{"id":3609,"date":"2020-05-04T10:23:06","date_gmt":"2020-05-04T08:23:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/?p=3609"},"modified":"2021-02-01T18:39:07","modified_gmt":"2021-02-01T17:39:07","slug":"der-neue-josefsteg-ein-mittel-der-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/der-neue-josefsteg-ein-mittel-der-politik\/","title":{"rendered":"Der neue Josefsteg \u2013 ein Mittel der Politik"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Josefsteg in der Oberen Lobau, der zwischen Tischwasser und Fasangartenarm das Schr\u00f6derwasser \u00fcberquert, ist neu errichtet worden.<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Der SP\u00d6-Bezirksvorsteher freut sich, seiner Verantwortung nachgekommen zu sein, \u201e<em>f\u00fcr den Erhalt und qualitativen Ausbau der Gr\u00fcnfl\u00e4chen zu sorgen.<\/em>\u201c<\/li>\n<li>Der SP\u00d6-Klubobmann jubelt: \u201e<em>So schaut intelligenter Radverkehr \u2013 in Verbindung mit Naturerfahrung und Genuss \u2013 aus<\/em>.\u201c<\/li>\n<li>Die SP\u00d6-Umweltstadtr\u00e4tin verk\u00fcndet, dass der Josefsteg nun wieder erm\u00f6glichen w\u00fcrde, \u201e<em>trockenen Fu\u00dfes einen Blick in die nat\u00fcrliche Schilflandschaft der Lobau<\/em>\u201c werfen zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Die Gr\u00fcne Vizeb\u00fcrgermeisterin betont, dass es gelungen sei, \u201e<em>das Naturparadies Lobau um eine weitere Sehensw\u00fcrdigkeit zu bereichern<\/em>\u201c.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zusammenfassend: Kein Wort \u00fcber den Nationalpark, seinen Wert und seine Ziele. Sie r\u00fchmen sich, eine Sehensw\u00fcrdigkeit errichtet zu haben, die Gr\u00fcnfl\u00e4chen aus<strong>gebaut<\/strong> (!) zu haben, den Radverkehr zu verbessern und den Blick auf ein sterbendes Gew\u00e4sser zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-3611 alignleft\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083512-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"583\" height=\"329\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083512-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083512-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083512-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083512-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083512-2048x1152.jpg 2048w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083512-148x85.jpg 148w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083512-71x40.jpg 71w\" sizes=\"auto, (max-width: 583px) 100vw, 583px\" \/>Der Wahlkampf hat begonnen. Heute der neue Josefsteg, morgen Milch, Honig und Freibier.<\/p>\n<p>In Wahrheit hat die Stadt Wien mit Millionenaufwand (Kosten wurden nicht ver\u00f6ffentlicht) eine Br\u00fccke \u00fcber ein beinahe nicht mehr wahrnehmbares, komplett verlandetes Gew\u00e4sser bauen lassen.<\/p>\n<p>Der im Jahr 2001 er\u00f6ffnete alte Josefsteg war dazu gedacht, die Besucherstr\u00f6me zu lenken und die \u00dcberquerung des schon damals verlandeten, ehemaligen Gew\u00e4ssersystems im Hinblick auf eine bevorstehende Wassereinspeisung aus der Neuen Donau zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Man wollte also damals den Wasserspiegel heben und den vom Schilf bereits verschluckten Fasangartenarm, die sogenannte Seeschlacht, den Marketh\u00e4uflgraben, das Tischwasser und das Schr\u00f6derwasser wieder zu richtigen Gew\u00e4ssern machen. Das ist allerdings nie passiert.<\/p>\n<p>Vor 16 Jahren, am 20. April 2004 wurden diese Pl\u00e4ne von der Magistratsabteilung 45 (Wasserbau) in guter Hoffnung via Rathauskorrespondenz \u00f6ffentlich dargelegt. Demn\u00e4chst, so hie\u00df es, wolle man die Obere Lobau von der Neuen Donau her \u00fcber die Panozza-Lacke mit Wasser speisen. Senatsrat Redl, der Chef der MA45 stellte fest: \u201e<em>Unsere Projekte sind l\u00e4ngst fertig. Wir warten dringend auf die wasserrechtliche Genehmigung seitens der Obersten Wasserrechtsbeh\u00f6rde im Umweltministerium.