Lobau verdurstet wegen rätselhafter Keller

Stellt man informierten Mitarbeitern der Stadt Wien die Frage, warum nicht mehr Wasser aus der Alten und der Neuen Donau über das Mühlwasser in die Lobau gespeist wird, erhält man die Antwort, dass dies nicht möglich sei, weil dann Keller von Wohnhäusern überschwemmt würden und die Stadt dies bezahlen müsste. Und das sei auch schon vorgekommen. Und da könne man nichts machen. 

Seit Jahren rätseln wir, wann und wo dies nun tatsächlich geschehen sei: Wie viele Keller sind es, die im Zuge der Dotation der Oberen Lobau aus der Alten und Neuen Donau bereits im Wasser versunken sind? Und wie viele andere wären in Gefahr, bei verstärkter Bewässerung der Oberen Lobau dieses Schicksal zu teilen?

Anfangs dachten wir an Hunderte. Um es kurz zu machen: Die Aussagen wissender Vertreter der Behörden schwanken zwischen zwei und acht Kellern, die im Rahmen einiger Versuche, verstärkt Donauwasser in die Lobau einzuspeisen, mutmaßlich durch Wassereintritt beeinträchtigt wurden.

Zwei bis acht Keller! Die theoretisch anfallenden Kosten der Entfeuchtung oder Abdichtung von zwei bis acht Kellern verhindern also die Revitalisierung und damit die Rettung der Lobau.

Wir haben nachgeforscht, wo diese bedrohten Keller wohl liegen könnten und wie viele es tatsächlich sind. Das Ergebnis ist erstaunlich.

Dotation Lobau: Überleitungsbauwerk Neue Donau – Alte Donau

Aber ganz von Anfang an:

Der Weg des lebensspendenden Dotationswassers führt, abhängig vom gewählten Zufluss, aus der Alten oder der Neuen Donau über den sogenannten Hebergraben ins Mühlwasser und von dort bis hinein in den Nationalpark.

Das begann am 5. Juni 1992, als die Lobau erstmals über einen Zeitraum von fünf Wochen mit Oberflächenwasser aus der Neuen Donau bewässert wurde. Geplant war, über drei Jahre hinweg – laut Genehmigung bis 31. Dezember 1995 – „vorwiegend im Frühjahr und im Frühsommer bis zu 500 Liter Wasser pro Sekunde von der Neuen in die Alte Donau und von dort über das Mühlwasser in die Obere Lobau“ fließen zu lassen und damit „das bestehende Altarmsystem neu zu beleben und zu vernetzen.

Schon beim ersten Versuch wurde die Wasserzufuhr allerdings auf 280 Liter pro Sekunde beschränkt. Mehr ließen die für die Bewilligung dieses „wasserwirtschaftlichen Versuches“ aufgestellten Kriterien nicht zu.

Eines davon: „Die Dotation ist unverzüglich einzustellen, wenn und solange der Wasserstand im Tischwasser die Marke von 153,55 m über Adria (Marke 162cm am Pegel P 19) überschreitet.“ Diese aufgrund ungenannter Überlegungen aufgestellte Marke von 153,55 gehört zu den entscheidenden Hindernissen, die bis heute einer ausreichenden Wasserversorgung der Lobau im Wege stehen.

Die eingeschränkte Menge von 280 Litern pro Sekunde reichte 1992 dennoch aus, um die stadtnäheren zwei Drittel der Oberen Lobau zu erreichen. Der Grundwasserspiegel konnte bis zu 75 Zentimeter angehoben werden (Höhe Saltenstraße). Daraus zog man den Schluss, dass wohl mit 1500 Litern pro Sekunde „die gesamte Lobau nennenswert revitalisierbar wäre“.

Bei mehr als 1500 Litern pro Sekunde hatten die Wissenschaftler Bedenken. Eine so starke Entnahme aus der Neuen Donau würde dort zu einer Erhöhung des Nährstoffgehalts und somit zu Algenblüten und Wassertrübung führen.

