{"id":6030,"date":"2024-01-31T21:30:25","date_gmt":"2024-01-31T20:30:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/?p=6030"},"modified":"2024-02-22T10:19:43","modified_gmt":"2024-02-22T09:19:43","slug":"die-donau-kann-die-untere-lobau-retten-doch-wien-stellt-sich-quer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/die-donau-kann-die-untere-lobau-retten-doch-wien-stellt-sich-quer\/","title":{"rendered":"Die Donau kann die Untere Lobau retten \u2013 doch Wien stellt sich quer"},"content":{"rendered":"<p><em>Der folgende Artikel erschien unter dem obigen Titel zuerst Ende Dezember auf meinbezirk.at (<a href=\"https:\/\/www.meinbezirk.at\/donaustadt\/c-regionauten-community\/die-donau-kann-die-untere-lobau-retten-doch-wien-stellt-sich-quer_a6455188\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Donau kann die Untere Lobau retten &#8211; doch Wien stellt sich quer<\/a>). Die Idee war, die zeitliche N\u00e4he zum &#8220;Weihnachtshochwasser&#8221; 2023 in der Unteren Lobau zu nutzen, um einem breiteren Publikum wesentliche Fakten zum Problem der Unteren Lobau nahezubringen. Der Artikel war \u00fcberraschend erfolgreich: Er hatte binnen kurzer Zeit mehr als 20.000 Aufrufe (per 31.1.24: 21.100). <\/em><\/p>\n<p><strong>Viel Regen und Schneeschmelze im Einzugsgebiet der Donau sorgten zu Weihnachten auch in der Unteren Lobau f\u00fcr prall gef\u00fcllte Gew\u00e4sser und \u00dcberflutungen. Was die ehemalige Flussau aber br\u00e4uchte, ist eine Wiederanbindung an die Donau.<\/strong><\/p>\n<p>Das &#8220;Weihnachtshochwasser&#8221; 2023 war das zweitst\u00e4rkste Hochwasser an der Donau seit 2013 und brachte auch viel Wasser in die Untere Lobau: Die G\u00e4nshaufentraverse war \u00fcberflutet, das Wasser stand dort bis zu 30 cm hoch (siehe Titelbild). [<em>Anm.: Die als Titelbild auf meinbezirk.at verwendete Aufnahme ist Bild 3 der Galerie auf <a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/untere-lobau-weihnachtshochwasser-2023\/\">Untere Lobau: Weihnachtshochwasser 2023<\/a><\/em>] Im Juni 2013 h\u00e4tte man solche Aufnahmen nur vom Boot aus machen k\u00f6nnen &#8211; beim damaligen 100- oder sogar 200-j\u00e4hrlichen Hochwasser war der Pegel, kaum vorstellbar, noch um mehr als zwei Meter h\u00f6her.<\/p>\n<p>Es war erfreulich, die gro\u00dfen Gew\u00e4sser, vom Ebersch\u00fcttwasser bis zum Sch\u00f6nauer Wasser, prall gef\u00fcllt zu sehen und zu beobachten, wie sie sich mit l\u00e4ngst trocken liegenden Altarmen verbinden, die pl\u00f6tzlich wieder Wasser f\u00fchren. Doch der Schein tr\u00fcgt: Die \u00dcberflutungen in der Unteren Lobau sind kein wirklicher Segen. Sie haben mit Hochw\u00e4ssern, wie sie in einer naturbelassenen, dynamischen Au auftreten, nur wenig zu tun. Sie verdanken sich einer L\u00fccke im Schutzdamm stromabw\u00e4rts bei Sch\u00f6nau an der Donau, dem &#8220;Sch\u00f6nauer Schlitz&#8221;. Durch diese etwa 20 Meter breite L\u00fccke str\u00f6mt Donauwasser durch einen schmalen Altarm von unten in das Augebiet &#8211; von der Maschekseite, wie man in Wien sagen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Genau das ist das Problem.<\/strong> Denn die mitgef\u00fchrten Schwemmstoffe f\u00fchren zu Sedimentablagerungen im unterem Abschnitt des Gew\u00e4sserzugs, die mangels ausreichender Durchstr\u00f6mung von oben auch dort verbleiben. Gleichzeitig gelangt das n\u00e4hrstoffreiche Donauwasser (Stickstoff, Phosphor) je nach Pegel weit hinauf, im Extremfall bis nach Gro\u00df-Enzersdorf. Das f\u00f6rdert das Pflanzenwachstum in den Stillgew\u00e4ssern, der Hauptgrund f\u00fcr ihre fortschreitende Verlandung: Immer mehr organisches Material lagert sich am Gew\u00e4sserboden ab, es bilden sich Schlammauflagen, die Gew\u00e4sser werden immer seichter und wachsen von den R\u00e4ndern her zu, bis sie letztlich verschwinden.