<\/em>\u201c<\/p>\n<p><strong>Das Jahr, in dem alles anders wurde<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Monate sp\u00e4ter, am 1. Juli 2004 wurde eine neue Umweltstadtr\u00e4tin angelobt. Der Zufall will es, dass ab diesem Zeitpunkt \u00fcber die engagierten Pl\u00e4ne der Wasserbauer \u00f6ffentlich nichts mehr zu finden ist. Ungef\u00e4hr zu selben Zeit wird auch das von ihren Vorg\u00e4ngern jahrelang gro\u00df angek\u00fcndigte, angeblich lebensnotwendige Projekt \u201eWasserwerk Kleeh\u00e4ufel\u201c nach abgeschlossener Planung, nach erfolgreich abgewickeltem Architektenwettbewerb und nach bereits get\u00e4tigten Millionen-Investitionen stillschweigend verr\u00e4umt. W\u00e4re diese Wasseraufbereitungsanlage gebaut worden, k\u00f6nnte die Untere Lobau heute ohne Gegenargumente wegen der Trinkwasserbrunnen mit Donauwasser dotiert und damit gerettet werden.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Wassereinspeisung \u00fcber die Panozza-Lacke: Die wasserrechtliche Genehmigung, die Senatsrat Redl 2004 erw\u00e4hnt hat, wurde bis heute nicht erteilt. Der Josefsteg wurde daf\u00fcr schon zum zweiten Mal errichtet: eine Br\u00fccke \u00fcber ein Gew\u00e4sser, das praktisch nur noch als gr\u00f6\u00dferer T\u00fcmpel rund um die Br\u00fccke existiert.<\/p>\n<p><strong>Schilf als Zeichen des Niedergangs<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-3612\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083711-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"563\" height=\"318\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083711-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083711-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083711-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083711-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083711-2048x1152.jpg 2048w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083711-148x85.jpg 148w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/20200502_083711-71x40.jpg 71w\" sizes=\"auto, (max-width: 563px) 100vw, 563px\" \/>Egal in welche Richtung des Josefstegs man schaut \u2013 er f\u00fchrt durch ein Meer von Schilf. Dies sei \u201e<em>die nat\u00fcrliche Schilflandschaft der Lobau<\/em>\u201c, verk\u00fcndet die Umweltstadtr\u00e4tin am 30. April.<\/p>\n<p>Diese Aussage stimmt nur dann, wenn man die Lobau bereits zum Sterben verurteilt hat.<\/p>\n<p>Denn ein Schilfg\u00fcrtel in derartigem Ausma\u00df wie rund um den Josefsteg ist ein Zeichen des Todes, das Endstadium eines verschwindenden Gew\u00e4ssers. Der Fachbegriff hei\u00dft \u201eVerlandung\u201c. Ein Gew\u00e4sser, das von der Wasserzufuhr abgeschnitten wird, verlandet. Zuerst w\u00e4chst die Schlammschicht am Grund, dann wuchern die Unterwasserpflanzen, schlie\u00dflich ist es so seicht, dass die verbliebene Wasseroberfl\u00e4che von Seerosen und Teichrosen in Besitz genommen wird, danach kommen das Schilf, die Seggen, und irgendwann ist aus dem Gew\u00e4sser Festland geworden.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich\u201c ist der Schilfg\u00fcrtel also durchaus (Wer hat schon jemals von einem unnat\u00fcrlichen Schilfg\u00fcrtel geh\u00f6rt?), allerdings ein Grund zur Erbauung nur dann, wenn man dar\u00fcber hinwegsieht, dass er ein Zeichen f\u00fcr den Niedergang eines Gew\u00e4ssers ist.<\/p>\n<p>Verlandung passiert vor unseren Augen in fast allen Gew\u00e4ssern der Lobau. Rund um den Josefsteg ist der Prozess am weitesten fortgeschritten. Einer der m\u00e4chtigsten Wiener SP\u00d6-Politiker ist der Meinung, dass das halt so sei, und wenn einige Natursch\u00fctzer deswegen sauer sein w\u00fcrden, werde man \u201e<em>halt damit leben m\u00fcssen<\/em>\u201c.<\/p>\n<p><strong>Empfehlung: ein Blick ins Nationalparkgesetz<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-3617 alignleft\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/NP-Managementplan-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"291\" height=\"416\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/NP-Managementplan-210x300.jpg 210w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/NP-Managementplan.