Was in der Folge geschah, liegt im Dunklen. Das Wasser aus der Neuen/Alten Donau dürfte in überschaubarer Menge weiterhin ins Mühlwasser geplätschert zu sein.

Von 2001 bis 2004 fand dann neuerlich ein Versuch statt, Wasser verstärkt – laut Bescheid wieder maximal 500 Liter pro Sekunde – in die Lobau zu schicken. Die Erkenntnisse waren vielfältig, unter anderem:

  • Die ökologischen Untersuchungen zeigen eine positive Wirkung auf den Nährstoffhaushalt des Mühlwassers.
  • An manchen Gewässerabschnitten musste die Dotation 2002 wegen erhöhten Nährstoffgehalts dennoch mehrmals gedrosselt werden.
  • Ab einer Dotation mit Wassermengen über 250 Litern pro Sekunde werden sogenannte Grenzwasserstände erreicht. Der Grund dafür wären Anlandungen in den Altarmen, die zu Stauen führten – was den Wasserstand über eine gesetzte Grenze erhöhen würde. (Siehe Pegel „Tischwasser“ 1992)

Es dürfte in Summe alles recht gut ausgesehen haben, denn im Jahr 2005 erhielt die engagierte Magistratsabteilung 45 (Wiener Gewässer) eine wasserrechtliche Bewilligung, die Obere Lobau bis 2015 aus der Neuen Donau oder aus der Alten Donau in den Sommermonaten im Höchstausmaß von 1500 Litern pro Sekunde zu dotieren. Damit, so schien es, würde nun die Obere Lobau endlich wieder zum Leben erweckt werden können.

Vorgesehene Maßnahmen dafür waren unter anderem:

* Absenkung (ausbaggern) von Hindernissen („Hochpunkten“) in den Altarmen
* wöchentliche Wasserstandsmessungen
* laufende Kontrollen, eventuell notwendige Baumaßnahmen

Sowie:

* Bau- und Sanierungsmaßnahmen an tiefen Kellern im betroffenen Gebiet
* Erhebung und Vermessung von über 100 tiefen Kellern

Ob die Maßnahmen hinsichtlich der Keller wirklich durchgeführt wurden, ist nicht bekannt. Aus dem ambitionierten Einspeisen von 1500 Litern pro Sekunde ist jedenfalls nichts geworden. Denn in all den Jahren beschränkte man die Durchschnittsmenge des aus der Alten/Neuen Donau abfließenden Wassers im Schnitt auf magere 200 bis 350 Liter pro Sekunde. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben.

Der Wasserbauer Harald Gerstl hält in seiner Doktorarbeit fest:

Kellervernässungen sind durch die Dotation trotz der teilweisen Überschreitungen der Grenzwasserstände nicht aufgetreten.“ Und: „Die Ergebnisse zeigten deutlich, dass durch die Dotation weder eine Verschlechterung der Wasserqualität in den Altarmen oder im Grundwasser, noch eine Mobilisierung von Schadstoffen aus Altlasten oder Verdachtsflächen zu beobachten war.

Wenig Wasser scheint also zu funktionieren, ausreichend Wasser nicht.
Womit wir wieder bei den gefährdeten Kellern und den „Grenzwasserständen“ wären.

Der Grund für die Selbstbeschränkung der Wasserbauer ist eine „Betriebsordnung“, die „zum Schutz der umliegenden Gemeinden bei Überschreitung von Grenzwasserständen (Anm.: die  modellhaft ermittelt wurden) sowie bei Überschreitung chemischer oder hygienischer Grenzwerte“ einen Abbruch der Wassereinspeisung vorsieht.

Zwischen Alter Donau und Groß-Enzersdorf werden wöchentlich an 30 Stellen Gewässerpegel- und Grundwasserstandsmessungen vorgenommen. Erlaubt sich das Wasser, ein paar Zentimeter über den anhand von Modellen berechneten „Grenzwasserstand“ zu steigen, wird der Hahn zugedreht. (z.B. Tischwasser Marke 153,55 m über Meeresspiegel)

Dies geschieht, um „damit verbundene nachteilige Auswirkungen auf vorhandene Bauobjekte wie z.B. tiefliegende Keller“ zu verhindern. Was dazu geführt hat, dass bis heute aus Vorsichtsgründen nur kärgliche Mengen Wasser aus Alter und Neuer Donau in Richtung Lobau fließen.

