{"id":2960,"date":"2019-06-21T21:40:05","date_gmt":"2019-06-21T19:40:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/?p=2960"},"modified":"2021-08-07T09:18:55","modified_gmt":"2021-08-07T07:18:55","slug":"das-verlorene-paradies-am-donaustrand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/das-verlorene-paradies-am-donaustrand\/","title":{"rendered":"Das verlorene Paradies am Donaustrand"},"content":{"rendered":"<p><strong>In der Diskussion um die Rettung der austrocknenden Lobau, um Grill- und Beachvolleyball-Pl\u00e4tze auf der Donauinsel, um nicht angeleinte Hunde und um einen Autobahntunnel unter dem Nationalpark geht Schritt f\u00fcr Schritt verloren, was es eigentlich zu bewahren gilt: den Zauber einer verschwundenen Landschaft, die einst das linke Ufer der Wiener Donau s\u00e4umte und nachhaltig die Seelen jener ber\u00fchrte, die noch das Gl\u00fcck hatten, sie erleben zu k\u00f6nnen. Diese Landschaft war bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts, bis zum Bau der Donauinsel, das <span><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/das-sagenhafte-ueberschwemmungsgebiet\/\">\u00dcberschwemmungsgebiet<\/a><\/span>, von den meisten kurzerhand &#8220;Lobau&#8221; genannt. Das \u00dcberschwemmungsgebiet war die letzte \u201ewirkliche\u201c Au, es war der Wiener sch\u00f6nstes Erholungsland und ein Naturparadies ohnegleichen. Es ist der Donauinsel gewichen. Nun besteht nur noch ein Abglanz davon: die vom Strom l\u00e4ngst abgeschnittene Lobau. Sie l\u00e4sst zumindest erahnen, wie es einmal gewesen sein muss.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_2961\" aria-describedby=\"caption-attachment-2961\" style=\"width: 163px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Franz-Antonicek-2013-FOTO-BARBARA-ANTONICEK.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2961\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Franz-Antonicek-2013-FOTO-BARBARA-ANTONICEK-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"163\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Franz-Antonicek-2013-FOTO-BARBARA-ANTONICEK-217x300.jpg 217w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Franz-Antonicek-2013-FOTO-BARBARA-ANTONICEK.jpg 466w\" sizes=\"auto, (max-width: 163px) 100vw, 163px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2961\" class=\"wp-caption-text\">Franz Antonicek<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>\u201eDas \u00dcberschwemmungsgebiet, das war ein Paradies. Da hat man Hirsche gesehen, hat man Reiher fischen gesehen, eine Wildnis, ein vom Hochwasser und vom Strom ununterbrochen \u00fcberschwemmtes Gebiet, wo Graben ausgehoben worden sind, wo B\u00e4ume gewachsen sind, kreuz und quer, ohne kultiviert zu sein.\u201c<\/em>, schw\u00e4rmte der 2016 verstorbene Naturfotograf <a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/franz-antonicek-der-waldlaeufer-mit-der-kamera\/\"><span>Franz Antonicek<\/span><\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/biografie-der-streitbare-umweltschuetzer-anton-klein\/\"><span>Anton Kleins<\/span><\/a> Sehnsucht nach dem Urspr\u00fcnglichen war mindestens ebenso gro\u00df. Der Gr\u00fcnder des Lobaumuseums erinnerte sich: <em>\u201eDas \u00dcberschwemmungsgebiet war f\u00fcr mich das Robinson-Land, in dem alle W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume in Erf\u00fcllung gegangen sind.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und weiter: <em>\u201eIm \u00dcberschwemmungsgebiet haben Sie Zelte aufstellen k\u00f6nnen, Fu\u00dfball spielen, alles. Dann ist die n\u00e4chste \u00dcberschwemmung gekommen. Jedes Mal wenn Du nach einer \u00dcberschwemmung hingekommen bist, war die Landschaft anders.