{"id":1064,"date":"2017-05-14T22:42:30","date_gmt":"2017-05-14T20:42:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/?p=1064"},"modified":"2025-10-18T12:27:46","modified_gmt":"2025-10-18T10:27:46","slug":"das-sagenhafte-ueberschwemmungsgebiet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/das-sagenhafte-ueberschwemmungsgebiet\/","title":{"rendered":"Das sagenhafte \u00dcberschwemmungsgebiet"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Lobau reichte einst \u00fcber das die Donau begleitende <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wiener_Donauregulierung\"><span style=\"color: #3366ff;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00dcberschwemmungsgebiet <\/span><\/span><\/a>bis nach <span style=\"color: #3366ff;\"><a style=\"color: #3366ff;\" href=\"http:\/\/www.kaisermuehlen.eu\/\"><span style=\"color: #000000;\">Kaiserm\u00fchlen<\/span><\/a><\/span> hinein. Anfang der 1970er-Jahre fiel diese vielgeliebte und besungene \u201eDonauwies\u2019n\u201c dem Bau des <a href=\"https:\/\/www.geschichtewiki.wien.gv.at\/Neue_Donau\"><span style=\"color: #3366ff;\"><span style=\"color: #000000;\">Entlastungsgerinnes <\/span><\/span><\/a>zum Opfer.<\/strong><\/p>\n<p>Das im Zuge der Donaubegradigung zwischen 1870 und 1875 entstandene \u00dcberschwemmungsgebiet (seinerzeit die wahre &#8220;Lobau&#8221;) war f\u00fcr die Wiener ein leicht erreichbarer Erholungsraum, ein Badegebiet und ein Abenteuerspielplatz. Es bot \u00fcberdies die M\u00f6glichkeit, Fu\u00dfball-Matches auszutragen, gro\u00dfe Segel- und kleine Modellflugzeuge zu steuern und Drachen steigen zu lassen.<\/p>\n<p>Wer es gem\u00fctlicher angehen wollte, fand schattige Gastst\u00e4tten, wo man unter alten B\u00e4umen ein Kr\u00fcgerl genie\u00dfen konnte. Mindestens einmal im Jahr wurde die Donauwies\u2018n vom Hochwasser \u00fcberschwemmt und auf diese Weise ma\u00dfvoll ver\u00e4ndert. Bei den J\u00e4gern galt sie als bestes \u00f6sterreichisches Niederwildrevier. Es gab Hasen, Fasane und Rebh\u00fchner ohne Ende.<\/p>\n<p>Und f\u00fcr Kinder war die &#8220;Lobau&#8221; ohne Zweifel Wiens wunderbarstes Streifgebiet. <a href=\"https:\/\/www.kaisermuehlen.eu\/J5\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=112&amp;Itemid=454\">Der Kaiserm\u00fchlner Walter Benes hielt dies in der Niederschrift seiner Erinnerungen fest<\/a>: &#8220;<em>Mit dem Fahrrad war ich so mobil, dass es m\u00f6glich war, sogar in die Lobau zu fahren. H\u00f6hepunkte waren bei Hochwasser Furtdurchquerungen. Dabei war es das Ziel, die Furt zu durchfahren, ohne ins Wasser steigen zu m\u00fcssen. Es war nicht immer einfach, da der Boden meist schottrig und weich war, und so wurden Wetten abgeschlossen, wer am weitesten kam, ohne abzusteigen. Nass waren wir auf alle F\u00e4lle.<\/em>&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_1066\" aria-describedby=\"caption-attachment-1066\" style=\"width: 461px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Anfang-Juli-1975-MICHAEL-PEKAR.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1066\" src=\"http:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Anfang-Juli-1975-MICHAEL-PEKAR.jpg\" alt=\"\" width=\"461\" height=\"299\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Anfang-Juli-1975-MICHAEL-PEKAR.jpg 3316w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Anfang-Juli-1975-MICHAEL-PEKAR-300x195.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Anfang-Juli-1975-MICHAEL-PEKAR-768x498.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Anfang-Juli-1975-MICHAEL-PEKAR-1024x664.