{"id":3223,"date":"2020-01-02T10:33:05","date_gmt":"2020-01-02T09:33:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/?p=3223"},"modified":"2022-06-22T17:53:27","modified_gmt":"2022-06-22T15:53:27","slug":"damals-war-die-welt-noch-frei-der-gaertner-von-der-naufahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/damals-war-die-welt-noch-frei-der-gaertner-von-der-naufahrt\/","title":{"rendered":"&#8220;Damals war die Welt noch frei&#8221; &#8211; der G\u00e4rtner von der Naufahrt"},"content":{"rendered":"<p><strong>2019 hatte der damals 87j\u00e4hrige Kurt Sch\u00f6ny die feste Absicht, seine Gro\u00dfg\u00e4rtnerei an der Alten Naufahrt nach mehr als einem halben Jahrhundert f\u00fcr immer zu schlie\u00dfen. Kurz darauf \u00fcberlegte er es sich wieder, wollte einfach nicht die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen und weitermachen, solange ihn die F\u00fc\u00dfe tragen. Kurt Sch\u00f6ny erinnert sich an die Obere Lobau wie sie fr\u00fcher war, an \u00fcppig mit Wasser gef\u00fcllte Gew\u00e4sser und an die paradiesische Donauwiese.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-3225 alignleft\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/RSCN9775-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"412\" height=\"309\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/RSCN9775-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/RSCN9775-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/RSCN9775-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/RSCN9775-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/RSCN9775-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 412px) 100vw, 412px\" \/>1934 ist er als Zweij\u00e4hriger mit seinen Eltern aus Wien hierhergezogen. Der junge Mann findet zun\u00e4chst eine Besch\u00e4ftigung bei der Eisenbahn, am Bahnhof Stadlau &#8211; was ihm heute eine Zusatzpension beschert: <em>\u201eIn der Zeit, wo i kommen bin, war dort noch sehr, sehr viel los, der K\u00f6rndl-Verkehr vom Marchfeld, die R\u00fcben-Kampagne.\u201c <\/em><\/p>\n<p>1965 beschlie\u00dft er, sich mit einer Blumeng\u00e4rtnerei selbst\u00e4ndig zu machen &#8211; als Autodidakt, wie er betont. Eine gute Entscheidung, der Beruf des G\u00e4rtners liegt ihm: <em>\u201eI war recht gut in Freiland-Schnittblumen, hab a bissl a Phantasie gehabt und hab immer gute Sachen gebracht. Also war ich immer ein recht ein angesehener G\u00e4rtner.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Sein K\u00f6nnen und sein Gesp\u00fcr haben ihm eine Menge g\u00e4rtnerische Goldmedaillen eingebacht, bei der Internationalen Gartenbauausstellung 1983 in M\u00fcnchen einen \u201eGro\u00dfen Preis der Bundesregierung f\u00fcr hervorragende Leistung im Bereich Zierpflanzenbau\u201c und 1990 das Silberne Verdienstzeichen der Stadt Wien.<\/p>\n<p>Kurt Sch\u00f6nys G\u00e4rtnerei ist wie eine letzte Bastion der Vergangenheit. Rundum hat sich vieles, manchmal auch alles ver\u00e4ndert: <em>\u201eDie Leut da sind heute ganz anders. Fr\u00fcher hat a jeder an Garten mit Gem\u00fcse und Obst gehabt und Kleintiere und sogar manche K\u00fche.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die angrenzende Naufahrt hat seinerzeit noch Hochwasser gef\u00fchrt. <em>\u201eDas Stra\u00dfenniveau ist jetzt zwar h\u00f6her, aber i kann mi erinnern, da samma als Kind immer bis zu die Knie im Wasser gewatet.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Das linke Ufer war einstmals kaum zug\u00e4nglich, mit Schilf komplett verwachsen: &nbsp;<em>\u201eNur bei mein T\u00fcrl war a klans Platzl und a Bam, a schiefer, und auf den war a Tafel \u201eBaden verboten\u201c. Das hat der Jager und die Polizei geahndet.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong>Berittene Polizei<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-3226 alignright\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/RSCN9752-2-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"403\" height=\"302\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/RSCN9752-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/RSCN9752-2-1024x769.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/RSCN9752-2-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/RSCN9752-2.jpg 1327w\" sizes=\"auto, (max-width: 403px) 100vw, 403px\" \/>In den 30er-Jahren wurde die Lobau von berittener Polizei bewacht:<\/p>\n<p><em>\u201eDas muss so im 37er-Jahr gewesen sein, da waren wir Holz klauben, aber ohne \u201eKlaubzettel\u201c, den haben wir uns nicht leisten k\u00f6nnen. Au\u00dferdem hat der Auflagen gehabt: nur f\u00fcnf Zentimeter starke \u00c4ste, kein Schubkarren, kein Wagerl, nur das was man tragen kann und nur einmal am Tag. Beim alten Josefsteg, da ist so eine Vertiefung und da haben wir pl\u00f6tzlich &#8211; platsch, platsch &#8211; das Hufgetrappel geh\u00f6rt und haben uns g\u2018schwind in den Str\u00e4uchern versteckt.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em>Das Fischwasser vor der Haust\u00fcr stand eine Weile sogar unter der Obhut von Kurt Sch\u00f6nys Vater: <em>\u201eW\u00e4hrend dem Krieg und a bissl vor Kriegsanfang hat der Rote Hiasl-Wirt und mei Vater das Wasser gepachtet gehabt. Das ist vom Schillloch weg gegangen und die Dechantlackn war a dabei. Und wie sie dann beide sp\u00e4t aus dem Krieg zur\u00fcckgekommen sind, hat\u2018s die Stadt Wien schon dem Arbeiterfischereiverein gegeben. Mein Vater hat da ja mitn Roten Hiasl mit alle erlaubten und unerlaubten Methoden gfischt.