\u201c<\/em><\/p>\n<p>In seiner autobiographischen Erz\u00e4hlung <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Str%C3%B6mung-Erz%C3%A4hlung-Transfer-Bibliothek-Kubaczek\/dp\/3852561620\"><span>\u201eStr\u00f6mung\u201c<\/span><\/a> beschreibt der Schriftsteller <a href=\"http:\/\/www.literaturport.de\/Martin.Kubaczek\/\"><span>Martin Kubaczek<\/span><\/a> eine Kindheit in den Weiten des Floridsdorfer \u00dcberschwemmungsgebietes. Seine Beschreibungen versetzen einen mitten hinein in jene wunderbare, wilde Welt. Man meint das Donauwasser riechen zu k\u00f6nnen, den Wind zu sp\u00fcren, die Pappeln rauschen zu h\u00f6ren. Es waren die 1960er-Jahre. Noch wurde die Donau nicht durch ein Kraftwerk aufgehalten. \u00dcberschwemmungen geh\u00f6rten zum Jahresverlauf:<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/\u00fcberschwemmungsgebiet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2967\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/\u00fcberschwemmungsgebiet-300x203.jpg\" alt=\"\" width=\"321\" height=\"217\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/\u00fcberschwemmungsgebiet-300x203.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/\u00fcberschwemmungsgebiet-768x519.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/\u00fcberschwemmungsgebiet-1024x692.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/\u00fcberschwemmungsgebiet.jpg 1495w\" sizes=\"auto, (max-width: 321px) 100vw, 321px\" \/><\/a>\u201eDas Wasser kam von nirgendwo her. Das Wasser kam aus der Erde. Nebenan str\u00f6mten ungeheure Wassermassen, eine viele hundert Meter breite Ausdehnung, wenn die Donau \u00fcber die Ufer getreten war. \u201eDie Donau tritt \u00fcber die Ufer!\u201c \u2013 Dies war ein Ausdruck von Schrecken, und welche Begeisterung in dieser Furcht, die uns sofort die R\u00e4der schnappen und hinausfahren lie\u00df!&#8221;<\/em><\/p>\n<p><em>&#8220;\u00dcber der \u00dcberschwemmungsfl\u00e4che trieb das Wasser langsam, aber auf der dr\u00fcberen Seite, drau\u00dfen am Strom, jagte das Wasser in der Mitte der Str\u00f6mung in \u00fcberst\u00fcrzenden Wellen bergab. Dort sp\u00fcrte man noch das Gef\u00e4lle des Gebirgsflusses, dort sah man die Gewalt des andr\u00e4ngenden Wassers.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Donauwiese, wie das \u00dcberschwemmungsggebiet auch genannt wurde, war mit Trampelpfaden und Fahrradspuren vernetzt &#8211; ohne beh\u00f6rdliche Projektentwicklung, ohne verordnete Sicherheitsabst\u00e4nde und ohne Verbotstafeln. Martin Kubaczek:<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/2-Juli-1977-Urhebernennung-TARS631-WIKIMEDIA-COMMONS-Bereich_Floridsdorferbr\u00fccke_noch_bestehendes_\u00dcberschwemmungsgebiet.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2971\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/2-Juli-1977-Urhebernennung-TARS631-WIKIMEDIA-COMMONS-Bereich_Floridsdorferbr\u00fccke_noch_bestehendes_\u00dcberschwemmungsgebiet-300x198.jpg\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"211\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/2-Juli-1977-Urhebernennung-TARS631-WIKIMEDIA-COMMONS-Bereich_Floridsdorferbr\u00fccke_noch_bestehendes_\u00dcberschwemmungsgebiet-300x198.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/2-Juli-1977-Urhebernennung-TARS631-WIKIMEDIA-COMMONS-Bereich_Floridsdorferbr\u00fccke_noch_bestehendes_\u00dcberschwemmungsgebiet-768x507.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/2-Juli-1977-Urhebernennung-TARS631-WIKIMEDIA-COMMONS-Bereich_Floridsdorferbr\u00fccke_noch_bestehendes_\u00dcberschwemmungsgebiet-1024x676.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/2-Juli-1977-Urhebernennung-TARS631-WIKIMEDIA-COMMONS-Bereich_Floridsdorferbr\u00fccke_noch_bestehendes_\u00dcberschwemmungsgebiet-818x537.jpg 818w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/2-Juli-1977-Urhebernennung-TARS631-WIKIMEDIA-COMMONS-Bereich_Floridsdorferbr\u00fccke_noch_bestehendes_\u00dcberschwemmungsgebiet-95x62.jpg 95w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/2-Juli-1977-Urhebernennung-TARS631-WIKIMEDIA-COMMONS-Bereich_Floridsdorferbr\u00fccke_noch_bestehendes_\u00dcberschwemmungsgebiet.jpg 1052w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/a>\u201eDiese Bahnen und Spuren, die in der L\u00e4nge und Diagonale, querend und kreuzend die Fl\u00e4che durchzogen, das sind die Festschreibungen von Leben. Das ist, wo die Leute wirklich gehen, keine in irgendwelchen B\u00fcros geplanten Wege, sondern zustande gekommene, jeder Weg hat sein Ziel: Angelpl\u00e4tze, Badebuchten, Imbi\u00dfbuden auf der Flu\u00dfseite; Baumgruppen mit Schatten, Liegepl\u00e4tze, Treppen und schr\u00e4ge Auffahrten als \u00dcberg\u00e4nge auf der Dammseite.