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Anfang-Juli-1975-MICHAEL-PEKAR-95x62.jpg 95w\" sizes=\"auto, (max-width: 461px) 100vw, 461px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1066\" class=\"wp-caption-text\">Donauhochwasser Juli 1975, Blick vom 2. Bezirk &nbsp;(Foto: Michael Pekar)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auch f\u00fcr Anton Klein, den Begr\u00fcnder des Lobaumuseums, war das \u00dcberschwemmungsgebiet einzigartig und unvergleichlich:<\/p>\n<p><em>\u201eDie richtige Lobau, das war das \u00dcberschwemmungsgebiet, das war die letzte Au. Die Leute haben bis heute das Einfachste nicht begriffen: dass die Lobau seit 1875 keine Au mehr ist! Im \u00dcberschwemmungsgebiet haben Sie Zelte aufstellen k\u00f6nnen, alles. Dann ist die \u00dcberschwemmung gekommen und alles war wieder leiwand, das ist alles kostenlos beseitigt worden. Jedes Mal nach einer \u00dcberschwemmung war die Landschaft anders.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auf der Donauwies&#8217;n gab es auch zahlreiche stehende Gew\u00e4sser, Donau-Altarme mit typisch wienerischen Namen: Zinkabachl, Eisenbahnerlacke, Zillbauer Hagel, Toter Grund, Neum\u00fcller Hagl, Rollerwasser.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte und bekannteste dieser Donau-Altarme war das St\u00fcrzlwasser bzw. die St\u00fcrzllacke &#8211; die durch den Kaiserm\u00fchlendamm abgeschnittene Fortsetzung der Alten Donau, benannt nach dem <span style=\"color: #3366ff;\"><a href=\"https:\/\/www.kaisermuehlen.eu\/J5\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=217:neues-altes-foto-gasthaus-kolar-st%C3%BCrzl&amp;catid=9&amp;Itemid=160\">Kaiserm\u00fchlner Gastwirt Georg St\u00fcrzl<\/a>,<\/span> der dort ein Wirtshaus betrieb.<\/p>\n<p>Am St\u00fcrzlwasser hatten zahlreiche Vereine ihre Strandb\u00e4der. Ab 1957 der Turnverein Alsergrund, ab 1905 der Erste Wiener Donauschwimmclub, ab 1924 der Naturheilverein, ab 1926 der Deutsch-\u00d6sterreichische Jugendbund.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1067\" aria-describedby=\"caption-attachment-1067\" style=\"width: 466px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/st\u00fcrzlwasser-HERBERT-SCHNEIDER.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1067\" src=\"http:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/st\u00fcrzlwasser-HERBERT-SCHNEIDER.jpg\" alt=\"\" width=\"466\" height=\"310\" srcset=\"https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/st\u00fcrzlwasser-HERBERT-SCHNEIDER.jpg 2063w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/st\u00fcrzlwasser-HERBERT-SCHNEIDER-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/st\u00fcrzlwasser-HERBERT-SCHNEIDER-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/st\u00fcrzlwasser-HERBERT-SCHNEIDER-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.lobaumuseum.wien\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/st\u00fcrzlwasser-HERBERT-SCHNEIDER-95x62.jpg 95w\" sizes=\"auto, (max-width: 466px) 100vw, 466px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1067\" class=\"wp-caption-text\">St\u00fcrzlwasser (Foto: Herbert Schneider)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das St\u00fcrzlwasser galt auch als erstklassiges Angelrevier. Das Wasser war in Ufern\u00e4he seicht, man musste den K\u00f6der sehr weit hinaus in eine tiefe Rinne werfen, um mit Erfolg rechnen zu k\u00f6nnen. Mit gekochten Erd\u00e4pfeln und Teig gelang es, kapitale Karpfen zu fangen. In den N\u00e4chten waren die Fischer auf der Jagd nach Zandern.