{"id":612,"date":"2017-02-02T19:01:31","date_gmt":"2017-02-02T18:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/?p=612"},"modified":"2025-10-18T11:53:15","modified_gmt":"2025-10-18T09:53:15","slug":"andenken-an-das-gaenshaufenwasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/andenken-an-das-gaenshaufenwasser\/","title":{"rendered":"Zum Gedenken: das G\u00e4nshaufenwasser"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mitten im sch\u00f6nsten Teil der Unteren Lobau liegt das idyllische, f\u00fcr sein klares Wasser bekannte \u201eG\u00e4nshaufenwasser\u201c. Oder besser \u201elag\u201c das idyllische G\u00e4nshaufenwasser, denn der romantische Altarm und sein Nachbar, die ebenso klare Brunnader, sind nur noch in den Erinnerungen der alten Waldl\u00e4ufer und auf seltenen Fotodokumenten existent.&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p>1969 wurde das G\u00e4nshaufenwasser (auch Hechtenwasser genannt) n\u00e4mlich auf h\u00f6chste Anordnung zugesch\u00fcttet. Der Anlass daf\u00fcr war der Brunnen &#8220;G\u00e4nshaufen&#8221; des neu errichteten Grundwasserwerks \u201eUntere Lobau\u201c.<\/p>\n<p>Im Jahrbuch der Stadt Wien 1969 findet sich dazu nur ein d\u00fcrrer Hinweis:<em> \u201eUm die Trinkwasserqualit\u00e4t des Brunnens sicherzustellen, wurde begonnen, das G\u00e4nshaufenwasser zuzusch\u00fctten und den Damm der K\u00fcnigltraverse zu erh\u00f6hen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>In &#8220;Die Verwaltung der Stadt Wien&#8221;, Band 1970, wird im Jahr darauf der Abschluss des Werks verk\u00fcndet:<em> &#8220;Beim Grundwasserwerk Untere Lobau wurde die zur Sicherstellung der Trinkwasserqualit\u00e4t des Horizontalfilterrohrbrunnens &#8220;G\u00e4nshaufen&#8221; notwendige Zusch\u00fcttung des G\u00e4nshaufenwassers und die Dammerh\u00f6hung der K\u00fcnigeltraverse beendet.&#8221;<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_616\" aria-describedby=\"caption-attachment-616\" style=\"width: 450px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/K\u00fcnigltraverse-Brunnader-50m-vor-Traverse-Mitte-60er-Jahre-bei-Donaunormalwasser-e1486058910385.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-616\" src=\"http:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/K\u00fcnigltraverse-Brunnader-50m-vor-Traverse-Mitte-60er-Jahre-bei-Donaunormalwasser-e1486058910385.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"299\"><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-616\" class=\"wp-caption-text\">G\u00e4nshaufenwasser 1960er-Jahre (bei Normalwasserstand der Donau)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Au-Veteran <a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/norbert-sendor-seit-1953-in-der-lobau\/\">Norbert Sendor<\/a> (Jahrgang 1936) erinnert sich an die Jahre davor: \u201e<em>Da war ich mit zwei, drei Freunden dort schnorcheln. Das Wasser war kristallklar wie ein Aquarium, saukalt und voll mit Fischen. Und auf einmal kommt einer von uns daher und sagt total enthusiastisch: \u201eHabt\u2018s ihr das g\u2018sehn!? Da schaut\u2018s aus wie im tiefsten Afrika, eine Reiherkolonie!\u201c Und da haben wir die Reiherkolonie dar\u00fcber angeschaut; da waren, ich glaub, 45 Brutpaare drinnen. Da ist ja kein Mensch runtergekommen in diese Gegend.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Reiher sind l\u00e4ngst gefl\u00fcchtet und das G\u00e4nshaufenwasser ist Geschichte. Wie konnte ausgerechnet dieser Altarm dem neuen Brunnen so gef\u00e4hrlich werden \u2013 wo doch in der N\u00e4he so viele andere Gew\u00e4sser liegen? Hat man mit dem Zusch\u00fctten aus Unkenntnis oder aus \u00fcbertriebener Vorsicht \u00fcber das Ziel hinausgeschossen?<\/p>\n<p>Bereits ab 1963 wurden f\u00fcr das geplante Wasserwerk \u201eUntere Lobau\u201c Bohrversuche unternommen. 1964 begannen die Bauarbeiten. Am 3. Juni 1966 wurde es durch Bundespr\u00e4sident Franz Jonas offiziell in Betrieb genommen, am 24. M\u00e4rz 1969 wurde der Probebetrieb des Brunnens G\u00e4nshaufen bewilligt.