{"id":3091,"date":"2019-09-20T13:39:02","date_gmt":"2019-09-20T11:39:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/?p=3091"},"modified":"2019-12-22T22:11:50","modified_gmt":"2019-12-22T21:11:50","slug":"der-letzte-lobau-hirsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/der-letzte-lobau-hirsch\/","title":{"rendered":"Der letzte Lobau-Hirsch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am fr\u00fchen Morgen des 19. September 2019 gelang es dem altgedienten Gro\u00df-Enzersdorfer Tierfotografen <span><a href=\"http:\/\/www.kurt-kracher.at\/\">Kurt Kracher<\/a><\/span>, nach wochenlangen Bem\u00fchungen in der Unteren Lobau endlich einen Hirsch zu fotografieren.<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3093 alignleft\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13558.r02-300x193.jpg\" alt=\"\" width=\"427\" height=\"275\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13558.r02-300x193.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13558.r02-768x495.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13558.r02-174x111.jpg 174w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13558.r02-95x62.jpg 95w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13558.r02.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 427px) 100vw, 427px\" \/>Noch vor wenigen Jahren w\u00e4re ein solches Foto keine besondere Meldung wert gewesen \u2013 die Lobau war voller Rotwild und zur Brunftzeit im Herbst h\u00f6rte man die Hirsche von \u00fcberall her r\u00f6hren. Seit einiger Zeit ist das jedoch nicht mehr der Fall. Der Anblick eines St\u00fccks Rotwild in der Wiener Lobau ist zu einem besonderen Ereignis geworden.<\/p>\n<p>Wohin sind die Hirsche verschwunden und warum?<\/p>\n<p>Die \u00d6sterreichischen Bundesforste, die MA 49 \u2013 Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien und die Nationalpark GmbH\u00a0haben vor kurzem die F\u00e4hrten des Wildes verfolgt und das Nationalparkgebiet mit W\u00e4rmebildkameras befliegen lassen.<\/p>\n<p>Das Ergebnis: In den Donau-Auen \u00f6stlich von Wien sind zirka 1200 bis 1400 St\u00fcck Rotwild beheimatet.<\/p>\n<p>In der Lobau, n\u00f6rdlich der Donau, lebten sie zur Zeit der W\u00e4rmebild\u00fcberwachung mit dem Flugzeug in einer Dichte von sechs bis sieben St\u00fcck pro hundert Hektar. Am gegen\u00fcberliegenden Ufer bei Fischamend hingegen in einer absurd hohen, den Wald sch\u00e4digenden Dichte von mehr als 40 (!) St\u00fcck pro hundert Hektar.<\/p>\n<p>Das Rotwild hat also die Lobau verlassen und ist \u00fcber die Donau nach Fischamend geschwommen.<\/p>\n<p>Das hat mehrere Gr\u00fcnde: Zum einen wird &#8211; um lokal \u00fcberh\u00f6hte Wildst\u00e4nde zu vermeiden und die Vegetation zu sch\u00fctzen &#8211; im Wiener Teil des Nationalparks seit Winter 2014-2015 nicht mehr gef\u00fcttert, zum anderen wird im Gegensatz dazu in einem Jagdpachtrevier in Fischamend seit etlichen Jahren massiv gef\u00fcttert.<\/p>\n<p>Das Rotwild ist demnach \u00fcber die Donau gewechselt, weil es am anderen Ufer bequem verf\u00fcgbares, nahrhaftes Futter in rauen Mengen vorgesetzt bekommt. Abgesehen von der durchaus diskutablen Gesamtzahl des in den Donau-Auen \u00f6stlich von Wien lebenden Rotwildes, ist sichtlich die Ausgewogenheit in der Verteilung verloren gegangen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3094 alignright\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13555.r02-300x195.jpg\" alt=\"\" width=\"421\" height=\"275\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13555.r02-300x195.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13555.r02-768x500.