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong>Die wunderbare Donauwiese<\/strong><\/p>\n<p>Wenige hundert Meter entfernt, jenseits des Hochwasserschutzdammes, lag das \u00dcberschwemmungsgebiet, die sogenannte \u201eDonauwiese\u201c, Wiens sch\u00f6nster und bedeutendster Erholungsraum.<\/p>\n<p>Kurt Sch\u00f6ny: <em>\u201eIn meiner Jugend sind wir immer auf die Donauwiesen Fu\u00dfball spielen gegangen, beim Roten Hiasl so grad obe. Da haben manchmal 20 gegen 25 oder 28 gespielt. Immer, wann ein Neuer gekommen ist, hat der mitspielen d\u00fcrfen. Und die Bierh\u00fcttn am \u00dcberschwemmungsgebiet haben auch a gewisse Rolle gespielt. Wenn man von der Reichsbr\u00fccke aus zusammenz\u00e4hlt, hat\u2019s sicher ein Dutzend von denen gegeben. Da war das Barberl-Dorf (Anmerkung: Barbe = h\u00e4ufiger Donaufisch), da war der Goscherte Wirt und dann waren der Nutz, die Scheibert, der Murl und der Weiss. Im Winter habens zu ghabt. Und die Fischer haben so a Blechfassl ghabt und haben da aufn Feuer die kleinen Fische als Spezialit\u00e4ten verkauft. Und die Daubelfischer haben fr\u00fcher a gut gfangen und da sind relativ viel Fische auch verkauft worden. Damals war die Welt noch frei.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Vor allem in den ersten Jahren nach Ende des Krieges sei die Donauwiese ein enormer Anziehungspunkt gewesen. Das Rufen und Lachen der Menschen h\u00e4tte man bis hin\u00fcber zur Naufahrt geh\u00f6rt. Sch\u00f6ny: <em>\u201eDa hat\u2018s ja nix geben, als wie baden. Viele haben gezeltlt und san von dort direkt in die Arbeit gfahren.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-3227 alignleft\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/DSCN9646-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"441\" height=\"330\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/DSCN9646-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/DSCN9646-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/DSCN9646-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/DSCN9646-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/DSCN9646-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 441px) 100vw, 441px\" \/>Die gro\u00dfe Ver\u00e4nderung<\/strong><\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Einschnitt kam Anfang der 1970er-Jahre mit dem Bau des Entlastungsgerinnes, dem die Donauwiese und die Hochw\u00e4sser zum Opfer fielen. Allerdings sei, so Sch\u00f6ny, der Wasserstand schon in den 40er-Jahren ein bisschen zur\u00fcckgegangen, durch den Bau des Donau-Oder-Kanals n\u00e4mlich, der wie ein Entw\u00e4sserungsgraben gewirkt h\u00e4tte. <em>\u201eBei mir in der G\u00e4rtnerei hab ich unten immer das Wasser gehabt, aber seit dem Entlastungsgerinne ist das gebannt. Den Wasserspiegel sch\u00e4tze ich seither um einen Meter weniger.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Was wird mit dem ausgedehnten, wunderbar ungeordneten und naturnahen Areal der G\u00e4rtnerei am Naufahrtweg 962 am Ende geschehen? Luxusreihenh\u00e4user?<\/p>\n<p>Kurt Sch\u00f6ny:<br \/>\n<em>\u201eNur 3200 m\u00b2 sind erschlossenes Bauland, der Rest ist Ackergrund, unverbaubar. Wenn ich einmal aufh\u00f6re, lass ich es brach liegen, weil ich will keinen \u00c4rger haben, und bau mir weiter ein paar Blumen an.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong>Fotos: <a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/gerhard-neuhold-mein-zweites-leben-fuer-die-obere-lobau\/\">Gerhard Neuhold<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2019 hatte der damals 87j\u00e4hrige Kurt Sch\u00f6ny die feste Absicht, seine Gro\u00dfg\u00e4rtnerei an der Alten Naufahrt nach mehr als einem halben Jahrhundert f\u00fcr immer zu schlie\u00dfen. Kurz darauf \u00fcberlegte er es sich wieder, wollte einfach nicht die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen und weitermachen, solange ihn die F\u00fc\u00dfe tragen. Kurt Sch\u00f6ny erinnert sich an die Obere Lobau wie sie fr\u00fcher war, an \u00fcppig mit Wasser gef\u00fcllte Gew\u00e4sser und an die paradiesische Donauwiese. 1934 ist er&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":3224,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[145,41],"class_list":["post-3223","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-von-gestern","tag-gerhard-neuhold","tag-ueberschwemmungsgebiet"],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3223","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3223"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3223\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5250,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3223\/revisions\/5250"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3224"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3223"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3223"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3223"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}