{"id":4799,"date":"2021-10-03T17:53:31","date_gmt":"2021-10-03T15:53:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/?p=4799"},"modified":"2025-09-15T15:59:18","modified_gmt":"2025-09-15T13:59:18","slug":"bernd-loetsch-alarmierende-rede-zur-rettung-der-lobau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/bernd-loetsch-alarmierende-rede-zur-rettung-der-lobau\/","title":{"rendered":"Bernd L\u00f6tsch: schon 1973 alarmierende Rede zur Rettung der Lobau"},"content":{"rendered":"<p><strong>Er ist \u00d6kologe und Umweltwissenschaftler, hat ma\u00dfgeblich dazu beigetragen, das Atomkraftwerk Zwentendorf und das Kraftwerk Hainburg zu verhindern und gilt als Mitbegr\u00fcnder des Nationalparks Donau-Auen. 15 Jahre lang war <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bernd_L%C3%B6tsch\">Bernd L\u00f6tsch<\/a> Generaldirektor des Naturhistorischen Museums Wien. Zur dramatischen Situation der Lobau und im Sinne einer menschengerechten Stadt hat er bereits 1973 (!!) eine alarmierende, 50-min\u00fctige Rede gehalten. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ausz\u00fcge aus einer Tonbandaufnahme in Original-Zitaten, erstmals ver\u00f6ffentlicht:<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><strong>DER &#8220;UNANTASTBARE&#8221; WALD- UND WIESENG\u00dcRTEL<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDie Besonderheit von Wien ist es, dass ein unsch\u00e4tzbares Erbe, ein Geschenk aus der Vergangenheit, auf die Planer \u00fcbergegangen ist, und das ist, soweit man ihn noch nicht zerst\u00f6rt hat, der Wald- und Wieseng\u00fcrtel.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDer urspr\u00fcnglichste Teil des Wald- und Wieseng\u00fcrtels ist die Lobau, die gr\u00f6\u00dfte und sch\u00f6nste Aulandschaft Mitteleuropas. Sie ist erf\u00fcllt von einem, auf Gro\u00dfstadtgebiet einzigartigem Leben. Und es ist eigentlich traurig, dass es heute n\u00f6tig ist, ein Erholungsgebiet innerhalb Wiens zu verteidigen, das schon 1905, 1928, 1937 durch Gemeinderatsbeschl\u00fcsse als unantastbar erkl\u00e4rt wurde, dem bisher nur die Hitler-\u00c4ra tiefere Wunden schlagen konnte &#8211; die man allerdings dann bereitwillig vergr\u00f6\u00dfert hat.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><strong>BETONKASERNEN UND DIE DURCHKONSTRUIERTE UMWELT<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eMit tiefer Sorge erf\u00fcllt heute die Kritiker modernen St\u00e4dtebaus die servile Monotonie, die Ver\u00f6dung und Verarmung der Formen durch die Betonkasernen der Rei\u00dfbrettst\u00e4dte. Die uniformierte Gesichtslosigkeit hastig aufget\u00fcrmter Neustadtviertel, die kaum fertig, zu Brutst\u00e4tten von t\u00f6dlicher Langeweile, psychischen Defekten bis zur Kriminalit\u00e4t werden. So lauten jedenfalls die Diagnosen der Sozialhelfer und Mediziner. Steigender Schlafmittelkonsum, steigende Scheidungs- und Selbstmordrate im konturlosen Einerlei der Vorst\u00e4dte.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWarum? Eine Antwort ist, weil man geglaubt hat, dem Menschen mit dem Rechenstift allein eine Umwelt konstruieren zu k\u00f6nnen. Man hat an alles gedacht, nur nicht an den Menschen. Man hat sein Gef\u00fchlsleben, jawohl, seine emotionellen Bed\u00fcrfnisse vernachl\u00e4ssigt.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eWo soll unsere Jugend in einer durchkonstruierten Umwelt einer modernen Gro\u00dfstadt echte Erlebnisr\u00e4ume finden? Nur mehr auf den viel zu wenigen Sportpl\u00e4tzen im Schatten der Zinskasernen oder in den Betonbecken der Kinderfreib\u00e4der? Das ist ja alles sehr gut gemeint, aber selbst in der Zoogestaltung ist man \u00fcber diese Asphaltmentalit\u00e4t schon hinaus.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><strong>DAS AUTO IST UNERS\u00c4TTLICH<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eMan musste f\u00fcr den t\u00e4glichen Radialverkehr und die langen Berufsanfahrten die Stra\u00dfen verbreitern, und immer mehr wurde die Stadt entgr\u00fcnt und unmenschlicher.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eMan opfert die St\u00e4dte und man kommt dann drauf, dass man zur Verkehrsspitze selbst auf einer sechsspurigen Stadtautobahn f\u00fcr eine Strecke von f\u00fcnf Kilometern eine Stunde braucht.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eMan kommt drauf, dass das Auto uners\u00e4ttlich ist, denn je mehr Stra\u00dfen man baut, umso mehr erh\u00f6ht man den Anreiz, das Auto in die Stadt mitzunehmen und umso rascher sind die neuen Stra\u00dfen wieder verstopft. Deshalb heute die weltweite Abkehr von einer \u00dcberbewertung des Individualverkehrs im Stadtinneren.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eLetztendlich stehen am Ende dieser Entwicklung der \u00dcberbewertung des Kraftfahrzeugs im Stadtbereich die gescheiterten amerikanischen Versuche, die autogerechte Stadt zu schaffen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><strong>UNSERE WERTE SIND IN GELD NICHT QUANTIFIZIERBAR<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDie Verkehrsplaner werden sich daran gew\u00f6hnen m\u00fcssen, dass ein Naturreservat jede Trassenf\u00fchrung ausschlie\u00dft, dass ein Erholungsgebiet ebenso respektiert werden muss, wie ein See, ein Berg oder irgendein topographisches Hindernis auch.