{"id":5009,"date":"2021-12-03T20:45:56","date_gmt":"2021-12-03T19:45:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/?p=5009"},"modified":"2022-04-29T08:44:58","modified_gmt":"2022-04-29T06:44:58","slug":"1975-die-abenteuerliche-geschichte-des-ersten-seeadler-fotos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/1975-die-abenteuerliche-geschichte-des-ersten-seeadler-fotos\/","title":{"rendered":"1975: die abenteuerliche Geschichte des ersten Seeadler-Fotos"},"content":{"rendered":"<p><strong>In den 1970er-Jahren galt in \u00d6sterreich der Seeadler \u2013 das Wappentier der Republik &#8211; als der Heilige Gral der Tierfotografen.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/FOTO-Franz-Antonicek-x.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-207\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/FOTO-Franz-Antonicek-x-300x213.jpg\" alt=\"\" width=\"334\" height=\"237\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/FOTO-Franz-Antonicek-x-300x213.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/FOTO-Franz-Antonicek-x-768x546.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/FOTO-Franz-Antonicek-x.jpg 957w\" sizes=\"auto, (max-width: 334px) 100vw, 334px\" \/><\/a>Es gab schon lange keine br\u00fctenden Paare mehr im Land, nur im Hochwinter tauchten entlang der Donau halbwegs regelm\u00e4\u00dfig einige wenige Adler aus n\u00f6rdlicheren Gegenden auf, um hier nach Aas Ausschau zu halten und um nach Wasserv\u00f6geln und Fischen zu jagen.<\/p>\n<p>Wenn man das Gl\u00fcck hatte, einen von ihnen zu erblicken, dann nur aus weiter Entfernung, hoch oben im Himmel als Silhouette oder als schwarzer Fleck vor einer wei\u00dfen Schneelandschaft. Seeadler-Fotos zeigten in jenen Tagen ausnahmslos und bestenfalls schwarze V\u00f6gel vor wei\u00dfem Himmel.<\/p>\n<p>Unter der halben Handvoll Tierfotografen, die damals die Auen unterhalb von Wien durchstreiften, lief ein Wettbewerb: Wer schafft es als erster, einen Seeadler deutlich sichtbar am Boden sitzend auf das Bild zu kriegen?<\/p>\n<figure id=\"attachment_5010\" aria-describedby=\"caption-attachment-5010\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Norbert-Sendor-September-1997.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5010 size-medium\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Norbert-Sendor-September-1997-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Norbert-Sendor-September-1997-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Norbert-Sendor-September-1997-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Norbert-Sendor-September-1997-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Norbert-Sendor-September-1997.jpg 790w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5010\" class=\"wp-caption-text\">Norbert Sendor 1997<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Meister aller Klassen waren seit den 1950er-Jahren <a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/franz-antonicek-der-waldlaeufer-mit-der-kamera\/\">Franz Antonicek<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/norbert-sendor-seit-1953-in-der-lobau\/\">Norbert Sendor<\/a> \u2013 beide aus dem dritten Wiener Gemeindebezirk, aus Erdberg.<\/p>\n<p>Die junge Garde bestand aus dem ambitionierten Josef Hadrigan aus Kagran und dem trickreichen Leopold Popelinsky aus Floridsdorf. Allesamt waren sie Mitglieder in <a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/biografie-der-streitbare-umweltschuetzer-anton-klein\/\">Anton Kleins<\/a> Aquarien- und Naturschutzverein, dem sp\u00e4teren \u201eLobaumuseum\u201c.<\/p>\n<p>Antonicek war vom Auftreten her klar die Nummer eins. Sein enger Freund Norbert Sendor agierte eher zur\u00fcckhaltend. Die Seeadler waren ein unersch\u00f6pfliches Gespr\u00e4chsthema.