Kormoran erginge, w\u00fcrde er, aus der Lobau kommend, \u00fcber die Stadt fliegen. Wahrscheinlich w\u00fcrde er, so die Vermutung, <em>&#8220;\u00fcber die Schrecken der gro\u00dfen, steinernen Wildnis erz\u00e4hlen&#8221;<\/em>, denn <em>\u201eHier hebt das letzte Ende aller Kreaturen an und die schlie\u00dfliche Ver\u00f6dung unserer Erde, die einst ganz steinern sein wird und einsam, wie die Oberfl\u00e4che des Mondes.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDie gro\u00dfe Lektion der Lobau lautet: Es gibt noch ein anderes Leben neben dem menschlichen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Richard Bermann war einer der f\u00fchrenden deutschsprachigen Journalisten. Nach der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten wurde er aufgrund seiner j\u00fcdischen Herkunft arbeitslos und seine Schriften wurden verboten. 1938 gelang ihm die Flucht in die USA. Er starb dort am 5. September 1939 im 57. Lebensjahr.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Mit dem Zauber der Natur ist heute &#8211; im Gegensatz zu 1925 &#8211; nichts mehr zu gewinnen. Der Wiener Alltag wird von Machtspielen und B\u00fcrokratie bestimmt. Die Stadtregierung und ihre Zutr\u00e4ger sehen der Lobau mit tausend guten Ausreden beim Sterben zu.<\/p>\n<p><em>Titelfoto: Hochwasser in der Unteren Lobau, 24. August 1930 (Archiv Lobaumuseum)<br \/>\nLandschaftsfoto im Text: Fasangartenwasser 1927 (Archiv Lobaumuseum)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Sonntag, dem 26. April 1925, ver\u00f6ffentlicht die linksliberale Tageszeitung \u201eDer Tag\u201c unter dem Titel \u201eReise in die Wiener Dschungeln\u201c einen Artikel \u00fcber die Lobau. Als Autor wird Arnold H\u00f6llriegel angegeben \u2013 ein Pseudonym, hinter dem sich der Wiener Reiseschriftsteller und Journalist Richard A. Bermann verbirgt. Er beginnt seinen Text mit dem Hinweis, dass es ihm \u00e4hnlich s\u00e4he, Delhi vor Salzburg, Kairo vor Klagenfurt und den Amazonas vor der Lobau kennengelernt zu haben. 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