<\/p>\n<p>Um einen solchen Eintrag von N\u00e4hrstoffen durch diese Hochw\u00e4sser &#8220;von unten&#8221; zu begrenzen, ist auch das Wehr an der G\u00e4nshaufentraverse dann in der Regel geschlossen. Das war aber auch zu Weihnachten 2023 wieder einmal eher zwecklos (siehe Bild).<br \/>\n<figure id=\"attachment_6036\" aria-describedby=\"caption-attachment-6036\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ght4_24-12-23a.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ght4_24-12-23a-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" class=\"size-large wp-image-6036\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ght4_24-12-23a-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ght4_24-12-23a-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ght4_24-12-23a-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ght4_24-12-23a-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ght4_24-12-23a-71x40.jpg 71w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/ght4_24-12-23a.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-6036\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Robert Poth<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Einzige Rettung: Anbindung an die Donau.<\/strong> Die Untere Lobau kann als Flussau langfristig nur durch eine (bereits vor Jahrzehnten diskutierte) Wiederanbindung an die Donau erhalten werden, die das Gebiet auch gegen\u00fcber Hochwasserwellen wie der j\u00fcngsten zu Weihnachten \u00f6ffnet. Nur Hochw\u00e4sser &#8220;aus der richtigen Richtung&#8221; sind in der Lage, die mittlerweile teils mehr als einen Meter hohen Schlammauflagen und die Sedimentablagerungen auf den Gew\u00e4sserb\u00f6den in der Unteren Lobau auszur\u00e4umen.<\/p>\n<p>Selbst Dotationen mit bis zu 80 Kubikmeter pro Sekunde &#8211; das entspricht der mittleren Wasserf\u00fchrung der Enns bei Admont (!) &#8211; k\u00f6nnen die Untere Lobau langfristig nicht retten. Das ist eine quasi amtliche Erkenntnis. Sie ist dem im Juni 2015 erschienenen Endbericht einer Studie zu entnehmen, die von der Stadt Wien in Auftrag gegeben wurde: &#8220;Magistrat der Stadt Wien, Magistratsabteilung 45 \u2013 Wiener Gew\u00e4sser: Gew\u00e4sservernetzung (Neue) Donau \u2013 Untere Lobau (Nationalpark Donau-Auen)&#8221;. Darin hei\u00dft es auf Seite 12 (Hervorhebung durch den Autor):<\/p>\n<div style=\"margin-left: 20px;\"><em>Allerdings ist nur mit einer Dotation aus der Donau mit 20 m\u00b3\/s bis 80 m\u00b3\/s eine nennenswerte Dynamisierung zu erreichen. <strong>Trotz Verlangsamung des Verlandungsprozesses reichen jedoch auch diese Wassermengen zur nachhaltigen Reduktion der fortschreitenden Verlandung nicht aus.<\/strong><\/em> <\/div>\n<p>Es m\u00fcsste sozusagen geklotzt und nicht gekleckert werden, so l\u00e4sst sich der Befund der Fachleute interpretieren.<\/p>\n<p>Die Stadt Wien als Auftraggeberin der Studie wei\u00df also nur allzugut, dass die Untere Lobau als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung ansonsten keine Zukunft hat, sich in einen gew\u00f6hnlichen Wald verwandeln wird und zahlreiche gesch\u00fctzte Tierarten ihr Habitat verlieren werden. Die Stadt Wien wei\u00df auch, dass sie insbesondere aufgrund der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) der Europ\u00e4ischen Union verpflichtet ist, jede Verschlechterung des Erhaltungszustands der Unteren Lobau, Teil des Nationalparks Donau-Auen und Europaschutzgebiet, zu verhindern: Mitgliedsstaaten haben gem\u00e4\u00df FFH die \u201egeeigneten Ma\u00dfnahmen\u201c zu treffen, \u201eum in den besonderen Schutzgebieten die Verschlechterung der nat\u00fcrlichen Lebensr\u00e4ume und der Habitate der Arten sowie St\u00f6rungen von Arten, f\u00fcr die die Gebiete ausgewiesen worden sind, zu vermeiden&#8221; (Art. 6 Absatz 2 FFH).