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13555.r02-818x537.jpg 818w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13555.r02-95x62.jpg 95w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/13555.r02.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 421px) 100vw, 421px\" \/>Was f\u00fcr das Verschwinden der Hirsche in der Lobau ebenfalls eine Rolle spielen k\u00f6nnte, ist der zunehmende Stress durch undisziplinierte Nationalpark-Besuche, freilaufende Hunde und fortw\u00e4hrende Bauarbeiten. Wissenschaftler betonen, dass die soziale und \u00f6kologische Tragf\u00e4higkeit der Oberen Lobau bereits am Limit zu sein scheint. Sie d\u00fcrfte mittlerweile von mehr als 1 Million Menschen pro Jahr besucht werden. Auch die Untere Lobau ger\u00e4t zusehends unter Besucherdruck.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Problem f\u00fcr das Wild sind Leute, die sich nicht um das Gesetz scheren, sondern die gekennzeichneten Wege verlassen. Eine Untersuchung hat ergeben, dass Lobauhirsche nur sehr kleine Streifgebiete haben, mit den Menschen aber bisher recht gut umgehen konnten. Weder wiederkehrendes gro\u00dfr\u00e4umiges Ausweichen noch h\u00e4ufiges Fluchtverhalten konnte festgestellt werden. Die Schlussfolgerung daraus: Die Tiere wissen genau, auf welchen Wegen sich Nationalparkbesucher aufhalten und sie ber\u00fccksichtigen das in ihrem Tagesablauf.<\/p>\n<p>Wer die erlaubten Wege verl\u00e4sst, sei es zu Fu\u00df, mit dem Mountain Bike oder gar mit einem Hund, tr\u00e4gt somit zweifellos dazu bei, dass die Wildtiere h\u00e4ufig fl\u00fcchten m\u00fcssen und schlie\u00dflich abwandern.<\/p>\n<p>Laut einer Studie haben etwa zehn Prozent aller Lobau-Besucher Hunde dabei. Obwohl Hunde ausschlie\u00dflich angeleint mitgef\u00fchrt werden d\u00fcrfen, wird dies nur von jedem dritten Hundehalter beachtet. In Wien wird dem mit regelm\u00e4\u00dfigen Kontrollen durch die F\u00f6rster sowie mit Schwerpunktaktionen in Zusammenarbeit mit der Polizei begegnet, die zu Strafgeldern zwischen 20 und 360 Euro \u20ac f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und noch ein weiterer Grund k\u00f6nnte f\u00fcr das Verschwinden der Hirsche ausschlaggebend sein, vermutet zumindest Naturfotograf Kurt Kracher: Die Lobau trocknet aus. Die f\u00fcr das Rotwild essentiellen, versteckten Suhlen zum Schlammbaden verschwinden allm\u00e4hlich und die guten, sicheren, unzug\u00e4nglichen Einst\u00e4nde im Schilf, in die sich die Hirsche bevorzugt zur\u00fcckziehen, werden ebenso immer weniger.<\/p>\n<p>Aus Gew\u00e4ssern wird Schilf, aus Schilf wird trockener Boden, aus der Lobau wird ein Stadtpark. Das widerspricht zwar den Zielen des Nationalparks, die Wiener Politik scheint jedoch trotz dutzender Alarmrufe kein Interesse zu haben, dagegen etwas zu unternehmen.<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<ul>\n<li>B\u00f6hm, Josephin (2016): Grundlagen f\u00fcr die Optimierung des Wildmanagements im Nationalpark Donau-Auen &#8211; Ein Vergleich verschiedener Schutzgebiete unter besonderer Ber\u00fccksichtigung des Managements von Wildruhegebieten, Masterarbeit am Institut f\u00fcr Wildbiologie und Jagdwirtschaft, Universit\u00e4t f\u00fcr Bodenkultur, Wien<\/li>\n<li>Kovacs, Franz Josef (2019): Ergebnisse der Infrarot-Befliegungen zur Ermittlung der Wildtierbest\u00e4nde in den Donau-Auen \u00f6stlich von Wien. Vortrag im Rahmen der Forschungsabende im Nationalparkhaus Wien-Lobau am 11. M\u00e4rz 2019<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am fr\u00fchen Morgen des 19. 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