Die Krebsscheren der Suderlacke

Wo die Lobgrundstraße, die unmittelbar am Tanklager Lobau vorbeiführt, einen beinahe rechtwinkeligen Knick macht, liegt ein weithin unbekannter, schwer zugänglicher Tümpel mit steilen Ufern, der eine botanische Spezialität zu bieten hat.

Die „Suderlacke“, wie sie von alten Waldläufern genannt wird, grenzt im Osten fast unmittelbar an einen Zaun. Sie wurde dereinst ausgebaggert – vermutlich im Zuge der Errichtung des Tanklagers Anfang der 1970er-Jahre. In der Literatur findet man sie auch unter den Bezeichnungen „Weiher am Öllager“ oder „Öllagertümpel“.

Einen sichtbaren Zu- oder Abfluss hat das rund 3000 Quadratmeter große Gewässer nicht; der Wasserstand schwankt intensiv. Umgefallene, tote Bäume liegen kreuz und quer. Bis zur Panozza-Lacke sind es knapp 500 Meter Luftlinie.

Die Unterwasser-Flora der Suderlacke ist überraschend vielfältig.  Am häufigsten sind das Gemeine Hornblatt (Ceratophyllum demersum), der Froschbiss (Hydrocharis morsus-ranae), der Gewöhnliche Wasserschlauch (Utricularia vulgaris), die Kleine Wasserlinse (Lemna minor) – und die Krebsschere (Stratiotes aloides), eine Schwimmpflanzenart, die in den Roten Listen Österreichs als „vom Aussterben bedroht (Kat. 1)“ geführt wird. In der Suderlacke findet man diese Rarität in Zehntausenden Exemplaren – der vitalste Krebsscheren-Teppich der gesamten Donau-Auen östlich von Wien.

Im Hochsommer bedecken die Krebsscheren vierzig Prozent der Wasseroberfläche. Botaniker haben die Zahl der Individuen auf etwa 20.000 Stück geschätzt. Zwischen Mai und Juli stehen sie in Blüte.

Das Vorkommen scheint jedoch nicht „natürlich“ zu sein, denn soweit man weiß, sind die Pflanzen seinerzeit von „Auenliebhabern“ (Anm.: Biologie-Studenten?) hier eingebracht worden – und zwar aus der benachbarten Panozza-Lacke, wo es angeblich so aussah, als würden sie über kurz oder lang von Badegästen, Anglern und Bootsbetrieb dezimiert werden.

Der Naturfotograf Norbert Sendor, der die Lobau seit 65 Jahren durchwandert, erinnert sich hingegen, er hätte seinerzeit gehört, dass es „die Fischer“ gewesen wären, die die Krebsscheren der Panozzalacke evakuiert und in die Suderlacke transportiert hätten – jedoch nicht aus Gründen des Naturschutzes, sondern weil die dichten, stacheligen Teppiche der Pflanzen das Angeln behindert hätten.

Krebsscheren bei Eckartsau (Foto: Norbert Sendor, 1970er-Jahre)

1846 vermerkt der Vegetationskundler August Neilreich in seiner „Flora von Wien“, dass die Krebsscheren „in den Sümpfen der Donau stellenweise häufig“ seien. Zum Beispiel „im Sumpfe zwischen dem Augarten und der Brigittenau, im Krieauer Wasser, im Prater, in der Schwarzen Lacke (Anm.: in Floridsdorf), und am häufigsten in der Lobau.“

Heute gibt es signifikante Vorkommen – abgesehen von der Suderlacke – nur noch im nicht weit davon entfernten Tischwasser und stromabwärts bei Eckartsau. Kein Wunder, diese Pflanzen werden gemeinhin durch Hochwasser verbreitet – und das ist in den Donauauen mittlerweile ein seltenes Ereignis.

Ab Ende Oktober lassen sich die Krebsscheren auf den Grund des Gewässers sinken. Die äußeren Blätter sterben ab und es bilden sich Winterknospen. Auf diese Weise überstehen sie unbeschadet die kalte Jahreszeit. Im Frühling steigen die Winterknospen an die Oberfläche und bilden Blätter. Auch die Herzen der alten Blattrosetten steigen nach der Überwinterung am Grund wieder nach oben und wachsen weiter. Natürlich funktioniert das alles nur, wenn das Wasser genügend tief ist.

Im Winter 2017/2018  war der Wasserstand in der Lobau so jämmerlich gering, dass in der Suderlacke ein großer Teil der Krebsscheren vertrocknet zu sein schien. Nun tauchen sie wieder zaghaft aus dem Schlamm nach oben und verleihen der Lacke allmählich frisches Grün.

Quellen:

„Populationsbiologie und Gefährdung der Krebsschere (Stratiotes aloides L.) in Au-Gebieten der Donau in Niederösterreich und Wien“ (Andreas Hudler, Masterarbeit, März 2014)

„Die Makrophyten der Altwässer mit Stratiotes aloides in Niederösterreich und Wien und ihre Beeinflussung durch landwirtschaftliche Nutzung“ (Jakob Vielberth, Masterarbeit, September 2015)

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