In einem Bericht der MA 45 liest sich das so: „Allerdings sind auf Grund der quantitativen Abbruchkriterien in der Oberen Lobau nur Dotationsmengen bis maximal 350 l/s erreicht worden.

Aufgrund der quantitativen Abbruchkriterien“ = wegen der Keller.

Wo sind diese gefährdeten Keller? Wessen Keller liegen so tief, dass sie bei der versuchsweisen Einspeisung etwas größerer Wassermengen überflutet wurden? Durften diese Keller überhaupt im Einflussbereich der Gewässer errichtet werden? Um wie viele Keller handelt es sich, dass ihre Sicherung und eine eventuelle Haftung der Stadt Wien so enorme Kosten verursachen würden, dass die Lobau nicht vor dem Austrocknen bewahrt werden kann?

Wir haben sie nicht gefunden.

Unser Vereinskollege Peter Appelius hat mit Hilfe von Freunden und Bekannten im Laufe von Wochen mehr als fünfzig Anrainer befragt – von der Alten Donau bis hinab nach Groß-Enzersdorf –  und vor allem dort, wo die Häuser relativ knapp am Wasser liegen und man am ehesten Wassereintritt vermuten könnte.

Am Oberen Mühlwasser, entlang des Schilfwegs zum Beispiel, kann sich in den vergangenen 30 bis 50 Jahren niemand an ein Hochwasser erinnern – und schon gar nicht an eine Beeinträchtigung durch eine künstliche Anhebung des Wasserstandes aufgrund einer Einspeisung aus der Alten/Neuen Donau. Dementsprechend gab es auch keine Kellerschäden. Viele Häuser besitzen gar keine Keller, andere, vor allem neu erbaute Wohnhäuser, haben sie abgedichtet.

Angeblich soll es im Bereich Stadlau „vor vielen Jahren“ dennoch einige Keller mit Wassereintritt gegeben haben. Diese wären aber – so wird erzählt – Folgen fehlerhafter Baugenehmigungen durch die Stadt Wien gewesen und seien deshalb auf Gemeindekosten saniert worden.

Nach langem Suchen hat Peter Appelius am Ende einen einzigen Keller ausfindig machen können, der in naher Vergangenheit einmal unter Wasser gestanden ist. Er liegt im Bereich der Esslinger Furt und ist im Grunde hervorragend abgedichtet. Beim verheerenden Hochwasser 2002 war jedoch der Druck des Grundwassers so groß, dass der Keller 30 Zentimeter hoch geflutet wurde. Der Besitzer führt das darauf zurück, dass damals in der Unteren Lobau die Wehranlage bei der Gänshaufentraverse nicht zeitgerecht geöffnet wurde und sich der Grundwasserdruck auf diese Weise erst so richtig aufgebaut hätte.

Dieser Fall hat natürlich erstens nichts mit der Dotation aus der Alten/Neuen Donau zu tun und zweitens scheint er ein wahrlich außergewöhnliches Ereignis gewesen zu sein. Ein anderer Anrainer kommentiert das so: „Ich wohne seit 65 Jahren bei der Esslinger Furt. Habe noch nie von Grundwasser im Keller gehört.

Fazit: Die Stadt Wien leitet seit 27 Jahren aus der Alten und der Neuen Donau über das Mühlwasser nur äußerst geringe Wassermengen in die Lobau, obwohl es technisch und ökologisch möglich wäre, wesentlich mehr einzuspeisen. In erster Linie geschieht das anscheinend, weil die Stadt Angst hat, Wohnkeller zu überfluten und dafür bezahlen zu müssen. Angeblich sei das bei den vielen Probeläufen irgendwann einmal auch schon passiert – vermutlich bei zwei Kellern, eventuell sogar bei sieben bis acht Kellern.

Man kann es kaum glauben.