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDie Kr\u00e4fte, die die Lobau zerst\u00f6ren, die k\u00f6nnen ihre Anliegen durch Kosten-Nutzen-Rechnungen monetarisieren. Die Werte, f\u00fcr die wir eintreten, Gesundheit und Wohlbefinden, sind nicht weniger real. Sie sind nur in Geld nicht quantifizierbar und deshalb fallen sie immer wieder dem \u00f6konomischen Denken zum Opfer.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eErst wenn wir begriffen haben, dass bei der Gestaltung einer dem Menschen gem\u00e4\u00dfen Umwelt die Sorge f\u00fcr seine emotionellen Bed\u00fcrfnisse ebenso berechtigt ist, wie die Sorge um die Beseitigung seiner F\u00e4kalien, dann werden wir das auf dem Rei\u00dfbrett des Technokraten zerst\u00fcckelte Menschenbild wieder ganz zur\u00fcckgewinnen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><strong>WIR BRAUCHEN DEN FEUERSCHUTZ DER B\u00dcRGERINITIATIVEN<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eMan l\u00e4sst uns Wissenschaftler in Aussch\u00fcssen reden, aber ob wir geh\u00f6rt werden, das bestimmt die Tagespolitik. Hier brauchen wir den Feuerschutz einer ideenreichen Fu\u00dftruppe von B\u00fcrgerinitiativen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eIn unserer Verfassung steht sinngem\u00e4\u00df \u201eAlle Macht geht vom Volke aus.\u201c Deshalb ist die gr\u00f6\u00dfte Macht im Staate die Tr\u00e4gheit ihrer B\u00fcrger. Mit Tr\u00e4gheit kann man auch eine Demokratie fast absolut regieren.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDas, was uns die Technik zerst\u00f6rt, kann uns keine Technologie wieder erstehen lassen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Lobau-soll-sterben-1973.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-4807\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Lobau-soll-sterben-1973-215x300.jpg\" alt=\"\" width=\"259\" height=\"362\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Lobau-soll-sterben-1973-215x300.jpg 215w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Lobau-soll-sterben-1973.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 259px) 100vw, 259px\" \/><\/a>Bernd L\u00f6tsch hat diese Rede am <span style=\"color: #ff0000;\">17. J\u00e4nner 1973 <\/span>im randvollen Auditorium Maximum der Universit\u00e4t Wien gehalten, im Rahmen eines Informationsabends mit dem Titel \u201eLobau soll sterben\u201c; in Anwesenheit von Nobelpreistr\u00e4ger Konrad Lorenz, Studenten und Professoren der Zoologischen und Botanischen Institute, Beamten der Nieder\u00f6sterreichischen Landesregierung, sowie den Mitgliedern und Freunden der B\u00fcrgerinitiative \u201eLobau darf nicht sterben!\u201c.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Seitdem sind deutlich mehr als f\u00fcnfzig (!) Jahre vergangenen. Die Stadtpolitiker haben nichts dazugelernt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Rei\u00dfbrettstadt ist nach wie vor en vogue, Stra\u00dfenbau gilt wie damals als Fortschritt, die Lobau wird erneut von einer Autobahn bedroht, obendrein von Austrocknung, von Verlandung, vom Verlust an Tieren- und Pflanzenarten und von Politikern, die sich bevorzugt vor Spr\u00fchnebelduschen, Sitzinseln und Pflanztr\u00f6gen fotografieren lassen und den Wiener Anteil des Nationalparks Donau-Auen bereits aufgegeben zu haben scheinen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Gebiet w\u00fcrde austrocknen, hei\u00dft es, damit habe man sich abzufinden. Immerhin w\u00fcrde man hier ja auch k\u00fcnftig noch radeln und picknicken k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p>Foto: <a href=\"https:\/\/www.nhm-wien.ac.at\/alice_schumacher\">Alice Schumacher, NHM Wien<\/a><br \/>\nQuelle: Tonbandaufzeichnung vom 17.1.1973 (Privatarchiv Bernd L\u00f6tsch bzw. <a href=\"https:\/\/www.mediathek.at\/portaltreffer\/atom\/54120\/pool\/BIBL\/\">\u00d6sterreichische Mediathek<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist \u00d6kologe und Umweltwissenschaftler, hat ma\u00dfgeblich dazu beigetragen, das Atomkraftwerk Zwentendorf und das Kraftwerk Hainburg zu verhindern und gilt als Mitbegr\u00fcnder des Nationalparks Donau-Auen. 15 Jahre lang war Bernd L\u00f6tsch Generaldirektor des Naturhistorischen Museums Wien. Zur dramatischen Situation der Lobau und im Sinne einer menschengerechten Stadt hat er bereits 1973 (!!) eine alarmierende, 50-min\u00fctige Rede gehalten. Ausz\u00fcge aus einer Tonbandaufnahme in Original-Zitaten, erstmals ver\u00f6ffentlicht: DER &#8220;UNANTASTBARE&#8221; WALD- UND WIESENG\u00dcRTEL \u201eDie Besonderheit von Wien ist&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":4800,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[12,158],"tags":[140],"class_list":["post-4799","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-von-gestern","category-rettet-die-lobau","tag-bernd-loetsch"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4799","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4799"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4799\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7427,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4799\/revisions\/7427"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4800"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4799"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4799"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4799"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}