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/>Der gute Mann sollte einen Blick ins Wiener Nationalparkgesetz werfen und in den aktuellen Nationalpark-Managementplan. Es ist n\u00e4mlich keineswegs so, dass man in der Lobau die Verlandung bzw. das Verschwinden von Gew\u00e4ssern einfach zu akzeptieren hat. Ob Natursch\u00fctzer deswegen sauer sind oder nicht, spielt keine Rolle.<\/p>\n<p>\u201eNationalpark\u201c hei\u00dft nicht, das zu sch\u00fctzende Gebiet wie unter einem Glassturz zu konservieren \u2013 zumindest nicht im dicht besiedelten Europa. Das Nationalparkmanagement muss darauf ausgerichtet sein, die Artenvielfalt und die Besonderheit der Landschaft mit entsprechenden Ma\u00dfnahmen zu sichern.<\/p>\n<p>Deswegen werden zum Beispiel im nieder\u00f6sterreichischen Teil des Nationalparks die Ufer renaturiert und abgeschnittene Altarme wieder zur Donau hin ge\u00f6ffnet. In Wien ist &#8211; milde berechnet &#8211; in den vergangenen 15 Jahren nichts Vergleichbares geschehen.<\/p>\n<p>Der erste Satz des Wiener Nationalparkgesetzes lautet: \u201e<em>Dieses Gesetz dient der nachhaltigen Gew\u00e4hrleistung der \u00f6kologischen Funktionsf\u00e4higkeit und der nat\u00fcrlichen Entwicklung des Auen\u00f6kosystems in seiner aktuellen Erscheinungsform durch Setzung der erforderlichen Erhaltungs-, Erg\u00e4nzungs- und Erneuerungsma\u00dfnahmen.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Das Gesetz schreibt also vor, dass etwas getan werden muss. \u201e<em>Dass es halt so ist<\/em>\u201c, ist keine Option.<\/p>\n<p>Der Managementplan des Nationalparks (2019 \u2013 2028) ber\u00fccksichtigt diese gesetzlichen Vorgaben. Da hei\u00dft es f\u00fcr die Obere Lobau unmissverst\u00e4ndlich: \u201e<em>Im aquatischen Bereich bestehen hochwertige Lebensr\u00e4ume, die durch ein geeignetes Wassermanagement (Dotation) mittelfristig erhalten werden k\u00f6nnen<\/em>.\u201c<\/p>\n<p><strong>Der politische Wille fehlt<\/strong><\/p>\n<p>Leider hapert es mit der Ausf\u00fchrung. An der Wassereinleitung in die Panozza-Lacke, die bewirken w\u00fcrde, dass der Josefsteg wieder \u00fcber ein Gew\u00e4sser f\u00fchrt und nicht \u00fcber einen Sumpf, wird in Wien seit mindestens 18 Jahren geplant und gearbeitet. Die zust\u00e4ndige Fachabteilung war \u2013 wie erw\u00e4hnt \u2013 im Jahr 2004 noch voller Euphorie. Was hat sie danach davon abgehalten, ihre selbstgesteckten Ziele zu verwirklichen? Wie Gespr\u00e4che gezeigt haben, sind den Verantwortlichen der MA45 &#8220;Wiener Gew\u00e4sser&#8221; die Feuchtgebiete der Lobau gleicherma\u00dfen wichtig wie den Natursch\u00fctzern. Es sieht also nach mangelnder politischer und finanzieller Unterst\u00fctzung aus.&nbsp;<\/p>\n<p>Im selben Zeitraum hat die Stadt Wien n\u00e4mlich sehr wohl Initiative und Mittel genug aufgebracht, um dort, wo ohnehin beinahe kein Wasser mehr ist, zwei neue Br\u00fccken zu errichten: im M\u00e4rz 2008 einen Steg \u00fcber die K\u00f6rber Furt zwischen Alter Naufahrt und Schr\u00f6derwasser, und nun den Josefsteg.<\/p>\n<p>Wie viel Bedeutung die Ziele des Nationalparks f\u00fcr die Stadtregierung haben, zeigt sich auch in den offiziellen Aussendungen der Rathauskorrespondenz. Seit Juli 2004 gab es nur magere zwei Pressemeldungen zu Managementma\u00dfnahmen in der Lobau, aber 13 St\u00fcck, in denen die Naturbadepl\u00e4tze beworben werden, 28 Jubelmeldungen zu den Wasserpflanzen-M\u00e4hbooten in der Alten Donau und 45, in denen es um Spr\u00fchnebelduschen geht.<\/p>\n<p>Die Definition von \u201ePopulismus\u201c lautet nach Wikipedia \u00fcbrigens:<\/p>\n<p>\u201e<em>Charakteristisch ist eine mit politischen Absichten verbundene, auf Volksstimmungen gerichtete Themenwahl und Rhetorik. Dabei geht es einerseits um die Erzeugung bestimmter Stimmungen, andererseits um die Ausnutzung und Verst\u00e4rkung vorhandener Stimmungslagen zu eigenen politischen Zwecken. Oft zeigt sich Populismus auch in einem spezifischen Politikstil und dient als Strategie zum Machterwerb.<\/em>\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Josefsteg in der Oberen Lobau, der zwischen Tischwasser und Fasangartenarm das Schr\u00f6derwasser \u00fcberquert, ist neu errichtet worden. 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