Nachtrag:

Im Augenblick bereitet die Magistratsabteilung 45 – Wiener Gewässer eine zusätzliche Einspeisung von der Neuen Donau in die Panozzalacke vor. Zu diesem Zweck wird ein Durchstich mit einem ein Meter starken Rohr unter der Raffineriestraße errichtet. Das Dotationswasser soll den Fasangartenarm bis zum Tischwasser fluten, hinein in den Markethäufelgraben bis zum Oberleitnerwasser. Der Nationalpark Donau-Auen erwartet sich dabei (siehe Jahresprogramm 2009) „wesentlich geringere Probleme mit tief liegenden Kellern.

Quellen:

  • Schiel, Werner (1993): Quantitative Auswirkungen der 1. Dotierung (1992) im Rahmen des wasserwirtschaftlichen Versuchs. In: Protokoll „Symposium Wasserwirtschaft und Auenökologie: Nationalparkgebiet Lobau“ (19. April 1993), Konzept für den Nationalpark Donau-Auen, Bericht über die Planungsarbeiten 1991 – 1993. Blaue Reihe des Bundesministeriums für Umwelt, 2. Auflage Wien, Mai 1995
  • Schiel, Werner (1992): Dotierung der Lobau – Entwurf der Betriebsordnung. In: Protokoll und Bericht Expertengespräch „Donau – Grundwasser – Trinkwasser“ (2. Juni 1992), Konzept für den Nationalpark Donau-Auen, Bericht über die Planungsarbeiten 1991 – 1993. Blaue Reihe des Bundesministeriums für Umwelt, 2. Auflage Wien, Mai 1995
  • Bauer, Siegfried & Schiel, Werner (1994): Dotation Lobau und Auenökologie. In: Nationalpark-News Donauauen Nr. 13
  • Hein, Thomas (2002): Dotation Lobau: Ökologische Beweissicherung – Wasserwirtschaftlicher Versuch; 2001 (Abstract)
  • Lebschy, Markus & Picher, Clara-Katharina & Wolf, Michael (2007): Bewertung von Hochwasserrisiko in der Gemeinde Großenzersdorf. Seminararbeit im Zuge der LVA 732.199 Interdisziplinäre Projektstudie Risiko, Universität für Bodenkultur Wien
  • JAHRESPROGRAMM 2009 der Nationalpark Donau-Auen GmbH (November 2008)
  • de Swaaf, Kurt (2009): Aufatmen in der Lobau. In: DER STANDARD, Printausgabe, 20.10.2009
  • Gerstl, Harald (2009): Das Grundwasserbetreuungskonzept – Entwicklung einer Methode zur nachhaltigen Grundwasserbewirtschaftung: Beispiele aus dem Wiener Raum. Dissertation am Department für Wasser, Atmosphäre und Umwelt, Institut für Wasserwirtschaft, Hydrologie und konstruktiven Wasserbau, Universität für Bodenkultur Wien
  • Grimm, Karl (2010): Integratives Regenwassermanagement: Motivenbericht MA 22
  • Weigelhofer, Gabriele & Reckendorfer, Walter & Funk, Andrea & Hein, Thomas. (2013): Auenrevitalisierung – Potenzial und Grenzen am Beispiel der Lobau, Nationalpark Donau-Auen. In: Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaft. 65. 400-407.
  • GRUPPE WASSER® – Ziviltechnikergesellschaft für Wasserwirtschaft GmbH. Referenzen: Dotation Lobau. In: gruppewasser.at
  • MA 45 Kurzbericht (3. Juni 1992): Dotation der Lobau, Fertigstellung des Überleitungsbauwerkes Neue Donau – Alte Donau.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Kurt Kracher, Robert Eichert, Manfred Christ

Kommentare

  • <cite class="fn">Rudolf Waleczka</cite>

    Ich fische am Donau Oder Kanal 3 und muss leider einen sehr tiefen Wasserstand melden. Ich wäre auch für ein verstärkte zusätzliche Wasserdotierung in die Lobau. Mit freundlichen Grüßen Rudolf Waleczka

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