<\/p>\n<p>Sendor: <em>\u201eDa ist dann irgendwann im Winter so eine Kommission aufgetaucht, hat man mir erz\u00e4hlt, die haben das begutachtet, haben ein paar tote Fische gesehen und haben gesagt: Das Grundwasser wird verseucht, da m\u00fcssen wir was tun! Und dann haben sie das G\u00e4nshaufenwasser mit gro\u00dfen Steinbl\u00f6cken aufgef\u00fcllt und mit Schotter zugedeckt. Bis dahin war das ein funktionierender Altarm, der mit dem K\u00fchw\u00f6rther Wasser in Verbindung gestanden ist.&#8221;<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_4704\" aria-describedby=\"caption-attachment-4704\" style=\"width: 425px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4704\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser-300x194.jpg\" alt=\"\" width=\"425\" height=\"275\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser-300x194.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser-1024x662.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser-768x497.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser-95x62.jpg 95w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser.jpg 1242w\" sizes=\"auto, (max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4704\" class=\"wp-caption-text\">Zugesch\u00fcttet, aber noch heute erkennbar (Bild: Geodatenviewer Wien)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ob es aus heutiger Sicht daf\u00fcr stichhaltige Gr\u00fcnde gab, liegt einstweilen noch im Dunklen. Der 2015 verstorbene, legend\u00e4re Zoologe <a href=\"https:\/\/www.zobodat.at\/personen.php?id=2482\">Hans-Martin Steiner<\/a> hat schon 1973 in einem Artikel in den \u201eWiener Naturschutznachrichten\u201c seinen \u00c4rger losgelassen:<\/p>\n<p><em>\u201eZu verurteilen sind einige durchaus vermeidbare brutale Zerst\u00f6rungen der Aulandschaft, n\u00e4mlich da\u00df Pumpwerke offenbar nach mangelhaften Voruntersuchungen gebaut wurden, wodurch z.B. ein vorher sehr sch\u00f6nes Gew\u00e4sser total zugesch\u00fcttet und mit einem \u00e4u\u00dferst h\u00e4\u00dflichen Steindamm abgeschlossen werden mu\u00dfte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der &#8220;h\u00e4\u00dfliche Steindamm&#8221; ist die damals zur selben Zeit massiv erh\u00f6hte und betonfest erweiterte &#8220;K\u00fcnigltraverse&#8221;, die seitdem das K\u00fchw\u00f6rtherwasser daran hindert, auch nur einen einzigen Tropfen Wasser in das ehemalige Bett des G\u00e4nshaufenwassers zu schicken.<\/p>\n<p>Heute stehen praktisch nur noch der n\u00f6rdlichste Zipfel des G\u00e4nshaufenwassers (an der K\u00fcnigltraverse) und ein j\u00e4mmerliches St\u00fcck der dort abzweigenden Brunnader bei sehr hohem Wasserstand der Donau f\u00fcr wenige kostbare Wochen unter Wasser. Im restlichen Verlauf sind im Normalfall bestenfalls seichte T\u00fcmpel zu finden, auf deren Grund sich eine dicke Schicht von Faulschlamm befindet.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen das G\u00e4nshaufenwasser und die Brunnader wiederauferstehen?<\/p>\n<figure id=\"attachment_4703\" aria-describedby=\"caption-attachment-4703\" style=\"width: 315px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser-26-12-1930.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4703\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser-26-12-1930-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"315\" height=\"431\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser-26-12-1930-219x300.jpg 219w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser-26-12-1930-749x1024.jpg 749w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser-26-12-1930-768x1050.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser-26-12-1930-1124x1536.jpg 1124w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Gaenshaufenwasser-26-12-1930.jpg 1237w\" sizes=\"auto, (max-width: 315px) 100vw, 315px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4703\" class=\"wp-caption-text\">G\u00e4nshaufenwasser, 26. Dezember 1930<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ja, sie k\u00f6nnten, man m\u00fcsste nur die damalige Beweislage f\u00fcr die Grundwassergef\u00e4hrdung neu beurteilen und im Falle der Unbedenklichkeit die Steinbl\u00f6cke ausbaggern und entfernen. Dass solche Ma\u00dfnahmen m\u00f6glich sind und sich mit den Nationalparkzielen vertragen, zeigt die Abtragung des k\u00fcnstlichen Blockwurfs am Donauufer gegen\u00fcber von Hainburg. Und nat\u00fcrlich m\u00fcsste das Gebiet zu seiner Rettung endlich mit Wasser gespeist werden.