<\/p>\n<p>Als Franz Antonicek einmal triumphierend mit einem aus enormer Entfernung geschossenen Foto eines in den L\u00fcften kreisenden Adlers auftauchte, hielt ihm der junge Josef Hadrigan provokant und mutig vor, dass der Seeadler auf dem Schwarzwei\u00dffoto ja in Wahrheit gar kein Seeadler sei, sondern blo\u00df eine Verunreinigung am Fotoobjektiv. Antonicek sah das naturgem\u00e4\u00df anders.<\/p>\n<p>Das ging so jahrelang hin und her \u2013 bis Norbert Sendor an einem eiskalten Morgen das gro\u00dfe Los zog.<\/p>\n<p><strong>Hier \u2013 in eigenen Worten &#8211; seine Geschichte:<\/strong><\/p>\n<p><em> <a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Unbenannt-20-Winter.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-5012\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Unbenannt-20-Winter-300x194.jpg\" alt=\"\" width=\"428\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Unbenannt-20-Winter-300x194.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Unbenannt-20-Winter-1024x663.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Unbenannt-20-Winter-768x497.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Unbenannt-20-Winter-1536x995.jpg 1536w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Unbenannt-20-Winter-95x62.jpg 95w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Unbenannt-20-Winter.jpg 1992w\" sizes=\"auto, (max-width: 428px) 100vw, 428px\" \/><\/a>\u201eEs war am Sonntag, den 28. Dezember 1975, einem wundersch\u00f6nen, aber eiskalten Wintertag, als ich in der Gegend von Sch\u00f6nau, genauer gesagt \u00fcber der Schwadorfer Rinne, einen jungen Seeadler beobachten konnte und ich rechnete mir Chancen auf ein Foto aus.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Franzi (Antonicek) und ich hatten zu jener Zeit eine vom damaligen Revierleiter, dem Oberf\u00f6rster Wimmer, tolerierte Fotodeckung an der Baumeisterlacke.<\/em><\/p>\n<p><em>Weil der Franzi aber verk\u00fchlt war, machte ich mich in der Nacht auf den 29sten allein mit dem Fahrrad auf den Weg: von der Rustenschacherallee im Prater, wo ich damals wohnte, nach Sch\u00f6nau \u2013 mehr als zwanzig Kilometer.<\/em><\/p>\n<p><em>Es war bitterkalt, es herrschte dichter Bodennebel und extremes Glatteis. Ich fuhr unfallfrei bis zum Sch\u00f6nauer Wasser, wo knapp vor der Einm\u00fcndung in die Donau einige gro\u00dfe Fischkalter lagen.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">(Fischkalter = h\u00f6lzernes Aufbewahrungsbecken f\u00fcr Lebendfische nach dem Fang und vor dem Verzehr)<\/p>\n<p><em>Am Vortag konnte ich beobachten, wie der Mannsdorfer B\u00fcrgermeister <a href=\"https:\/\/www.mannsdorf.at\/chronik\/fischerei\/\">Herbert Mayer<\/a> und seine Leute mit Schleppnetzen die Ausst\u00e4nde und die Buchten am Strom ausfischten.<\/em><\/p>\n<p><em>Somit stand fest: In den Kaltern sollten zumindest jede Menge Wei\u00dffische zu finden sein.<\/em><\/p>\n<p><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5013 alignright\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/007-300x219.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"314\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/007-300x219.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/007-1024x747.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/007-768x560.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/007-1536x1120.jpg 1536w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/007-2048x1494.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 430px) 100vw, 430px\" \/>Ich \u201eborgte\u201c mir dort also vier mittelgro\u00dfe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aland_(Fisch)\">Nerflinge<\/a> aus. Bis heute habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich sie damals nicht zur\u00fcckgeben konnte.<\/em><\/p>\n<p><em>Wie ich es geschafft habe, die Fische in finsterer Nacht und bei eisiger K\u00e4lte aus dem Kalter zu entnehmen, wei\u00df ich nicht mehr. Jedenfalls waren sie in k\u00fcrzester Zeit stocksteif gefroren.