<br \/>\n<\/em><em><br \/>\nUnd die L\u00e4ngswege: am Ufer entlang, am Damm entlang. Dazwischen die Bombentrichter, buschbestanden, in denen, hinter Buschwerk versteckt, nackt die Sonnenanbeter lagen; fr\u00fch kamen sie, sie hatten ihre Stammpl\u00e4tze, und am sp\u00e4ten Nachmittag zogen sie wieder heim, Decken unter dem Arm, Tragetaschen mit kleinen Transistorradios, Thermoskannen, Gurkengl\u00e4sern, Illustrierten und R\u00e4tselheften.<\/p>\n<p>Sie hinterlie\u00dfen kleine Nester, wo das Gras vom Herumrollen niedergedr\u00fcckt war unter den Decken und Matten; rundum standen die Halme hoch auf, bildeten eine sch\u00fctzende, schaukelnde Wand. Legt man sich in diese von fremden K\u00f6rpern ausgedr\u00fcckten Mulden, sah man nichts als den Himmel, ferne wei\u00dfe Wolken zogen dar\u00fcber hin.\u201c<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2963 alignright\" src=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Konrad_Lorenz_photo_from_the_Nobel_Foundation_archive-1973-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"166\" height=\"249\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Konrad_Lorenz_photo_from_the_Nobel_Foundation_archive-1973-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Konrad_Lorenz_photo_from_the_Nobel_Foundation_archive-1973.jpg 464w\" sizes=\"auto, (max-width: 166px) 100vw, 166px\" \/><\/p>\n<p>Auch der in den l\u00e4ngst zerst\u00f6rten Auw\u00e4ldern n\u00f6rdlich von Wien aufgewachsene Nobelpreistr\u00e4ger <a href=\"https:\/\/klf.univie.ac.at\/de\/forschung\/chronik\/konrad-lorenz\/\"><span>Konrad Lorenz<\/span><\/a> hat die Magie der freien Donau und der echten Donauwildnis in Worte gefasst.<\/p>\n<p>Es gelang ihm, das Wesen dieser Landschaft gewisserma\u00dfen in einen einzigen Gedanken zu fassen:<\/p>\n<p><em>\u201eWenn ich an einem hei\u00dfen Sommertage \u00fcber die Donau schwimme und dann, tief in den Auen, an einem vertr\u00e4umten Arm des gro\u00dfen Stromes wie ein Krokodil im Schlamm liege, in einer Urlandschaft, in der nicht das geringste Anzeichen auf die Existenz menschlicher Zivilisation deutet, gelingt es mir manchmal, ein Wunder zu vollbringen: <\/em><\/p>\n<p><em>Ohne da\u00df ich etwa einschliefe, l\u00f6st sich mein Denken in der umgebenden Natur auf, die Zeit steht still, sie bedeutet nichts mehr, und wenn die Sonne sinkt, die Abendk\u00fchle zur Heimkehr mahnt, wei\u00df ich nicht, ob Sekunden oder Jahre vergangen sind.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<ul>\n<li>Lorenz, Konrad (1949): &#8220;So kam der Mensch auf den Hund&#8221;, Kapitel: &#8220;Hundstage&#8221;, Verlag Dr. G. Borotha-Schoeler<\/li>\n<li>Kubaczek, Martin (2001): <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Str%C3%B6mung-Erz%C3%A4hlung-Transfer-Bibliothek-Kubaczek\/dp\/3852561620\"><span>&#8220;Str\u00f6mung&#8221;<\/span><\/a>, Folio Verlag<\/li>\n<li>Antonicek, Franz (1992): Audio-Interview mit Herbert Schneider (unver\u00f6ffentlicht)<\/li>\n<li>Klein, Anton (2006): Audio-Aufzeichnung von Manfred Christ<\/li>\n<\/ul>\n<p>Fotos:<\/p>\n<p>Barbara Antonicek, Herbert Schneider, Wikimedia Commons (Nobel Foundation Archive 1973, TARS 631)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Diskussion um die Rettung der austrocknenden Lobau, um Grill- und Beachvolleyball-Pl\u00e4tze auf der Donauinsel, um nicht angeleinte Hunde und um einen Autobahntunnel unter dem Nationalpark geht Schritt f\u00fcr Schritt verloren, was es eigentlich zu bewahren gilt: den Zauber einer verschwundenen Landschaft, die einst das linke Ufer der Wiener Donau s\u00e4umte und nachhaltig die Seelen jener ber\u00fchrte, die noch das Gl\u00fcck hatten, sie erleben zu k\u00f6nnen. 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