<\/p>\n<p>Allen Ma\u00dfnahmen zur Wiederbelebung der Lobau steht jedoch das von der Stadt wie ein Heiligtum behandelte Wasserwerk Lobau im Weg.<\/p>\n<p>Der Bau dieses Werks und der damit verbundenen Brunnen war der am meisten zerst\u00f6rerische Eingriff in die Lobau, seit Hitler Anfang der 194oer-Jahre den Bau des Donau-Oder-Kanals und des \u00d6lhafens anordnete.<\/p>\n<p>Das Wasserwerk Lobau ist f\u00fcr Wien keineswegs unentbehrlich. Neue, riesige Reservespeicher wurden mittlerweile angelegt, zus\u00e4tzlich zu den beiden Hochquellenleitungen liefert das seit 2006 mit einer mehrstufigen Aufbereitungsanlage versehene Wasserwerk Moosbrunn in das Wiener Leitungsnetz. Die beiden, praktisch brachliegenden Wasserwerke Nussdorf und Donauinsel-Nord, die nur eine Zulassung f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnliche Notf\u00e4lle besitzen, werden bis 2030 ebenfalls mit einer Aufbereitungsanlage versehen, die es ihnen erstmals erlauben wird, im Alltagsbetrieb regul\u00e4r Grundwasser ins Netz einzuspeisen. Sp\u00e4testens dann verlieren die Brunnen in der Lobau ihre \u00fcbertriebene Bedeutung.<\/p>\n<p>Bis dahin herrscht ein f\u00fcr die Natur unhaltbarer Zustand: Weil eine diskussionsw\u00fcrdige Modellierungsstudie im Jahr 2015 ergeben hat, jeder in die Untere Lobau zugeleitete Tropfen Wasser w\u00fcrde dort die Brunnen hygienisch gef\u00e4hrden, wird die lebensnotwendige Dotation mit Wasser aus der Donau oder aus der Neuen Donau von der Stadt nach wie vor verhindert.<\/p>\n<p><strong>Zwischen 1938 und 2010 sind in der Lobau 34 Prozent der Augew\u00e4sser und der zumindest periodisch unter Wasser stehenden Fl\u00e4chen verloren gegangen. <\/strong><strong>Wie l\u00e4sst sich das anders interpretieren, als dass die Lobau vor unseren Augen trotz Nationalparks langsam stirbt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Das Original-Unterwasserfoto mit dem Hecht stammt von <\/em><em><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/peter-appelius-wie-wir-zu-fischen-wurden\/\">Pe<\/a><\/em><em><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/peter-appelius-wie-wir-zu-fischen-wurden\/\">ter<\/a><\/em><em><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/peter-appelius-wie-wir-zu-fischen-wurden\/\"> Appelius<\/a><\/em><em> und wurde Mitte der 1960er-Jahre im Bereich G\u00e4nshaufenwasser\/Brunnader geschossen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>P\u00f6lz, Eva-Maria; Funk, Andrea; Reckendorfer, Walter; Teufl, Bernadette; Hein, Thomas (2014): Welche Rolle k\u00f6nnen Dotationsma\u00dfnahmen f\u00fcr die Gew\u00e4sserentwicklung und die hydromorphologische Charakteristik am Beispiel einer urbanen Aue spielen?In: Auen\u00f6kologischer Workshop, Brambach an der Elbe<\/li>\n<li>Brunner, Karl; Schneider, Petra (Herausgeber, 2005): Umwelt Stadt. Geschichte des Natur- und Lebensraumes Wien&nbsp;<\/li>\n<li>Rotter, Doris; Schratt-Ehrendorfer, Luise (1999): Geobotanik und \u00d6kologie der Donaualtw\u00e4sser bei Wien. In: Stapfia 64, Linz 1999<\/li>\n<li>Steiner, Hans Martin (1973, verfasst Mai 1972): Die Lobau: Bedeutung f\u00fcr die Stadt Wien, gegenw\u00e4rtige Situation, M\u00f6glichkeiten einer Rettung. In: Wiener Naturschutznachrichten, 14, 6-21<\/li>\n<li>Die Verwaltung der Stadt Wien (1970), S. 129<\/li>\n<li>Jahrbuch der Stadt Wien (1969)<\/li>\n<li>Amtsblatt der Stadt Wien, Nr. 37, 13. September 1969<\/li>\n<li>Rechtsinformationssystem des Bundeskanzleramtes, Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs vom 15.10.1964, Gesch\u00e4ftszahl 0473\/64<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitten im sch\u00f6nsten Teil der Unteren Lobau liegt das idyllische, f\u00fcr sein klares Wasser bekannte \u201eG\u00e4nshaufenwasser\u201c. 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