<\/em><\/p>\n<p><em>Mit den Nerflingen im Gep\u00e4ck fuhr ich zur Baumeisterlacke, \u00f6ffnete das Eisloch, das wir zum Anlocken diverser Wasserv\u00f6gel vor unserer Deckung angelegt hatten und legte mich bei v\u00f6lliger Dunkelheit, es war etwa sechs Uhr fr\u00fch, auf die Lauer. Dann begann das Warten.<\/em><\/p>\n<p><em>Durch den extremen Bodennebel wurde es selbst bei Tagesanbruch nicht so richtig hell. Um etwa neun Uhr fr\u00fch tauchten ein Silberreiher und zwei Graureiher auf und setzten sich neben den gefrorenen Fischen auf das Eis.<\/em><\/p>\n<p><em>Nach einiger Zeit h\u00f6rte ich ein eigenartiges Ger\u00e4usch, das ich nicht definieren konnte. Ansonsten war es rundum totenstill. Als das Ger\u00e4usch immer n\u00e4herkam, sah ich den Verursacher. Es war ein Seeadler, der \u00fcber das Eis lief &#8211; und das seltsame Ger\u00e4usch mit seinen Krallen verursachte.<\/em><\/p>\n<p><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-5014 alignleft\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/1975-Sendor-Seeadler-Baumeisterlacke-Ausschnitt-300x164.jpg\" alt=\"\" width=\"541\" height=\"296\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/1975-Sendor-Seeadler-Baumeisterlacke-Ausschnitt-300x164.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/1975-Sendor-Seeadler-Baumeisterlacke-Ausschnitt-71x40.jpg 71w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/1975-Sendor-Seeadler-Baumeisterlacke-Ausschnitt.jpg 672w\" sizes=\"auto, (max-width: 541px) 100vw, 541px\" \/>Zu Fu\u00df wirkte der Vogel in keiner Weise majest\u00e4tisch. Der Adler rutschte er immer wieder aus und versuchte, mit tollpatschigen Bewegungen verzweifelt das Gleichgewicht zu halten. Ich schoss ein Foto nach dem anderen. Bald war klar, was er hier tat: Er versuchte vergeblich Fische zu fangen, die er unter der glasklaren Eisdecke schwimmen sah.<\/em><\/p>\n<p><em>Meine gefrorenen Nerflinge beachtete er zun\u00e4chst nicht. Erst als der Silberreiher heranstelzte, stieg er kurz auf. Das hatte zur Folge, dass die Reiher &#8211; es waren in der Zwischenzeit noch welche dazu gekommen &#8211; laut schreiend davonflogen.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Adler griff sich schlie\u00dflich einen meiner toten Fische, flog damit zu den hohen B\u00e4umen am gegen\u00fcberliegenden Ufer und begann ihn dort zu fressen.<\/em><\/p>\n<p><em>Um zw\u00f6lf Uhr drei\u00dfig kamen pl\u00f6tzlich zwei M\u00e4nner aus dem Wald. Ich sa\u00df mittlerweile schon mehr als sechs Stunden bei Minusgraden in meiner Deckung. Als der Adler die M\u00e4nner ersp\u00e4hte, lie\u00df er den Fisch sofort fallen und strich ab. Eine halbe Stunde sp\u00e4ter kam er zur\u00fcck und machte sich im Gestr\u00fcpp zu Fu\u00df auf die Suche nach seiner verlorenen Beute.<\/em><\/p>\n<p><em>Um ihn nicht erneut zu st\u00f6ren, blieb ich weiter unbeweglich sitzen, bis er am Ende aus freien St\u00fccken davonflog und nicht mehr wiederkehrte.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich hatte es geschafft \u2013 trotz ung\u00fcnstigster Lichtverh\u00e4ltnisse: Auf meinem Film war das vermutlich erste deutliche Foto eines wilden Seeadlers in den Donau-Auen unterhalb von Wien.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Begeisterung \u00fcber dieses gro\u00dfartige Erlebnis hielt noch lange an. Auch weil es mir gelang, trotz steifer Gliedma\u00dfen auf spiegelglatten Waldwegen und Stra\u00dfen unbeschadet und sturzfrei nach Erdberg zur\u00fcckzukehren.\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den 1970er-Jahren galt in \u00d6sterreich der Seeadler \u2013 das Wappentier der Republik &#8211; als der Heilige Gral der Tierfotografen. Es gab schon lange keine br\u00fctenden Paare mehr im Land, nur im Hochwinter tauchten entlang der Donau halbwegs regelm\u00e4\u00dfig einige wenige Adler aus n\u00f6rdlicheren Gegenden auf, um hier nach Aas Ausschau zu halten und um nach Wasserv\u00f6geln und Fischen zu jagen. 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