<\/p>\n<p><strong>Erhaltung der Unteren Lobau f\u00fcr Wien zu teuer. <\/strong>Wien weigert sich jedoch seit 2015 kategorisch, Zufuhren von Wasser in die Untere Lobau zuzulassen. Denn die im Rahmen der Studie von 2015 vorgenommenen Modellierungen ergaben auch, dass die Trinkwasserqualit\u00e4t des vom Grundwasserwerk Lobau in der Unteren Lobau gef\u00f6rderten Wassers dadurch beeintr\u00e4chtigt werden k\u00f6nnte. Das w\u00e4re selbst bei geringen Mengen von Wasser aus der Neuen Donau der Fall, mit dem die Obere Lobau seit den 1990er Jahren notd\u00fcrftig am Leben erhalten wird. Es darf daher aus Sicht des Rathauses nicht einmal &#8220;gekleckert&#8221; werden. Denn das GWW Lobau verf\u00fcgt seit den 1960er Jahren blo\u00df \u00fcber eine Desinfektion (Chlordioxid) und keine Aufbereitungsanlage, mit der es m\u00f6glich w\u00e4re, die Trinkwasserqualit\u00e4t trotz Dotationen sicherzustellen. <\/p>\n<p>Die Kosten einer Aufbereitungsanlage f\u00fcr das Werk werden im Rathaus aber f\u00fcr zu hoch gehalten. <strong>Umweltstadtrat J\u00fcrgen Czernohorszky<\/strong> erkl\u00e4rte etwa im Gemeinderat Ende 2020 dazu: &#8220;Ich m\u00f6chte das deutlich sagen: Eine Trinkwasseraufbereitung w\u00e4re aktuell v\u00f6llig undarstellbar, wirtschaftlich. Kein Rechnungshof der Republik, ob Stadtrechnungshof oder Bundesrechnungshof w\u00fcrde solche Kosten auch nur entfernt akzeptieren k\u00f6nnen.&#8221; <\/p>\n<p><strong>Geld pl\u00f6tzlich kein Problem.<\/strong> Nun, drei Jahre danach. beabsichtigt die Stadt jedoch, viel Geld in die Infrastruktur der Wasserversorgung zu investieren, n\u00e4mlich wieder laut <strong>Stadtrat Czernohorszky<\/strong> &#8220;jedes Jahr bis zu 100 Mio. Euro&#8221;, wie im M\u00e4rz 2023 angek\u00fcndigt wurde (siehe Rathauskorrespondenz, <a href=\"https:\/\/presse.wien.gv.at\/2023\/03\/21\/150-jahre-wiener-wasser-ludwig-czernohorszky-wien-sorgt-mit-grossinvestitionen-fuer-wasserversorgung-vor\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wien sorgt mit Gro\u00dfinvestitionen f\u00fcr Wasserversorgung vor<\/a>). Geplant ist nicht nur ein Ausbau des Wasserspeichers in Neusiedl im Steinfeld, wof\u00fcr 98 Mio. Euro bewilligt sind (siehe Bericht auf meinbezirk.at, <a href=\"https:\/\/www.meinbezirk.at\/wien\/c-lokales\/98-millionen-euro-fuer-wiener-wasserversorgung-fixiert_a6427028\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">98 Millionen Euro f\u00fcr Wiener Wasserversorgung fixiert<\/a>). Vorgesehen ist auch eine gemeinsame Aufbereitungsanlage f\u00fcr das Wasser aus den Grundwasserwerken Donauinsel-Nord und Nussdorf auf der Donauinsel. Die Zielkapazit\u00e4t wird mit 22 Prozent des mittleren Trinkwasserverbrauchs in Wien angegeben, das sind 86.000 Kubikmeter pro Tag &#8211; mehr als das Grundwasserwerk Lobau in der Regel liefern kann.<\/p>\n<p>Die Stadt Wien scheint also mit zweierlei Ma\u00df zu messen: F\u00fcr eine Aufbereitung f\u00fcr Donauinsel und Nussdorf gibt es Geld, aber Investitionen in eine Aufbereitungsanlage f\u00fcr das GWW Lobau w\u00e4ren Verschwendung &#8211; auch wenn die Untere Lobau dadurch dem Untergang preisgegeben wird, entgegen den naturschutzrechtlichen Verpflichtungen Wiens. Es stellt sich die Frage, ob diese Position der Stadtregierung dem Willen der Wienerinnen und Wiener entspricht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der folgende Artikel erschien unter dem obigen Titel zuerst Ende Dezember auf meinbezirk.at (Die Donau kann die Untere Lobau retten &#8211; doch Wien stellt sich quer). Die Idee war, die zeitliche N\u00e4he zum &#8220;Weihnachtshochwasser&#8221; 2023 in der Unteren Lobau zu nutzen, um einem breiteren Publikum wesentliche Fakten zum Problem der Unteren Lobau nahezubringen. Der Artikel war \u00fcberraschend erfolgreich: Er hatte binnen kurzer Zeit mehr als 20.000 Aufrufe (per 31.1.24: 21.100). 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