<\/p>\n<p>Wer nach einem guten Angelplatz fahndete, hatte die Wahl zwischen dem aus Schotter bestehenden Ufer entlang des Kaiserm\u00fchlendammes oder dem sandigen Ufer an der Seite der Donau. Auf der H\u00f6he der heutigen Praterbr\u00fccke hatte das St\u00fcrzlwasser eine schmale Verbindung zum Strom \u2013 was den Fischen die Gelegenheit bot, vom flie\u00dfenden Wasser in den Altarm und wieder retour zu wechseln. Dazu kamen die j\u00e4hrlichen Hochw\u00e4sser, die das St\u00fcrzlwasser und alle anderen Gew\u00e4sser des \u00dcberschwemmungsgebietes verl\u00e4sslich mit frischen Donaufischen versorgten.<\/p>\n<p>Als Angler-Paradies war das &#8220;St\u00fcrzl&#8221; sogar in Deutschland bekannt. Die in Hamburg erscheinende Fachzeitschrift <a href=\"https:\/\/fischundfang.de\/\">&#8220;Fisch und Fang&#8221;<\/a> berichtete zum Beispiel im Mai 1971, dass hier ein mehr als eineinhalb Kilogramm schwerer Aal erbeutet wurde und in den ersten Apriltagen des Jahres auf einem K\u00f6der aus Maisteig ein zehn Kilogramm schwerer Karpfen. Zu dieser Zeit wurde gerade die vierte Wiener Donaubr\u00fccke (Praterbr\u00fccke) errichtet.<\/p>\n<p>&#8220;Fisch und Fang&#8221; schrieb: <em>&#8220;Zu bemerken w\u00e4re noch, dass die meisten F\u00e4nge in unmittelbarer N\u00e4he der neuen Donaubr\u00fccke get\u00e4tigt wurden. Man hatte allgemein angenommen, dass durch die Gro\u00dfbaustelle das Wasser dort auf lange Zeit fischleer sein w\u00fcrde. Aber die guten Ergebnisse bewiesen das Gegenteil.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Im Oktober 1971 schrieb &#8220;Fisch und Fang&#8221; schlie\u00dflich: <em>&#8220;Und dieses sch\u00f6ne Wasser mit seiner gro\u00dfen Tradition soll nun beim Bau des neuen Hochwasserkanals zugesch\u00fcttet werden. Man kann es fast nicht glauben.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Die Arbeiten zum Bau des Entlastungsgerinnes und der Donauinsel begannen am 1. M\u00e4rz 1972. Anton Klein k\u00e4mpfte vergeblich dagegen an. Im selben Jahr ver\u00f6ffentlichte er in der Juni\/Juli-Ausgabe seiner Zeitschrift \u201eDas Steckenpferd\u201c einen kritischen Artikel unter dem Titel \u201eSpatenstich zur Zerst\u00f6rung des \u00dcberschwemmungsgebietes\u201c:<\/p>\n<p><em>\u201eDie paradiesische Nat\u00fcrlichkeit des einstigen \u00dcberschwemmungsgebietes h\u00e4tte zum Wohle kommender Generationen bewahrt werden k\u00f6nnen. Wien w\u00e4re die im Donauwalzer von Johann Strau\u00df verewigte, einzigartige Dschungelstadt geblieben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>An der Stelle des sagenhaften St\u00fcrzlwassers verlaufen heute die hoch aufgesch\u00fcttete, trockene Donauinsel, das hart verbaute Entlastungsgerinne und die sechsspurige Donauuferautobahn &#8211; \u00fcberquert von der achtspurigen S\u00fcdost-Tangente.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehr \u00fcber Geschichte und G&#8217;schichtln von Kaiserm\u00fchlen auf der Website des &#8220;Gr\u00e4tzlhistorikers&#8221; Norbert Kainc&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.kaisermuehlen.eu\/J5\/\"><span style=\"color: #000000;\">http:\/\/www.kaisermuehlen.eu\/<\/span><\/a><\/p>\n<p>Titelfoto: Herbert r \/ Wikimedia Commons (Juni 1964)<br \/>\nLiteratur: &#8220;Fisch und Fang&#8221;<br \/>\nJahrgang 12, Heft 5, 15. Mai 1971 (Seite 163), Heft 10, 16. Oktober 1971 (Seite 355)<br \/>\nJahrgang 13, Heft 8, 12. August 1972 (Seite 487)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Lobau reichte einst \u00fcber das die Donau begleitende \u00dcberschwemmungsgebiet bis nach Kaiserm\u00fchlen hinein. Anfang der 1970er-Jahre fiel diese vielgeliebte und besungene \u201eDonauwies\u2019n\u201c dem Bau des Entlastungsgerinnes zum Opfer. Das im Zuge der Donaubegradigung zwischen 1870 und 1875 entstandene \u00dcberschwemmungsgebiet (seinerzeit die wahre &#8220;Lobau&#8221;) war f\u00fcr die Wiener ein leicht erreichbarer Erholungsraum, ein Badegebiet und ein Abenteuerspielplatz. 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